https://www.faz.net/-gtl-paoa

Jürgen Klinsmann : Erneuerer trifft Wirklichkeit

Klinsmann vor dem ersten Kontakt mit dem deutschen Fußballvolk Bild: AP

Das Spiel gegen Weltmeister Brasilien wird gleichzeitig zu einem ersten Stimmungstest, ob das Business-Modell des schwäbisch-kalifornischen Fußballunternehmers beim Publikum Anklang findet.

          3 Min.

          Als es sich Jürgen Klinsmann zuletzt auf dem Flug von Los Angeles über dem Atlantik bequem gemacht hatte und in deutschen Zeitschriften blätterte, da dürfte sich in ihm wieder das Gefühl ausgebreitet haben, daß in seiner alten Heimat etwas nicht stimmt.

          Michael Horeni

          Korrespondent für Sport in Berlin.

          Es ist diese deutsche Mentalität, die dem Bundestrainer mit Lieblingswohnsitz in Kalifornien derzeit nicht gefällt. Alles wird so pessimistisch gesehen. Auch die Sache mit den Fitneßtrainern, die sich einige Tage vor dem Spiel gegen Brasilien der Nationalspieler annahmen. Die Jungs von Athletes Performance aus Arizona sind Teil jenes "neuen Denkens", das Klinsmann im alten Europa bis zur WM 2006 befördern will. Aber auch diese neue Ertüchtigungsformen sind im Land des dreimaligen Weltmeisters vor dem Duell gegen Brasilien skeptisch aufgenommen worden. Mit zusammengebundenen Füßen watschelten die Nationalspieler über den Platz, und am nächsten Tag fragte sich "Bild", das deutsche seismographische Institut für Stimmungen: "Nationalelf trainiert Gummitwist - Spielen wir jetzt besser Fußball?"

          Importierte Lebensfreude für biedere Fußballarbeiter

          Eine erste ernsthafte Antwort darauf wird die Nationalelf schon an diesem Mittwoch gegen den Weltmeister geben müssen. 21 Monate sind es nur noch bis zur WM, und die Maßeinheit für den Reformer mit amerikanischem Gedankengut ist nicht zuletzt der schnelle Erfolg, um seinen neuen Kurs zu stützen. Die Tage in Berlin haben die hohe Veränderungsdynamik von Klinsmann und Co. nicht nur auf dem Trainingsplatz gezeigt, wo aus den Schlagworten "Tempo und Aggressivität" eine zeitgemäße Spielkultur erwachsen soll. Die mit Klinsmann importierte Lebensfreude, mit der sich die zuletzt biederen deutschen Fußballarbeiter anstecken sollen, förderte das nationale Dreigespann mit ungewohnter Offenheit im Quartier. Ein Besuch im Museum oder im Kino, Abendessen fern der Mannschaft, ein bißchen shoppen - alles endlich möglich dank der neuen Freiheiten im Tagesablauf.

          "Die Spieler werden behandelt wie erwachsene Leute", sagt der Bundestrainer. Das kommt an. Die "langen Gesichter", die Oliver Kahn in den letzten Jahren immer wieder mal wegen des stumpfen Hotelalltags ausgemacht hatte, sind in Berlin verschwunden. Die Stimmung im Team ist gut. Aber die grummelnden Stimmen außerhalb des engen Mannschaftskreises, wonach der Erneuerer sich zu übernehmen drohe, dringen auch zu den Profis vor. "Es gibt positive Meinungen, manche sind skeptischer", sagt Kapitän Ballack, "aber die Spieler ziehen voll mit. Mal sehen, was die Zeit bringt."

          Erster realer Kontakt mit dem Fußballvolk

          Auf die Mannschaft kommt es an. Die Liga jedenfalls bricht über den Reformer nicht in Begeisterung aus. Die Bayern unterstützen ihn, ansonsten ist die Haltung eher reserviert. Und auch vom öffentlichen Sympathiebonus kann der neue Bundestrainer weit weniger zehren als sein Vorgänger. Als Rudi Völler vor vier Jahren in der damaligen Krise antrat, wollte er das Fußball-Land versöhnen, nicht spalten. Er sprach in aller Bescheidenheit - und die Leute liebten ihn dafür. Sein erster Auftritt mit dem Team in Hannover endete in einem Triumphzug.

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.