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José Mourinho : Pokerspieler, Opfer, Pistolero

Herrscher der Düsternis: José Mourinho geht auch bei Real seinen eigenwilligen Weg Bild: dapd

José Mourinho wirbelt Real Madrid durcheinander. Die Waffe des Welttrainers des Jahres 2010 ist das Wort. Die Emotionen, die sich zuletzt gegen ihn aufgebaut haben, lassen die Feindschaft des Fußballpöbels gegen Ronaldo verblassen.

          Früher wurde bei Real Madrid noch vom Vereinspräsidenten geredet. Welchen Star Florentino Pérez als Nächstes verpflichten wolle, welchem neuen Traum von sportlicher und wirtschaftlicher Größe er jetzt wieder nachjage. Dann kam Cristiano Ronaldo, der teuerste Spieler aller Zeiten, und eine Weile sprachen alle nur noch von ihm. Wie pfauenhaft er sei, dass er an keinem Spiegel vorbeigehen könne, ohne stehenzubleiben, und die Partien allein gewinnen wolle. Und schließlich, vor einem halben Jahr, landete in Madrid José Mourinho. Seitdem haben die Wasser ihr Hauptbett gefunden und fließen alle in dieselbe Richtung. Nicht der Präsident zählt, nicht der Star, es zählt der Trainer.

          Paul Ingendaay

          Europa-Korrespondent des Feuilletons in Berlin.

          Womit gemeint ist, nur der Trainer. Dieser Trainer. „The Special One“, wie er sich in England selbst getauft hat. Man hatte sich ja daran gewöhnt, dass die Fans kleinerer Vereine ihre Hassrituale gegen den Ausnahmeathleten Cristiano Ronaldo abwickeln. Pfiffe bei jeder Ballberührung, Schmähgesänge, Blenden durch Laserstrahlen. Aber die Emotionen, die sich in kürzester Zeit gegen den Real-Coach aufgebaut haben, lassen die Feindschaft des Fußballpöbels gegen Ronaldo verblassen. Inzwischen ist es üblich, dass gegnerische Trainer die Atmosphäre anheizen. Mourinho sei arrogant, ungehobelt und taktlos, heißt es von Santander bis nach Sevilla. Selbst Franz Beckenbauer stimmte in den Chor der Mourinho-Kritiker ein.

          Eines steht fest: So unbekümmert um sein Image ist selten eine sportliche Führungsfigur aufgetreten. Als im Januar die Fifa-Wahl zum Trainer des Jahres 2010 anstand und nicht nur Mourinho, sondern auch Spaniens Coach Vicente del Bosque in die engere Auswahl kam, ließ der Portugiese verlauten, nur im Klubtraining müsse man Kontinuität beweisen. Mourinho setzte den Mitkonkurrenten planvoll herab - und gewann die Auszeichnung in Zürich für sein „Triple“ mit Inter Mailand.

          Real-Präsident Florentino Perez: Mourinho als letzte Kugel

          Rückkehr nach England?

          Auch in der täglichen Arbeit macht sich die Hand dessen bemerkbar, der nach Meistertiteln in Portugal, England und Italien die Primera División erobern will. Der Tag beginnt in Madrid mit einem Mourinho-Satz. Mal beklagt sich der Coach über die Schiedsrichter, dann fordert er mehr „Engagement“ des Klubs, auch wenn niemand genau weiß, was das heißen soll, bei anderer Gelegenheit sinnt er öffentlich darüber nach, wie lange er noch in Madrid bleiben wolle. Im Dezember kokettierte er heftig mit Inter Mailand, dem Verein, von dem er letzten Mai, nach dem Gewinn der Champions League, nicht schnell genug loskommen konnte.

          Kürzlich sagte Mourinho, er wolle „die Freude wiederentdecken“ und könne sich auch die Rückkehr in die Premier League vorstellen. Was immer der Mann denkt, wir hören davon. Vor acht Tagen sah Mourinho sich nur noch „bis zum Ende der Saison“ in Madrid. Am letzten Freitag jedoch berichtete „Marca“, er wolle seinen Vierjahresvertrag bei Real erfüllen.

