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Fußball-Kommentar : Santa Klopp und die Bescherung

Der fünfte Beatle? Trainer Jürgen Klopp hat sich in Liverpool eine gute Position geschaffen. Bild: dpa

Tempo, Temperament und Überzeugung: Der Stil seiner Teams ist unverwechselbar. Zur Saisonhälfte liegt sein FC Liverpool weit vorne. Und Fußball-Trainer Klopp weiß, wie man Meister wird.

          Im Dezember 2006 brauchte Jürgen Klopp eine Tarnung. „Es war Weihnachtspause, wir hatten elf Punkte und waren Letzter in der Tabelle“, erzählte er später. „Ich habe mich nicht gut gefühlt, aber ich habe ein bisschen Hilfe gebraucht und bin ausgegangen. Niemand hat mich gesehen, weil ich eine Maske trug: Es war der Weihnachtsmann.“

          Zwölf Jahre nach diesem Zug durch die Gemeinde, dem der Bundesliga-Abstieg mit Mainz 05 folgte, muss sich Klopp nicht mehr als Weihnachtsmann verkleiden. In dem Teil von Liverpool, in dem man das ganze Jahr Rot trägt, hält man ihn ohnehin schon längst dafür. Und sieht in ihm den Mann, der den seit 29 Spielzeiten alle Jahre wieder abgegebenen Wunschzettel demnächst endlich einlösen soll. Auf dem steht nur ein Wort: Meisterschaft. Aus Santa Claus wird Santa Klopp.

          Statt der elf Punkte, die er damals mit Mainz hatte, kommt er nun bei Saisonhalbzeit mit den „Reds“ auf 51. Das sind sechs mehr als der Zweite, Tottenham. Es ist die beste Vorrunde, die je ein deutscher Trainer in einer der großen europäischen Ligen geschafft hat (und die Thomas Tuchel bei Paris St-Germain, mit allerdings weit geringerer Konkurrenz, noch übertreffen könnte). Das Erstaunlichste daran ist nicht, dass Liverpool noch kein Spiel verloren hat, ist nicht die Zahl der Punkte, ja nicht einmal die der nur sieben Gegentore. Das Erstaunlichste ist die Leistung, alle 15 Spiele gegen die Teams auf den Rängen 6 bis 20 zu gewinnen. Bei jedem Wetter, auf jedem Boden, gegen jede Härte. Diese Konstanz gegen die sogenannten „Kleinen“ ist es, die Meister macht.

          Klopp hat die großen Finals, die er erreichte, zweimal in der Champions League, einmal in der Europa League, unglücklich verloren. Doch wie man Meister wird, weiß er. Zweimal zeigte er es mit Borussia Dortmund, das im Duell mit den Bayern auf der Zielgeraden nie einbrach. Neben Pep Guardiola, dessen Meisterteam von Manchester City diese Woche mit unerwarteten Niederlagen gegen Crystal Palace und Leicester an Boden auf Klopp verloren hat, gibt es weltweit kaum einen Trainer, dessen Teams so unverwechselbar sind – in Tempo, Temperament und der in jeder Aktion zu spürenden Überzeugung. Mit einigen teuren Transfers, wie van Dijk und Alisson, aber auch mit Eigengewächsen und eher günstigen Einkäufen von Absteigern, wie Wijnaldum, Robertson und Shaqiri, immer jedoch mit dem Blick für den Typ Spieler, den er braucht, hat Klopp nach den Schwarz-Gelben auch die „Reds“ zu einem echten Klopp-Team geformt.

          Aber natürlich weiß auch er, dass der „Weihnachtsmann noch nie ein Osterhase war“, wie Uli Hoeneß einst im Kalender festhielt. Sollte ihm die Bescherung gelingen, die der Fußball immer erst im Mai liefert, werden sie ihn in Liverpool wohl zum fünften Beatle auf Lebenszeit erklären. Spätestens dann wird Jürgen Klopp, um mal seine Ruhe zu haben, eine bessere Verkleidung brauchen als einst in Mainz.

          Christian Eichler

          Sportkorrespondent in München.

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