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Klopp und Liverpool : „Wir sind aufgeladen, das kann ich euch sagen“

  • -Aktualisiert am

Es geht wieder los für Jürgen Klopp und den FC Liverpool. Bild: dpa

Die Premier League startet wieder. Der FC Liverpool steht dicht vor der Meisterschaft. Bei Jürgen Klopp ist die Vorfreude immens. Die Zukunft von Manchester City entscheidet sich indes abseits des Platzes.

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          Mit Blick auf die Tabelle der Premier League erscheint es absurd, dem FC Liverpool ein Problem zu unterstellen. Der Klub von Jürgen Klopp steht auf Platz eins mit 25 Punkten Vorsprung vor Manchester City. Der erste Gewinn der englischen Fußball-Meisterschaft seit 30 Jahren ist nur eine Frage der Zeit. Aber in den letzten Spielen, bevor die Saison im März wegen der Coronavirus-Pandemie unterbrochen wurde, lief es bei den „Reds“ nicht mehr so rund wie zuvor.

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          In der Liga verlor der FC Liverpool zum ersten und bislang einzigen Mal in dieser Saison – mit 0:3 gegen den vom Abstieg bedrohten Watford FC. Im FA Cup schied die Mannschaft wenige Tage später gegen den FC Chelsea aus. In der Champions League scheiterte der Titelverteidiger schon im Achtelfinale an Atlético Madrid; die mental so schwer verdauliche 2:3-Niederlage nach Verlängerung im Anfield Stadium war das letzte Spiel, bevor sich Spieler und Trainer für rund drei Monate in Isolation begaben.

          In dieser Woche setzt nun auch die Premier League den Spielbetrieb fort, wie in den anderen großen europäischen Ligen selbstverständlich ohne Fans in den Stadien. Los geht es an diesem Mittwoch mit den Nachholspielen Aston Villa gegen Sheffield United und Manchester City gegen den FC Arsenal. Am Wochenende wird dann der erste vollständige Spieltag absolviert. Sollte Manchester City gegen Arsenal verlieren, könnte der FC Liverpool schon am Sonntag mit einem Sieg im Merseyside-Derby gegen den FC Everton die Meisterschaft gewinnen.

          Andernfalls braucht Klopps Team zwei Siege aus den neun verbleibenden Spielen. Seit Ende Mai trainieren die Teams wieder zusammen auf dem Fußballplatz statt individuell, um nach der langen Pause die nötige Wettkampf-Fitness zu erlangen. Klopp sagte in einem Interview mit „Fox Sports“, seine Spieler hätten sich „wie fünf und sechs Jahre alte Jungs“ darauf gefreut, während sie sich in den Gärten ihrer Häuser, so gut es eben ging, fit hielten. Diese Vorfreude wolle er nun auch in die ersten Spiele mitnehmen: „Wir sind aufgeladen, das kann ich euch sagen.“

          Auf die Profis wartet ein straffes Pensum. Bis zum 25. Juli soll die Saison beendet sein. 40 Tage für 92 verbleibende Premier-League-Spiele. Das bedeutet, dass jeder Klub im Schnitt alle viereinhalb Tage spielen muss. Hinzu kommen für einige Vereine die nationalen und internationalen Pokalwettbewerbe. Um dieser Belastung Rechnung zu tragen, dürfen die Trainer bis zum Ende der Saison pro Spiel fünfmal wechseln; sie müssen die Wechsel allerdings bei höchstens drei Gelegenheiten vollziehen, um den Spielfluss nicht übermäßig zu zerstückeln.

          Auch einige andere Dinge werden sich ändern. Spieler und Trainer müssen während der Spiele zwar keine Schutzmasken tragen, auch nicht auf der Ersatzbank, aber sie werden beim Betreten der Stadien auf eine mögliche Infektion geprüft. Statt Balljungen und -mädchen werden rund um das Spielfeld Bälle deponiert. Die Spieler werden dazu angehalten, nicht auf den Rasen zu spucken. Der Torjubel soll ohne innige Umarmungen auskommen, die Torschützen sollen stattdessen zu einer speziellen Jubel-Kamera gelotst werden.

