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FC Liverpool : Die neue Mission des Jürgen Klopp

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„Ich hätte gern den besten Start aller Zeiten“: Jürgen Klopp. Bild: dpa

Durch die sündhaft teuren Neuzugänge sind die Erwartungen an den FC Liverpool groß. Trainer Jürgen Klopp aber bürstet den Druck auf seine gewohnt lässige Art einfach ab.

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          José Mourinho hatte seinen Spaß. Der Trainer von Manchester United saß mit einem Grinsen im Gesicht in einer Pressekonferenz – und stichelte genüsslich gegen Jürgen Klopp und den FC Liverpool. Als United im Sommer 2016 Paul Pogba für mehr als 100 Millionen Euro verpflichtet hatte, sagte Klopp, er würde dem Fußball den Rücken kehren, sollten solche Summen zur Normalität werden. Vor der kommenden Premier-League-Saison hat der deutsche Trainer nun sowohl den teuersten Abwehrspieler als auch den teuersten Torwart der Welt im Kader; eingekauft für umgerechnet 78,8 beziehungsweise 72,5 Millionen Euro. „Ist schon lustig, wie sich Meinungen, wie sich Menschen ändern können“, sagte Mourinho nun vergnügt und richtete dabei auch einen Appell an die Journalisten im Raum: „Vielleicht fordert ihr jetzt endlich auch von ihm, er müsse die Liga gewinnen.“

          Ja, der FC Liverpool hat tüchtig zugeschlagen auf dem Transfermarkt. Für unterm Strich mehr als 180 Millionen Euro hat der Klub von der Anfield Road im Sommer Torwart Alisson Becker von der AS Roma verpflichtet, dazu die Mittelfeldspieler Naby Keita von RB Leipzig, Fabinho aus Monaco sowie Xherdan Shaqiri von Premier-League-Absteiger Stoke City. Stand jetzt hat kein Verein in Englands erster Liga mehr Geld für neues Personal ausgegeben. Bis zum frühen Ende des englischen Transferfensters am kommenden Donnerstag dürfte sich allerdings noch einiges bewegen. Für die Liverpooler Fans muss sich das anfühlen wie ein Versprechen: Klopp und das Besitzerkonsortium aus den Vereinigten Staaten haben sich offenbar Großes vorgenommen, nachdem der Klub in der vergangenen Saison Vierter in der Premier League wurde und in der Champions League erst im Finale an Real Madrid scheiterte. Sie träumen nach Jahren der Entbehrung wieder von Pokalen – von „Silverware“, wie sie in England sagen.

          Klopp bürstete den Druck zuletzt auf seine gewohnt lässige Art einfach ab: „Uns ist egal, was die Welt um uns herum denkt“, sagte er während der Amerika-Tour mit dem FC Liverpool: „So wie es Manchester United damals egal war, was ich gesagt habe. Habe ich meine Meinung geändert? Ja. Das ist wahr. Aber es ist doch besser, seine Meinung zu ändern, als nie eine zu haben.“ Im Interview mit dem „Guardian“ erklärte er später die Strategie hinter seinen Neuzugängen: „Es geht natürlich um Konstanz. Wir arbeiten an der Tiefe unseres Kaders, denn die brauchst du.“ In der vergangenen Saison spielte der FC Liverpool in 38 Ligaspielen zwölfmal unentschieden, viel häufiger als die übrigen Teams auf den Plätzen eins bis sechs. Mit mehr Rotation und personeller Flexibilität im Verlauf der langen und körperlich strapaziösen Saison in England soll das nun besser werden.

          Eine weitere Aufgabe wird sein, wieder an den Volldampf-Fußball aus der Vorsaison anzuknüpfen, der das Publikum an der Anfield Road und weit darüber hinaus so sehr begeisterte. Klopps Mannschaft betrieb einen ungeheuren Aufwand, um hoch zu pressen, den Gegner in dessen eigener Hälfte zu jagen, ihn nach Ballgewinnen aufzuknacken wie eine Walnuss. Paradebeispiele dafür waren die Siege in der Champions League gegen Manchester City und Rom. Torwart Alisson kommt nun mit dem Versprechen nach Liverpool, zu diesem aggressiven System besser zu passen als sein deutscher Vorgänger Loris Karius: Der Brasilianer gilt als mitspielender Torwart, der oft weit aus seinem Tor hinausläuft, um gegnerische Angriffe abzufangen, und der mit dem Ball am Fuß durchaus etwas anzufangen weiß. „Der Fußball, den die Jungs letztes Jahr gespielt haben, war nicht einfach“, sagte Klopp: „Wir haben da eine Menge Arbeit reingesteckt, und das werden wir wieder tun. Ich zweifle nicht daran, dass wir diese Basis wieder erreichen werden.“

          Ob das auch für seine Topstars im Angriff gilt, bleibt abzuwarten: Mohamed Salah schoss in seiner ersten Saison für den FC Liverpool allein 44 Tore in 52 Spielen, Roberto Firmino war mit 27 Toren und 17 Vorlagen so stark wie nie, Sadio Mané steuerte ebenfalls 20 Tore und neun Vorlagen bei. Das sind Werte, die sich nicht mal eben so wiederholen lassen dürften.

          In der Vorbereitung auf die neue Saison hat der FC Liverpool eine Handvoll Testspiele absolviert: Zunächst gegen einige unterklassige Gegner, dann in den Vereinigten Staaten gegen Borussia Dortmund (1:3), Manchester City (2:1) und Manchester United (4:1). Am Samstag folgte ein 5:0-Sieg gegen den SSC Neapel, es war das Debüt des neuen Torwarts Alisson. Der letzte Test steht an diesem Dienstag gegen den FC Turin (20.30 Uhr bei DAZN) auf dem Programm. Und am Sonntag startet das Team dann mit einem Heimspiel gegen West Ham United in die Premier-League-Saison 2018/19. Die Londoner haben ihrerseits bisher 95 Millionen Euro auf dem Transfermarkt ausgegeben.

          Bei aller Coolness: Klopp weiß um die gestiegenen Ansprüche vor seiner vierten Saison mit dem FC Liverpool. „Ich kann hier keine Garantien aussprechen“, sagte er dem „Guardian“, „aber ich verstehe, warum die Leute so denken.“ Mit Blick auf den vermeintlich einfachen Saisonauftakt gegen West Ham, Crystal Palace, Brighton & Hove und Leicester City sagte er: „Ich hätte gern den besten Start aller Zeiten. Aber wir wissen alle, dass etwas schiefgehen kann, und dann wird wieder alles hinterfragt.“ Seine bislang letzte englische Meisterschaft hat der FC Liverpool vor 28 Jahren gewonnen. Keiner der Neuzugänge in dieser Saison war zu dieser Zeit schon geboren.

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