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José Mourinho : Real oder surreal?

Ärger, Langeweile und Pampigkeit in Sekundenschnelle

Auch wenn etwas Glück dabei war, alles ist auf dieses Saison-Finish zugelaufen. Und dann? Mourinho, der Motivator, der Egomane, könnte ebenso gut gehen wie bleiben. Sein Vertrag läuft bis 2016, aber das heißt nicht viel. „The Special One“ ist in seiner Undurchschaubarkeit zu erstaunlichen Manövern fähig. Vor drei Jahren, als er mit Inter Mailand im Bernabéu-Stadion gerade die Champions League gewonnen hatte, flog er nicht einmal mit seinen Leuten zum Feiern nach Italien zurück, sondern blieb zur Vertragsunterzeichnung gleich in Madrid. Mourinho, darüber macht man sich in der spanischen Hauptstadt nichts vor, liebt nicht den Verein, sondern den Erfolg.

Jetzt ist ein Bekenntnis fällig. Es ist faszinierend, dem Mann in der Pressekonferenz gegenüberzusitzen und sein Mienenspiel zu beobachten. Denn man glaubt nicht, was man da sieht. Bernd Schuster war als Real-Coach am Ende auch deshalb unbeliebt, weil er offensichtlich keine Lust mehr hatte, den Medien Futter hinzuwerfen. Manuel Pellegrini, der noble Chilene, war so anständig, dass die Journalisten ihm schon früh das Verfallsdatum aufdrückten. Doch Mourinho ist eine ganz besondere Show: Des Rampenlichts stets bewusst, lässt er in Sekundenschnelle Ärger, Langeweile, Gleichgültigkeit, Pampigkeit oder gespieltes Erstaunen über seine Züge flimmern, und kaum glaubt man, auf dieser Bildschirmoberfläche eine authentische Emotion gesichtet zu haben, ist der Eindruck schon wieder verschwunden. Nicht seine Worte sind das Ereignis seiner Auftritte, sondern dieses Schauspielergesicht, das sorgfältig dosierte Ironie- und Distanzierungssignale, manchmal auch nur miese Laune ausstrahlt. Mourinho, noch immer ein attraktiver Mann, könnte der George Clooney für die Südkurve sein. Doch vermutlich fühlt er sich in der Besetzung des bad cop am aller wohlsten.

Mienenspiel I: José Mourinho ist sich des Rampenlichts stets bewusst Bilderstrecke

So einer, das liegt auf der Hand, gedeiht am besten im permanenten Reizklima. Man sieht es daran, dass ihm auch stumpfe Waffen recht sind. Zu seinen vielen Opfern zählt etwa Sportdirektor Jorge Valdano, dem Real auf Drängen Mourinhos im Mai 2011 kündigte. Oder der Reservist Pedro León, den der Coach so lange schikanierte, bis sich der Mittelfeldspieler an den Vorortklub FC Getafe ausleihen ließ.

Der Fall, der die Fans am heftigsten aufbringt - man will sich ja noch steigern können -, ist Mourinhos systematische Demontage eines Idols. Letzten Dezember fand sich der Real-Kapitän und spanische Nationaltorwart Iker Casillas plötzlich auf der Ersatzbank wieder. Angeblich hatte er sich im Training nicht genug angestrengt. „Mourinho macht sich lächerlich“, kommentierte „Marca“. Vor drei Monaten brach Casillas sich im Pokalspiel gegen Valencia die Hand, und das war Mourinhos Chance. Der Trainer baute mit Diego López einen Ersatzmann auf, der seit Monaten in Topform spielt, und versperrte Casillas damit den Rückweg ins Team. Der Keeper ist für Real ein Symbol: Spanier, Madrilene und der vorläufig letzte Weltstar aus der eigenen Jugend. Vor allem ist er in seiner Besonnenheit das Gegenteil von Mourinho. Hielte Nationalcoach Vicente del Bosque an seiner Nummer eins nicht seelenruhig fest, wäre die Saison für Casillas wohl vorbei.

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