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Klopps Rückkehr nach Dortmund : Alte Liebe, echte Liebe

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Überlebensgroß: Jürgen Klopp an der „Gelben Wand“ Bild: dpa

Die Vorfreude, mit dem FC Liverpool auf seinen früheren Klub Borussia Dortmund zu treffen, löst bei Jürgen Klopp „ein klein wenig Stress aus“. Dafür erwartet ihn eine besondere Begrüßung.

          Wenn der Mannschaftsbus des FC Liverpool an diesem Donnerstagabend Kurs auf das größte deutsche Fußballstadion nimmt, erwartet den Trainer des englischen Traditionsklubs auf der berühmten Bundesstraße 1 eine besondere Begrüßung. An drei Fußgängerbrücken, die über die Fahrbahn führen, hängen große Banner mit einem Gruß. „Lieber Jürgen Klopp“, steht dort geschrieben, „zu Hause auf’m Platz sind Auswärtsniederlagen am besten zu ertragen. Willkommen in der tollen Stadt!“

          Vielleicht wird Klopp dieser Spruch dann schon bekannt vorkommen. Es gibt auch T-Shirts, die mit diesem Text bedruckt sind. Sie gehören zur Ausstattung des Flughafenpersonals, und sogar der Dortmunder Oberbürgermeister Ullrich Sierau hat eines dieser Hemdchen in die Kamera gehalten.

          Mit dem Spruch will die Stadt augenzwinkernd das Selbstbewusstsein zum Ausdruck bringen, das Borussia Dortmund auf dem Rasen im Viertelfinale der Europa League gegen den FC Liverpool zeigen soll (21.05 Uhr / Live bei Sky und im Europa League-Ticker bei FAZ.NET). Der Gruß ist aber auch als Dank an den beliebtesten Fußballlehrer zu verstehen, den Dortmund je hatte.

          Nicht nur als Dank für die Erfolge – zwei Meisterschaften, ein Pokalsieg und ein zweiter Platz in der Champions League –, die der BVB unter Klopps Regie erreicht hat. Sondern auch als Dank für die liebevollen Worte, die der Trainer gefunden hatte, nachdem er davon erfahren hatte, dass die nächste Auslandsreise ihn und seine Mannschaft ins Ruhrgebiet führen würde. „Ich freue mich wirklich darauf, meinen Jungs dieses wundervolle Stadion und die tolle Stadt Dortmund zu zeigen.“

          Die Haare noch lang: Jürgen Klopp wird am 23. Mai 2008 als neuer Trainer von Borussia Dortmund vorgestellt. Bilderstrecke

          Seit der Auslosung wächst die Vorfreude auf das Spiel in einem Maße, dass die oft überstrapazierte Metapher vom „Fußball-Fieber“ ausnahmsweise zulässig ist. Das hängt mit einer fast einzigartigen emotionalen Bindung zusammen, die in sieben überwiegend erfolgreichen Jahren zwischen der Stadt, den Fans, dem Verein auf der einen Seite und dem Trainer auf der anderen Seite entstanden ist. In der Ära Klopp ist der BVB nach schwierigen Jahren des sportlichen und wirtschaftlichen Wiederaufbaus wieder zu einer der ersten Adressen des deutschen Fußballs geworden; zu dem Klub, dem am ehesten zugetraut wird, den Branchenführer Bayern herauszufordern.

          Parallel dazu ist es den handelnden Personen gelungen, das Verhältnis zwischen Klopp und dem BVB nicht als reine Arbeitsbeziehung auszugestalten, sondern die Illusion mit Leben zu füllen, dass es im Profifußball manchmal doch noch so etwas gibt wie jene „echte Liebe“, die der Revierklub auf jeder Eintrittskarte, auf jedem Parkticket als emotionales Markenzeichen propagiert.

          Wenn solche Liebesgeschichten auch noch sportlichen Erfolg hervorbringen, entsteht selbst ein Jahr nach der tränenreichen Trennung eine Mischung aus Sehnsucht und dem Ehrgeiz, es der alten Liebe mit den Mitteln des Fußballs zu zeigen. Der Auftritt des FC Liverpool in Dortmund scheint emotional vergleichbar mit der Situation, die gegeben ist, wenn ein Mann mit einer neuen Lebensabschnittspartnerin seiner ersten großen Liebe begegnet, zu einem Zeitpunkt, da der Respekt noch immer groß und die Gefühle noch längst nicht erloschen sind.

          Auch Klopp spürt, dass das Wiedersehen ihn stärker fordern wird als jedes andere denkbare Viertelfinale. „Es wird sehr schwer werden, weil ich in den sieben Jahren zu unfassbar vielen Menschen echte, tolle Beziehungen aufgebaut habe“, sagt er. Die meisten, denen er in Dortmund begegnen werde, würden sich, „davon gehe ich mal aus“, freuen, ihn zu treffen. Und umkehrt auch. „Das Problem ist nur, dass die Situation nicht richtig dafür gemacht ist“, sich der Wiedersehensfreude hinzugeben, sie gar zu genießen, sagt Klopp. „Und das löst in mir ein klein wenig Stress aus.“ Klopp ist allerdings Profi genug, dass er sich davon nicht den Blick für den eigentlichen Anlass, das Fußballspiel, wird verstellen lassen.

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          Gerade weil die Symbiose mit dem BVB einmal so stark war, sehnt er sich nach einem Stück Alltag an diesem Festtag. „Ich brauche auch keine Begrüßung im Stadion, das ist völlig normal. Ich weiß, wie wir zueinander stehen. Das muss man mir nicht beweisen“, sagt er. „Dazu haben wir eine viel zu große Geschichte geschrieben.“

          Wie großartig diese gemeinsame Geschichte sich für die Beteiligen auch anfühlen mag, es gehört nicht viel Phantasie dazu, sich vorzustellen, dass Klopp seine neue Mannschaft – wie einst den BVB – auf die Rolle des Underdogs einstimmen wird; dass er bei den Spielern mit all seinem Charisma Kräfte freizusetzen versucht, von denen sie vielleicht selbst (noch) nichts wissen. Dabei kommt ihm zugute, dass Liverpool als Außenseiter in dieses Viertelfinale geht. Die „Reds“ belegen in der Premier League nur den neunten Platz, mit neun Punkten Rückstand auf den Vierten Manchester City.

          Mehr als die sportliche Stärke des achtzehnmaligen englischen Meisters fürchtet Hans-Joachim Watzke daher den Faktor Klopp. „Am meisten fürchte ich, dass er versucht, uns einzulullen, dass so eine Freundschaftsspiel-Atmosphäre entsteht“, sagt der Vorsitzende der BVB-Geschäftsführung. „Wir müssen aufpassen, dass wir uns nicht einseifen lassen.“ Watzke wünscht sich, dass die früheren Partner das Viertelfinale „unerbittlich ausfechten“ und erst „danach wieder in den Freundschaftsmodus wechseln“.

          Glaubt man Trainer Thomas Tuchel und den Dortmunder Spielern, stehen die Chancen dafür gut. Gonzalo Castro etwa kann den Hype um Klopp nicht ganz verstehen. „Es ist doch nicht das erste Spiel, in dem ein Trainer auf seine Ex-Mannschaft trifft“, sagte der Mittelfeldspieler am Tag vor dem Anpfiff lapidar. Castro kickt erst seit Saisonbeginn für Dortmund, hat die Ära Klopp beim BVB also nicht miterlebt. Wenn die Vorgeschichte dieses Spiels seine Kollegen ebenso kalt lässt wie ihn, dürfte es für Klopp, bei aller Liebe, sehr schwer werden in „seinem“ Stadion.

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