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DFB-Pokalfinale gegen Leipzig : Kimmich und die neue Perspektive bei Bayern

Elternglück und Double-Freude? Freundin Lina (links) und Joshua Kimmich erwarten ihr erstes Kind, dazu soll, wie auf dem Bild von 2016, nach der Meisterschale auch der DFB-Pokal kommen. Bild: Picture-Alliance

In Leipzig lernte er „Männerfußball“, in München wurde er Nationalspieler. Und womöglich wird sich für Joshua Kimmich beim FC Bayern bald eine neue Tür öffnen. Dazu kommt für ihn ein ganz besonderer Sommer.

          Es passiert nicht oft, dass Joshua Kimmich spät dran ist. In dieser Saison hat er alle 3060 Spielminuten in der Bundesliga absolviert, was zuletzt beim FC Bayern Philipp Lahm vor acht Jahren gelungen war. Mit seinem großen Vorgänger wird Kimmich oft verglichen, und in mancher Hinsicht hat er den Weltmeisterkapitän schon überholt. Eine Laufleistung von mehr als vierhundert Kilometern in einer Ligasaison erreichte auch Lahm nie. Mit 405,77 Kilometern wird Kimmich nur vom Bremer Maximilian Eggestein (409,24) distanziert. Und seine 16 Assists machen ihn zu einem Torvorbereiter, wie ihn der deutsche Fußball auf der Position eines Außenverteidigers vielleicht noch nie hatte. In dieser Spielzeit übertrifft ihn nur der Dortmunder Angreifer Jadon Sancho (18).

          DFB-Pokal
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          Christian Eichler

          Sportkorrespondent in München.

          Wie wichtig Kimmich für die Bayern ist, wird dadurch unterstrichen, dass die bitterste Saisonniederlage ohne ihn zustande kam: das 1:3 in der Champions League gegen den FC Liverpool, als er wegen einer Gelben Karte aus dem Hinspiel fehlte – seine einzige Sperre in bisher vier Bayern-Jahren, böse bestraft, als Vertreter Rafinha zweimal gegen Sadio Mané zu spät kam. Die Lücken, die sein Vorwärtsdrang manchmal auf der eigenen Abwehrseite riss, wenn die rechte Abwägung für die Balance von defensiver und offensiver Rolle fehlte, hat Kimmich in der Rückrunde dieser Saison immer besser in den Griff bekommen. Trainer Niko Kovac fordert, wie zuvor schon Jupp Heynckes, diese positionelle Disziplin von ihm ein.

          Ausgerechnet vor dem Pokalfinale an diesem Samstag (20.00 Uhr im F.A.Z.-Liveticker zum DFB-Pokal, in der ARD und bei Sky) aber ist Kimmich ausnahmsweise mal spät dran. Erst am Freitag, einen Tag nach dem Rest des Teams, reiste er nach Berlin. Er hatte noch eine Nacht in München bleiben dürfen, wo seine Freundin Lina ihr erstes Kind erwartet. Kennengelernt haben die beiden sich in Leipzig, als die Jurastudentin einen Job im Fan- und Ticket-Shop von RB hatte – und der Jungprofi sich auf seiner ersten Station im großen Fußball bewährte. So wird das Pokalfinale für Kimmich auch eine Reise in die eigene Vergangenheit, in jene Zeit, in der er, wie er es nennt, „Erwachsenenfußball“ lernte.

          Im Berliner Olympiastadion kommt es zum Wiedersehen mit dem alten WG-Kumpel Yussuf Poulsen. Die Wohngemeinschaft der begabten Fußballlehrlinge aus Kopenhagen und Rottweil muss man sich heutigen Schilderungen zufolge wohl so vorstellen, wie man es aus Film und Fernsehen von unsterblichen Männer-Duos wie Walter Matthau und Jack Lemmon oder Ernie & Bert kennt – das tägliche Spannungsfeld zwischen fröhlichem Hallodri und pingeligem Ordnungsfreund. „Er war viel zu perfektionistisch, um mit mir zusammenzuwohnen“, erinnerte sich Poulsen, der in dieser Saison 15 Tore für RB geschossen hat. „Im ersten Jahr war das mitunter nicht unproblematisch“, verriet Kimmich, „aber mit der Zeit sind wir immer enger zusammengewachsen.“

          RB-Trainer Ralf Rangnick hatte den 18-jährigen Kimmich, dem man bei seinem Ausbildungsverein VfB Stuttgart nicht mal einen Platz in der zweiten Mannschaft geben wollte, auf Leihbasis nach Leipzig geholt. Dort machte Kimmich zwei Jahre lang die Ochsentour durch die dritte und zweite Liga – und wurde für Rangnick zu „einem der besten Spieler, die ich je trainiert habe“. Leipzig, so Kimmich im Rückblick, „war genau der richtige Schritt. Dritte Liga, zweite Liga, da lernt man Männerfußball.“ Statt „Tiki-Taka mit zwei Kontakten“ werde da „extrem körperbetont gespielt. Das Wissen, wie dort agiert wird, hilft mir auch heute noch.“

          Aus dem Drittligaverein, zu dem er 2013 kam, wurde 2019 eines der drei besten Teams der Bundesliga. „Dass sie in die Bundesliga aufsteigen und dort eine gute Rolle spielen werden, habe ich erwartet, aber dass sie so schnell zu einem Topklub werden, war für alle überraschend“, sagte Kimmich vor dem Pokalfinale im Interview mit der „Leipziger Volkszeitung“. In seinem alten Klub sieht er mit dem im Sommer kommenden Trainer Julian Nagelsmann einen harten Rivalen der Bayern im Titelkampf der kommenden Jahre. „Das ist eine spannende Kombination. RB wird dadurch noch gefährlicher.“

          im DFB-Pokalfinale trifft Joshua Kimmich auf seinen alten Verein aus Leipzig.

          RB Leipzig hätte Kimmich gern behalten, doch der VfB Stuttgart, der die Leihe nicht verlängern wollte, verkaufte ihn für 8,5 Millionen Euro an die Bayern – aus damaliger Sicht ein spekulativ hoher Preis für einen Zwanzigjährigen ohne Bundesligaspiel, aus heutiger eines der Schnäppchen des Jahrzehnts. Auf Anhieb wurde Kimmich Stammkraft in Pep Guardiolas Weltklassekader und bald auch im Nationalteam. Bei Joachim Löw hat er sich seit der WM 2018 auf seiner Lieblingsposition im defensiven Mittelfeld etabliert – wo er auch in seinen zwei Jahren in Leipzig gespielt hatte. „Im Herzen war ich immer ein Sechser“, sagte er einmal. Die Verpflichtung von Benjamin Pavard, als Rechtsverteidiger Weltmeister mit Frankreich, könnte Kimmich bald auch bei den Bayern die Tür ins Spielzentrum öffnen.

          Wird das Pokalfinale also womöglich das letzte Spiel des Rechtsverteidigers Kimmich? Ein unvergessliches in jedem Fall. Das letzte vor den ersten Vaterfreuden. Und das letzte vor dem ersten freien Sommer seiner Erwachsenenzeit. Wenn andere Ferien hatten, war Kimmich die letzten fünf Jahre stets im Einsatz: 2014 Europameister mit der deutschen U-19-Auswahl, 2015 EM-Halbfinale mit der U 21, 2016 EM-Halbfinale mit der Nationalelf, 2017 Confed-Cup-Sieg, 2018 WM-Debakel. Zeit für eine verdiente Babypause.

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