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Blatter und der Fifa-Skandal : Die dunkle Seite der Macht

  • -Aktualisiert am

Unangreifbar: Blatter (hier im Januar 2010) in seinem Züricher Büro Bild: Keystone Schweiz/laif

Wie ein Patriarch sitzt Präsident Joseph Blatter seit vielen Jahren an der Spitze des Fußball-Weltverbandes Fifa. Und das wird sich auch nicht ändern – allen Ermittlungen und Skandalen zum Trotz. Blatters Macht stützt sich auf drei Säulen.

          Die Tür zu seinem Privatbüro im Hauptquartier des Fußballs öffnet Joseph Blatter mit Hilfe seines Fingerabdrucks. Das Lesegerät erkennt sofort: Hier kommt der Höchste. Der Präsident. Das Gebäude auf dem Zürichberg, in dem Blatters Büro liegt, ist sein Zuhause. Er nennt es „Home of Fifa“. Und die Fifa, der Welt-Fußballverband, ist ja er.

          Evi Simeoni

          Sportredakteurin.

          Den Rest der Fußball-Population betrachtet Blatter als seine Familie. 1,6 Milliarden Mitglieder habe seine Familie, es sei die größte der Welt, größer als China oder Indien. Drinnen in seinem Büro aber ist er bei sich. Hier sitzt Blatter die Krisen seiner Familie aus. Hier bestimmt er ihre Geschicke, spinnt sein Netz aus einem Mischgewebe, das er aus Wohltaten, Erpressung, Druck und Einschüchterung zusammendrillt, zieht die Fäden straff, wenn es sein muss, und fürchtet inzwischen gar nichts mehr, weder Tod noch Teufel, noch die Schweizer Staatsanwaltschaft oder das FBI. Und wenn einer der Seinen zu eigenmächtig wird, oder wenn er es übertreibt mit der Gier, wenn er zu sperrig wird, um ihn weiter zur Durchsetzung der eigenen Interessen zu gebrauchen, dann fällt er Blatters angeblichem Reformprozess zum Opfer. Oder, noch besser: Die Behörden nehmen dem Patriarchen die Arbeit ab.

          Stellvertretend für all die ihm anvertrauten Seelen begrüßt den Präsidenten Blatter in seinem Büro seine Plüschtiersammlung, ordentlich auf ein Sofa drapiert, er hat offensichtlich auch einen Sinn fürs Niedliche. Auf diesem Sofa sollen die weichen Kerlchen nach seinem Willen noch lange sitzen bleiben. Wo sonst? Blatter will beim Fifa-Kongress am Freitag in Zürich für seine fünfte Amtszeit als Fifa-Präsident kandidieren, er plant die Jahre achtzehn bis einundzwanzig seiner Regentschaft. Niemand kann ihm seinen natürlichen Platz an der Spitze seines Riesenverbandes streitig machen. Seine - seit Mittwoch dezimierte - Familie muss auch diesmal gehorchen. Er hat sie im Griff. Und eine höhere Instanz, die ihn bremsen könnte, gibt es nicht, zumindest nicht hienieden. Es müsste schon der ganze Kongress abgesagt werden, damit er seine Pläne wenigstens aufschieben muss.

          Wenn Blatter in den Spiegel blickt, sieht er das Gesicht eines alten Mannes. Seine dunklen Augen blitzen noch, der Job verleiht dem kleingewachsenen Walliser Energie. Viele aber sagen, Blatter sei zu alt für das Amt. Nächstes Jahr wird er 80, nach dem Ablauf einer weiteren Amtszeit wäre er 83 Jahre alt. Niemand kann sicher sein, dass er danach nicht immer noch weitermachen will. Obwohl wohl die meisten Blatter für untragbar halten. Aus Bergen von Schmutz hat er sich in seinen 40 Jahren bei der Fifa herausgewühlt, und es gibt nur noch einen, der ihn trotzdem für sauber hält: das ist er selbst.

          Die Fifa bin ich: Joseph Blatter (Mitte) bei der Verleihung des WM-Pokals 2014 mit Brasiliens Präsidentin Rousseff, Nationalmannschaftskapitän Lahm, Kanzlerin Merkel und Bundespräsident Gauck und dem Generalsekretär der Fifa, Jérôme Valcke (mit Pokal)

          Schweizer Behörden nahmen am Mittwochmorgen sieben teils ranghohe Fifa-Funktionäre fest. Die Staatsanwaltschaft eröffnete außerdem ein Strafverfahren rund um die Vergaben der Fußball-Weltmeisterschaften 2018 an Russland und 2022 an Qatar. Die Verhaftungen zwei Tage vor dem Kongress im Züricher Hotel Baur au Lac spiegeln den Zustand von Blatters Verband so deutlich wider, dass alle Beteuerungen wie Hohn klingen. Auch jene, dass die Untersuchung der Schweizer Staatsanwaltschaft um die WM-Vergaben dem angestrebten Säuberungsprozess diene. Aber Blatter bleibt ruhig. Er gehört nicht zu den von der Justiz Verdächtigten. Niemand hat je einen Beweis dafür gefunden, dass er sich am Fußball unrechtmäßig bereichert hätte.

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