          Die Premier League soll schließlich auch im Ausnahmezustand ein auf Hochglanz poliertes TV-Produkt bleiben. 33 der verbleibenden 92 Spiele werden im frei empfangbaren Fernsehen übertragen. Selbst die Video-Schiedsrichter werden zum Zwecke des Social Distancing auf verschiedene Räume aufgeteilt. Mit einem Augenzwinkern schrieb die „BBC“: „Zum Glück sehnen wir uns so sehr nach Premier-League-Action, dass wir sogar eine hitzige Studio-Diskussion darüber begrüßen würden, wann eine Achselhöhle zwei Zentimeter über einer willkürlichen Linie einen Wettbewerbsvorteil ausmacht und wann nicht. Es kann gar nicht früh genug kommen.“

          Zunächst hatte es geheißen, dass einige Spiele nicht in den Stadien der jeweiligen Gastgeber stattfinden dürften, um zu verhindern, dass sich Fans trotz der geltenden Abstandsregeln dort versammeln. Davon ist man in England aber abgerückt – wohl auch mit Blick auf die Bundesliga, wo es entgegen ähnlichen Bedenken nicht zu nennenswerten Ansammlungen gekommen ist.

          In Liverpool werden sie sich auch dafür interessieren, dass es in Deutschlands höchster Spielklasse seit der Wiederaufnahme des Ligabetriebs ohne Zuschauer in den Stadien signifikant weniger Heimsiege und dafür deutlich mehr Auswärtssiege gibt. Der Heimvorteil scheint ohne Fans nicht zu existieren. Der FC Everton, der seit Dezember von Carlo Ancelotti trainiert wird, liegt nur auf Position zwölf der Tabelle und hat in drei Spielen vor der Saisonunterbrechung nicht gewonnen; im heimischen Goodison Park sind sie aber seit sieben Ligaspielen unbesiegt – bei vier Siegen und drei Unentschieden. Anfang Juli ist der FC Liverpool dann zu Gast bei Manchester City. Bis dahin könnte der Titelkampf auch rechnerisch schon entschieden sein.

          Angesichts ihres riesigen Rückstands machen sie sich bei Manchester City mit Trainer Pep Guardiola ohnehin keine Hoffnung mehr, die Meisterschaft erfolgreich zu verteidigen. Den Ligapokal haben sie dagegen schon gewonnen, im FA Cup stehen sie im Viertelfinale, und in der Champions League haben sie das Hinspiel im Achtelfinale bei Real Madrid 2:1 gewonnen. Über allem schwebt jedoch das Verfahren vor dem Internationalen Sportgerichtshof (Cas), wo der aus Abu Dhabi finanzierte Klub gegen den zweijährigen Ausschluss aus dem Europapokal vorgeht, eine Strafe des europäischen Fußballverbands Uefa wegen Verstößen gegen das Financial Fairplay. Die Entscheidung des Cas wird im Juli erwartet.

          Sollte City scheitern und der Ausschluss Bestand haben, könnte das gravierende Folgen haben – nicht nur finanzielle. Superstar Kevin De Bruyne hat angedeutet, in diesem Fall einen Wechsel in Betracht zu ziehen. Andere könnten ihm folgen. Zugänge von vergleichbarem Format dürften sich dann ebenfalls nicht mehr so leicht überzeugen lassen. Es geht um alles. Verglichen damit, wirkt die Aussichtslosigkeit im Titelkampf gegen den FC Liverpool wie eine Nebensache.

          „Können unserem großen Ziel nachjagen“

          Liverpools Teammanager Jürgen Klopp hat sich vor dem Restart der Premier League am Mittwoch in einer Videobotschaft an die Fans des Vereins gewandt. „Die Liga startet wieder, das ist toll. Wir können wieder spielen und unserem riesengroßen Ziel nachjagen“, sagte der frühere BVB-Coach. Liverpool fehlen nur noch zwei Siege zum ersten Meistertitel seit 30 Jahren.

          Klopp bezeichnete die Corona-Pandemie und die Folgen als „wichtige Lektion“ Der Fußball sei „offensichtlich“ nicht so wichtig wie die Gesundheit. Die Unterbrechung der Saison war für ihn daher die richtige Entscheidung. „Wir mussten Verantwortung zeigen und haben Verantwortung gezeigt“, sagte der Trainer des Champions-League-Siegers.

          Auf die Rückkehr der Fans freut sich Klopp besonders. „Es wird einen Moment geben, wenn der ganze 400-Millionen-Menschen-Chor „You“ll never walk alone“ singen wird. Und das ist der Moment, auf den wir alle warten.“ Liverpool selbst wird erst am Sonntag beim Stadtrivalen FC Everton (20.00 Uhr bei DAZN) den Spielbetrieb wieder aufnehmen. (sid)

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