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Klopp hat nichts zu verteidigen : Die erstaunlichen Schwächen des FC Liverpool

  • -Aktualisiert am

Nicht vollends zufrieden: Liverpool-Trainer Jürgen Klopp beim Spiel gegen Leeds Bild: AFP

„I loved that!“ – Jürgen Klopp hat seine Freude beim 4:3 gegen Aufsteiger Leeds. Das Spektakel offenbart aber auch deutliche Probleme beim FC Liverpool.

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          Jürgen Klopp mag das Wort „Titelverteidiger“ nicht. Das hat der Trainer des FC Liverpool in der kurzen Sommerpause der Premier League mehrfach betont. Man kann ihn schon verstehen: Immerhin geht seine Mannschaft, nur weil sie Meister ist, nicht mit einem Vorsprung in die neue Spielzeit oder darf mehr Spieler einsetzen als die anderen. „Nächste Saison werden wir nichts verteidigen, wir werden angreifen“, hatte er vor dem Saisonauftakt gesagt. Solche Ansagen passen zu dem Image, das er sich in England aufgebaut hat. Aber beim ersten Saisonspiel gegen Leeds United am Samstag haben ihn seine Profis wohl etwas zu sehr beim Wort genommen.

          In einem wilden, ja chaotischen Spiel gewann Liverpool 4:3 gegen den furcht- und manchmal kopflos kämpfenden Aufsteiger. Dreimal glich Leeds aus, erst in der 88. Minute gingen sie k.o., als Mohamed Salah sein drittes Tor für Liverpool erzielte, zwei davon per Elfmeter. In der vergangenen Saison musste Liverpool in den ersten drei Ligaspielen nur jeweils ein Gegentor hinnehmen, dieses Mal genügten 66 Minuten für drei Gegentore. Abwehrchef Virgil van Dijk verschuldete das zweite mit einem schweren Fehler, nachdem er zehn Minuten vorher das 2:1 erzielt hatte. Auch Trent Alexander-Arnold machte auf der rechten Abwehrseite ein ungewohnt schwaches Spiel.

          Klopps Mühen ohne Erfolg

          Dennoch zeigte sich Klopp zufrieden mit der Leistung seines Teams, vor allem mit der Offensive und dem kollektiven Kampfgeist gegen einen so unbequemen Gegner. Er sei nicht überrascht gewesen von Leeds’ aggressivem Auftritt, er habe die typische Spielweise von Trainer Marcelo Bielsa sogar im Training simuliert. Leeds könne in der Premier League jedem Gegner Probleme bereiten. „Wir haben drei Gegentore kassiert. Das bedeutet, dass wir Fehler gemacht haben. Sie haben uns zu diesen Fehlern gezwungen.“

          Am kommenden Sonntag spielt Liverpool gegen den FC Chelsea. So viel Zeit zur Nachbesprechung und Vorbereitung wird Klopp selten haben in dieser Saison, die wegen ihres späten Beginns durch die Corona-Krise in einen kürzeren Zeitraum gequetscht werden muss als sonst. Für die Spieler bedeutet das ein höheres Pensum als im ohnehin prall gefüllten englischen Spielplan. Klopp hatte deshalb dafür geworben, die vorübergehend eingeführte Regel mit bis zu fünf Auswechslungen pro Spiel beizubehalten. Jedoch ohne Erfolg, die Premier League ist zu höchstens drei Wechseln zurückgekehrt. Klopp zeigte sich davon „überrascht“: Es sei ihm um das Wohl der Spieler gegangen, nicht darum, sich einen Vorteil gegenüber schwächeren Klubs zu verschaffen. „Ich weiß nicht, warum wir das diskutieren mussten. Ganz Europa macht es so.“

          So aber werde er mehr rotieren müssen, und dafür brauche er ausreichend fittes Personal. Auf dem Transfermarkt hat sich Liverpool trotz einiger Abgänge wie Dejan Lovren und Adam Lallana bislang auffallend zurückgehalten. Einziger Zugang ist Konstantinos Tsimikas, der für 13 Millionen Euro von Olympiakos Piräus als Alternative zu Linksverteidiger Andrew Robertson geholt worden ist. Angeblich hat Liverpool Interesse an Bayern Münchens Thiago Alcántara. Eilig müssen sie es nicht haben; das Transferfenster ist bis zum 5. Oktober beziehungsweise bis zum 16. Oktober für Transfers innerhalb Englands geöffnet, und im Januar bietet sich schon wieder die Gelegenheit.

          Manchester City hat fast 80 Millionen Euro ausgegeben, Chelsea mehr als 220 Millionen. „Für manche Klubs scheint es weniger wichtig zu sein, wie unsicher die Zukunft ist“, sagte Klopp, als er von der BBC darauf angesprochen wurde. „Weil sie Ländern oder Oligarchen gehören – das ist die Wahrheit.“ Die nötige Kadertiefe könnte er dagegen auch mit Spielern aus der zweiten und dritten Reihe erreichen. Der frühere Leipziger Naby Keïta spielte gegen Leeds von Beginn an; in der vergangenen Saison kam er bei 18 Liga-Einsätzen neunmal von der Bank. Winterzugang Takumi Minamino spielt bislang eine Nebenrolle, entwickelt sich laut Klopp aber gut. Hinzu kommen Nachwuchstalente wie Harvey Elliott, Curtis Jones, Rhian Brewster und Neco Williams, die Klopp heranführt. „Wir wollen immer unseren Kader verbessern, aber es gibt mehrere Wege“, sagte er. „So ist Fußball – niemand will über das Training sprechen, sondern nur über Zugänge.“

          Gegen Leeds imponierte Klopp, wie seine Mannschaft den Kampf annahm, trotz der kurzen Pause und der Länderspielreisen kurz vor dem Saisonstart. „Was für ein Spiel, was für ein Gegner, was für eine Leistung von beiden Mannschaften“, schwärmte er: „Ein richtiges Spektakel – I loved that!“ Liverpool könnte demnächst häufiger in solche Schlachten verwickelt werden. Gegner wachsen bisweilen über sich hinaus, wenn es gegen den – pardon! – Titelverteidiger geht.

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