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Jürgen Klinsmann : Ein großer Schritt für Amerika

  • -Aktualisiert am

Bild: reuters

Es ähnelt manchmal einem Raumfahrtprojekt, wenn eine Fußballorganisation Jürgen Klinsmann einstellt. Bei seinem jüngsten Arbeitgeber, dem amerikanischen Fußballverband ist das nicht anders. Klinsmann gibt sich wie gehabt: optimistisch.

          Jedes Mal, wenn Jürgen Klinsmann einen neuen Job landet, scheint es für ihn nur ein kleiner Schritt. So wie vor ein paar Tagen, als sich der ehemalige Trainer der deutschen Fußball-Nationalmannschaft nur einen letzten kurzen Ruck geben musste, um endlich den Posten anzunehmen, dem man ihm seit fünf Jahren immer wieder angetragen hatte: der des Nationaltrainers der Vereinigten Staaten. Ganz anders sieht es jedes Mal für die Organisation aus, die den gebürtigen Schwaben anheuert. Für sie ist das – frei nach Neil Armstrong – eine Riesenschritt. Denn die kauft bei einer solchen Gelegenheit immer auch seine Pläne mit ein. Und die ähneln bisweilen einem Raumfahrtprojekt. „Er ist ein Visionär, ein großer Redner“, registrierte die New York Daily News am Montag, nachdem der 47 Jahre alte Klinsmann vor einer stattlichen Kulisse aus Fernsehkameras und Reportern in einem Sportausrüstungspalast in Manhattan als neue Galionsfigur des dümpelnden Schiffes namens „US Soccer“ präsentiert worden war.

          Denn wenn es nach Klinsmann geht, soll der Dampfer nicht nur mit der Nationalmannschaft wieder Fahrt aufnehmen. Seine Arbeit soll gleichzeitig die Inspiration für die Entwicklung eines originären amerikanischen Fußballstils werden. Einer, der die Mentalität und die Kultur des Landes widerspiegelt. Nicht mehr und nicht weniger. „Beim Fußball geht es darum, dass sich die Leute mit einer Mannschaft identifizieren“, sagte Klinsmann bei seiner Vorstellung. „Wir müssen einen Stil und ein Team schaffen, die den Menschen wirklich etwas geben.“

          Carte blanche für Klinsmann

          Neben ihm auf dem Podium saß der immer so sorgenvoll blickende Verbandspräsident Sunil Gulati, Sohn indischer Einwanderer, der den ethnischen Mix einer Fußballlandschaft symbolisiert, die sich aus den Einwanderern aus zahllosen Ländern entwickelt hat. Das anspruchsvolle Vorhaben hat seinen Segen. „Wir starten mit ihm in eine neue Ära“, sagte Gulati. Und er betonte: „Zwischen uns gibt es kein Problem in Sachen Kontrolle.“ Klinsmann hat also eine carte blanche – bis zum Ende der Weltmeisterschaft 2014, wenn sein Vertrag ausläuft.

          Wie man ihn kennt: Jürgen Klinsmann gab sich bei der Vorstellung in New York gewohnt optimistisch

          Auch diesmal gehören ein paar Experimente zum Repertoire des ehemaligen Torjägers, der die Medienvertreter mit der für ihn typischen Mischung aus unbekümmertem Optimismus und weitreichenden Analyseansätzen umwarb. So wird er in den kommenden Monaten keinen festen Stab von Assistenten verpflichten. „Ich werde von Spiel zu Spiel mit anderen Leuten arbeiten“, sagte Klinsmann, der einst keine Probleme hatte, ruckzuck etwa mit Joachim Löw einen hochbegabten Fachmann fürs Taktische aus dem Hut zu ziehen, und in München mit dem blassen Amerikaner Martin Vásquez an seiner Seite antrat, der ihm in seinen Auseinandersetzungen mit der Mannschaft und der Klubführung keine Hilfe war. „Ich werde mir Zeit lassen“, unterstrich Klinsmann, der in Europa ein Netz aus Trainern gewinnen will, die ihm helfen sollen, die Aspiranten für die Nationalmannschaft zu beobachten.

          Die Liste der Auslandsamerikaner ist lang und reicht von Freddy Adu (bei Benfica Lissabon unter Vertrag) und Josmer Altidore (AZ Alkmaar), über den Schalker Jermaine Jones, den Gladbacher Michael Bradley und den Hannoveraner Steve Cherundolo bis hin zu Kapitän Carlos Bocanegra (Saint Etienne) und Sturmspitze Clint Dempsey (Fulham). Schon an diesem Mittwoch will Klinsmann seinen ersten Kader für das Testspiel am kommenden Mittwoch gegen Mexiko in Philadelphia bekanntgeben.

          Zeit wird er brauchen

          Derzeit liegen die Vereinigten Staaten nur auf Platz 30 der Weltrangliste. Es kann also eigentlich nur bergauf gehen. Doch Klinsmann deutete an, dass die internationale Spitze noch ein ganzes Stück entfernt sei. „Es ist noch ein langer Weg, um in die Top Ten zu kommen. Man muss realistisch sein, da gehören wir noch nicht hin“, sagte er – und versuchte doch sogleich, das Positive in den Blick zu nehmen: „Natürlich laufen hier nicht fünf Messis um die Ecke, die Jungs sind aber unheimlich ehrgeizig.“

          Zeit wird er jedenfalls brauchen. Auch, um irgendwann in den armen Latino-Vierteln der Großstädte den einen oder anderen vielversprechenden Instinktfußballer aufzustöbern und auf Sicht den Einfluss von High-School- und Collegetrainern auf die Entwicklung von Spitzenspielern zurückzudrängen. „Ich komme hier nicht her und markiere den Europäer“, versprach er den amerikanischen Fußballanhängern, die von Klinsmann viel erwarten, weil er als Spieler und Trainer eine Erfolgsvita zusammengetragen hat und dank der vielen Jahre in seiner Wahlheimat Kalifornien ein Gespür für die Bedürfnisse der amerikanischen Soccer-Gemeinde entwickelt hat. Wie viel das wert ist, wird sich ansatzweise schon in der nächsten Woche zeigen.

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