          Öffentliches Gerede als Waffe

          Inzwischen ist klar, dass der Portugiese das öffentliche Gerede als Waffe benutzt. Die Medien, allen voran „Marca“, winden ihm Dankeskränze dafür. Mal stellt sich der Trainer als Opfer dar, dann wieder spielt er den Pistolero. Entscheidend ist, dass er immer die Mitte der Bühne besetzt. Mit seiner Forderung, einen neuen Mittelstürmer als Ersatz für den verletzten Gonzalo Higuaín zu bekommen, hat er den Verein zwei Monate in Atem gehalten. Am Ende verpflichtete Real den wuchtigen Emmanuel Adebayor. Pérez-Berater Zidane hieß den ehemaligen Stürmer von Manchester City willkommen. Es soll später nicht heißen, der Klub habe nicht alles getan.

          Natürlich können sich Mourinhos Zahlen sehen lassen. Platz zwei in der Liga lässt auch nach der 0:1-Niederlage in Osasuna am Wochenende noch geringe Chancen auf den Meistertitel, und Ronaldo führt locker die Torschützenliste an. In der Champions League tritt Real so souverän auf wie seit langem nicht mehr. Mit Mourinho könnte das Team erstmals in achtzehn Jahren wieder die Copa del Rey gewinnen, früher ein belächelter, jetzt begehrter Wettbewerb mit hoher Symbolkraft.

          Nur das deftige 0:5 im Clásico in Barcelona Ende November schmerzt noch. Der Stachel sitzt tief. In der öffentlichen Wahrnehmung ist Real Madrid eine Ansammlung von Super-Egos, die einfach nicht gegen Barças ästhetischen Fußball ankommen. Die katalanische Vorherrschaft zu brechen, dafür und für nichts anderes wurde Mourinho angeheuert. Im Pokalendspiel im April, das beide am Mittwoch durch ihre Erfolge im Halbfinale erreichten, ist ein guter Indikator, ob Mourinho aus dem 0:5-Debakel die richtigen Schlüsse gezogen hat.

          Pérez' letzte Patrone

          Die Vereinsführung erträgt stoisch den Wirbel, den der Trainer verursacht. Mourinho hat sogar geschafft, was früher unmöglich schien: Er hat den Technischen Direktor Jorge Valdano entmachtet. Valdano, ehemals Coach und seit langem die rechte Hand des Präsidenten, darf sich beim Training nicht mehr blicken lassen und auch nicht mit dem Team in derselben Maschine fliegen. Wenn der Trainer mehr Unabhängigkeit wolle, so Valdano vornehm, „werden wir sie ihm geben“. Nur kein Öl ins Feuer gießen.

          Die Direktive wird aus guten Gründen auch ganz oben beachtet. Mit Mourinho hat sich Pérez nicht nur einen „Siegertyp“ ins Haus geholt, wie die Madrider Sportpresse gebetsmühlenhaft intoniert, sondern auch den machtbewusstesten, cleversten Pokerspieler, der hier jemals das Training geleitet hat. Und Mourinho ist, um es drastisch zu sagen, Pérez' letzte Patrone. Scheitert der Portugiese, kann auch der Präsident seinen Hut nehmen. Gewinnt er, wird der Triumph alle geschluckten Kröten versüßen. Bis dahin gibt es prickelndes, hochdramatisches Kino, das ganz Spanien nicht nur auf den Traumfußball von Barcelona, sondern auch auf den Nervenkrieg von Madrid starren lässt.

          Vielleicht war es einfach an der Zeit, dass ein Trainer kam, um die Macht der Bürogestalten beim spanischen Rekordmeister zu brechen. Und da wir vom berühmtesten Fußballverein des Jahrhunderts reden, durfte es wohl nur dieser sein: The Special One.

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