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Jonas Hector bei Nationalteam : Außenseiter im Dauerbetrieb

  • -Aktualisiert am

Auf Jonas Hector ist auf der linken Außenbahn jederzeit Verlass. Bild: WITTERS

Jonas Hector ist ohne den großen Anlauf über die Jugendauswahl-Teams in die Nationalmannschaft gekommen. Dort aber ist der Kölner kaum mehr wegzudenken. Er ist immer dabei – natürlich auch beim Confed Cup.

          Von einem Ladenhüter zu sprechen wäre ein bisschen übertrieben. Aber ein gutes Zeichen ist es auch nicht, dass vor dem Spiel der Nationalmannschaft gegen San Marino zu den großen Fragen gehört, ob die Marke von 30.000 Zuschauern am Samstag im Nürnberger Stadion geknackt wird oder nicht. Beim Deutschen Fußball-Bund (DFB) ist man, was das betrifft, zuversichtlich, wie bei der Pressekonferenz in Herzogenaurach versichert wurde.

          Zugleich aber leuchten auch beim Verband längst die Warnlichter angesichts nicht mehr zu übersehender Schwierigkeiten, die Stadien für bestimmte Länderspiele zu füllen. „Wir beobachten das und machen uns Gedanken“, sagte Teammanager Oliver Bierhoff und verwies auf eine eigens eingerichtete Arbeitsgruppe unter Generalsekretär Friedrich Curtius. Interessant war in diesem Zusammenhang ein Detail, das Bierhoff schon einmal preisgab: dass nämlich „die teuren Karten nicht das Problem“ seien, sondern „eher die billigen Karten“.

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          Die beunruhigende Frage, die dahinter lauert: Verliert das Volk das Interesse am Volkssport Fußball? Zumindest, wenn es sportlich um wenig geht und die großen Stars nicht dabei sind? Die Spiele gegen kleinere Gegner einfach in kleinere Stadien zu vergeben scheint laut Bierhoff nicht die Lösung zu sein. Der Teammanager verwies auf die erheblichen Anforderungen, die bei Länderspielen herrschten in puncto Sicherheit oder Fernsehproduktion. „In der näheren Zukunft“, sagte er, „sehe ich da erst mal keine Veränderung.“

          Eigentlich, so müsste man annehmen, ist das etwas, was auch den Spielern aufs Gemüt schlagen müsste. Am Donnerstag aber saß einer bei der Pressekonferenz, bei dem man sich da keine Sorgen machen musste. Und das hat weniger damit zu tun, dass Jonas Hector ein besonderes Verhältnis mit San Marino verbindet – im Hinspiel in der WM-Qualifikation, beim 8:0, hatte er zwei Tore geschossen, etwas, was ihm seit seiner Oberliga-Zeit nicht mehr gelungen war, wie er berichtete. Sondern eher damit, dass zum einen Hector so etwas wie das Pflichtbewusstsein in Person ist. Dass er auf den Confed Cup verzichten könnte, habe „nie zur Debatte gestanden“, sagte er. Und zum anderen damit, dass die deutschen Spieler insgesamt scheinbar Gefallen gefunden haben an ihrem russischen Sommerabenteuer in ungewohnter Zusammensetzung.

          „Wir freuen uns auf das Spiel und auf die Trainingseinheiten“, versicherte Hector und berichtete, dass die Mannschaft sich trotz der kurzen Zeit zusammen „recht schnell gefunden“ habe. Wobei – so ganz fremd, wie bisweilen unterstellt wird, sind sich die Profis aus allen Himmelsrichtungen und in verschiedenen Altersklassen ja auch gar nicht. Es ist sogar ziemlich schwer, den Überblick zu behalten, bei den ganzen Querverbindungen und Berührungspunkten in den verschiedenen U-Mannschaften des DFB. Die Überraschung, könnte man sagen, ist weniger, dass die auf ähnliche Art sozialisierten Spieler auf Anhieb passabel zusammen kicken können.

          Sondern eher, dass es unter ihnen noch einen wie Hector gibt. Der nicht den Weg über die Nachwuchsleistungszentren und die U-Teams des DFB gegangen ist. Sondern mit 20 Jahren noch beim SV Auersmacher in der vierten Liga kickte und 2011 mit seiner Truppe ein Turnier des Fanclubs Nationalmannschaft gewann.

          Am Dienstag war Hector einer der Besten beim 1:1 gegen die Dänen, der Antreiber und Aufreißer auf der linken Seite. Er rannte rauf und runter, nimmermüde, bis ihn kurz vor Schluss ein Krampf zum Innehalten zwang – und zur Auswechslung. Dass es um eines der Dauerthemen rund ums Nationalteam, die Nöte auf den Außenverteidigerpositionen, auffallend still geworden ist, liegt an der Entwicklung, die Hector und sein Pendant auf der rechten Seite, Joshua Kimmich, genommen haben.

          In Hectors Fall liest sich das in Zahlen so: Seit 2015 hat er nur einmal nicht von Anfang an fürs Nationalteam gespielt, als ihm Bundestrainer Löw im November 2016 beim 0:0 in Italien eine Pause gönnte. Damit dürften selbst in Köln die wenigsten gerechnet haben, als der Jungprofi Hector im November 2014, nach gerade einmal elf Bundesligaspielen für den FC, zum ersten Mal von Löw berufen wurde.

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          Es mag sein, dass der jetzt 27 Jahre alte Hector nicht in allen Bereichen höchste internationale Klasse verkörpert. Dafür steht er für ein schnörkelloses Spiel mit enormer Verlässlichkeit. Und das ganz unabhängig davon, ob er in einer Dreier- oder Viererkette zu Werke geht oder, wie in Köln manchmal unter Peter Stöger, auf der Sechser-Position. „Mir ist das relativ egal“, sagte er dazu am Donnerstag beiläufig. Einer der lautesten oder schillerndsten im Team ist Hector gewiss nicht – dafür aber einer der intelligentesten und gewissenhaftesten.

          Teammanager Bierhoff sprach auch davon, dass die Nationalspieler in jedem Spiel eine „innere Freude“ ausstrahlen müssten, um das Publikum nicht zu enttäuschen. Bei Hector müssen diejenigen, die kommen, in dieser Hinsicht keine Enttäuschung befürchten. Es sei denn, Löw hat für sein Unikum etwas ziemlich Ungewöhnliches vorgesehen: eine Pause.

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