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José Mourinho : Real oder surreal?

Wie ein Besessener

Wo bei diesen Machtspielen die Wirklichkeit aufhört und Mourinhos Verfolgungsphantasien beginnen, ist schwer zu sagen. Klar ist die Bedeutung eines Schlüsseldatums. Bei seinem allerersten Clásico am 29. November 2010 musste Mourinho hilflos mit ansehen, wie seine Männer vom FC Barcelona regelrecht zerlegt wurden und am Ende mit einem 0:5 nach Hause schlichen. Es war seine höchste Niederlage als Trainer. Eine „manita“, ein Händchen mit fünf Fingern, ist die charakteristische Geste der katalanischen Fans, um auf diese Ohrfeige anzuspielen, die ihrerseits an ein legendäres 5:0 der Ära Johan Cruyff erinnert. Kein Clásico der letzten zehn Jahre hatte diese provozierende Wirkung, nicht einmal Reals schmerzliche 2:6-Heimniederlage in der Saison 2008/09.

Beobachter behaupten, an diesem Tag sei etwas eingeschnappt. Der gedemütigte Mourinho habe sich wie ein Besessener darangemacht, den Barça-Code zu knacken. Dass er es mit allen erdenklichen Methoden probierte, spricht zumindest für seine Unbeugsamkeit. Zuerst kamen die Abwehrschlachten mit einem völlig enthemmten Vorstopper Pepe. Die Clásicos wurden hässlich und auf ungute Weise prinzipiell. Hier der Zauberfußball von Pep Guardiola, dort Mourinhos kompakter Destruktionsstil. Obwohl die Katalanen anfangs die Oberhand behielten, schien das häufig wiederkehrende Duell eher am sensiblen Guardiola zu nagen. In den letzten Spielen gewann meist Real. Mourinho durfte sich bestätigt fühlen.

Vom „Special One“ zum „Only One“?

Zufrieden jedoch wirkt er nicht, und sein Inneres bleibt unlesbar. Laufen die Dinge allzu glatt, erfindet der Trainer Konflikte oder fordert Gefolgschaft für seine Verschwörungstheorien. Mal sind es die Schiedsrichter. Dann der Spielplan. Dann die Uefa. Schließlich das Publikum des Bernabéu-Stadions, das so viel kühler sei als in England, wo der Fußball noch mit wahrer Passion gelebt werde. Nach dem ersten Casillas-Eklat wurde es den Fans zu bunt, und sie pfiffen den Trainer im eigenen Stadion erbarmungslos aus. Schon im September hatte der Trainer, der immer wieder mit einer Rückkehr in die Premier League kokettiert, der Mannschaft angelastet, durch mangelnde Motivation den Meistertitel vergeigt zu haben.

Die spanische Sportpresse hat schon so oft geschrieben, Mourinho solle auf diese Albernheiten verzichten, dass die Kritik am mächtigsten Trainer, den es in Madrid je gab, zum leeren Ritual geworden ist: Mourinho verzichtet nicht. So wenig, wie er ohne Nahrung und Atemluft auskommt. Deswegen ist die Situation so delikat. Sollte er mit Real Madrid im Wembley-Stadion die ersehnte „Décima“ gewinnen, würde „The special one“ endgültig zum „Only One“ geadelt. Dann müssten ihm auch seine Widersacher Blumen streuen und ihre bösen Worte von damals herunter würgen. Selbst dann allerdings wäre unklar, ob er ginge oder bliebe.

Soeben hat auch der Präsident des Jugendklubs CD Canillas, in dem Mourinhos kleiner Sohn kickt, zur Verwirrung beigetragen. José Mourinho sei nächste Saison nicht mehr in Madrid, gab der Mann weiter, räumte aber ein, er wisse nicht, ob Reals Coach seine Worte „im Spaß oder im Ernst“ geäußert habe. Natürlich wurde der Präsident umgehend dafür gerüffelt, aber das ist ungerecht. Spaß und Ernst könnten in den Händen des genialen Selbstdarstellers José Mourinho durchaus dasselbe sein.

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