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Serge Gnabry : Der Musterschüler des Joachim Löw

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Gerührt, nicht geschüttelt: Serge Gnabry hat dreifachen Grund, seinen Torjubel zu zeigen gegen Nordirland. Bild: dpa

Der Bundestrainer gerät nach der Gala von Serge Gnabry gegen Nordirland regelrecht ins Schwärmen. Den Bayern-Stürmer macht der neue Status selbstbewusst. Dabei scheut er auch keine kritischen Töne.

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          Schon der erste Schuss war ein Volltreffer – aber gar nicht nach dem Geschmack von Serge Gnabry. Der Nationalstürmer tauchte plötzlich nach einem starken Diagonalpass von Toni Kroos ganz alleine vor Nordirlands Bailey Peacock-Farrell auf und traf den Torwart in der zehnten Minute schmerzhaft in dessen Körpermitte. Danach verursachte Gnabry bei Peacock-Farrell zumindest keine körperlichen Schmerzen mehr, sondern zielte besser. Gleich drei Tore steuerte der Angreifer vom FC Bayern zum 6:1-Sieg der deutschen Auswahl beim Abschluss der EM-Qualifikation bei. „Ich freue mich, dass ich der Mannschaft helfen konnte“, sagte Gnabry. „Ich schieße ja leider nicht allzu oft drei Tore in einem Spiel.“

          Fußball-Länderspiele
          Tobias Rabe

          Verantwortlicher Redakteur für Sport Online.

          Nach dem 0:1 durch einen Weitschuss von Nordirlands Michael Smith (7. Minute) drehten für die Deutschen der überragende Gnabry (19., 47. und 60.), Leon Goretzka (43. und 73.) sowie Julian Brandt (90.+1) die Partie mit ihren Treffern. „Das größte Kompliment gilt immer der Mannschaft. Wir haben super gespielt, sind nach einem frühen Rückstand zurückgekommen“, sagte Gnabry, der nun in dreizehn Länderspielen dreizehn Tore erzielt hat – eine beeindruckende Quote. „Serge hat eine unglaubliche Klasse, man kann ihn anspielen, er ist torgefährlich und eiskalt“, fasste Joachim Löw das Lob für seine Musterschüler zusammen. „Was seine Quote betrifft: Die ist überragend.“

          Der Bundestrainer wollte die positive Bewertung aber nicht nur von der Gala Gnabrys am nasskalten Dienstagabend in Frankfurt abhängig machen. Schon im September hatte er sich ungewohnt deutlich festgelegt und sagte: „Serge Gnabry spielt bei mir immer.“ Das war seinerzeit ein erstaunliches Signal an einen Spieler, der gerade zwei Handvoll Länderspiele vorzuweisen hatte. Doch Gnabry lieferte, vor allem in der Nationalmannschaft, aber auch beim FC Bayern. Nach Löws Lob folgte die Sternstunde in der Champions League, als Gnabry für die Münchner bei Tottenham Hotspur gleich vier Mal traf.

          Der gebürtige Stuttgarter ist nach dem verschleppten Umbruch in der Nationalelf derzeit der einzige flinke Stürmer, der seine herausragende Form halten konnte. Leroy Sané kuriert einen Kreuzbandriss aus. Timo Werner saß gegen Nordirland 90 Minuten auf der Bank. Marco Reus fehlte, mal wieder, verletzt. Die „Mopeds“, wie Niklas Süle die Gang in vorderster Front einst nannte, stottern – bis auf Gnabry. „Hier spiele ich vorne und das macht mir viel Spaß“, sagte er und zeigte vor allem vor dem Tor Qualitäten, die den Bundestrainer nach dem Spiel regelrecht schwärmen ließen.

          „Er ist für die Mannschaft extrem wichtig, weil er eine Anspielstation ist“, sagte Löw. „Er verarbeitet die Bälle super.“ Zudem sei Gnabry im Abschluss „technisch überragend gut. Beim ersten und beim zweiten Tor legt er sich die Bälle sofort richtig zurecht.“ Auch der dritte Treffer begeisterte seinen Coach: „Der andere rennt ihm in den Weg, doch er fällt nicht, setzt sich durch, schiebt den Körper rein und den Ball ins lange Eck. Das sind großartige Qualitäten. Nicht nur, weil er die Tore erzielt, sondern weil er für die Mannschaft viel arbeitet und mitspielt. Das macht ihn so wertvoll für uns.“

          Gnabry hat sich zu einem Fixpunkt im noch wackeligen Gebilde der deutschen Nationalmannschaft entwickelt, der sich mit dem neuen Selbstvertrauen nicht scheut, auch mal kritische Töne anzustimmen. „Ich finde es langsam nervig, immer noch vom Umbruch zu sprechen“, sagte er bei RTL direkt nach dem Spiel. „Ich denke, wir zeigen sehr guten Fußball. Wir haben eine junge Mannschaft und legen gute Performances hin.“ Mitte des Jahres habe es nicht geklappt, die Spiele nach Hause zu fahren. „Das haben wir am Ende jetzt geschafft. Ich denke, dass wir sehr guten Fußball zeigen.“

          Löw wollte Gnabry schon mit zur WM 2014 nehmen, da war er gerade 18 Jahre alt und spielte nur unregelmäßig beim FC Arsenal in London. Eine Verletzung machte des Bundestrainers Idee zunichte. Es sollte fast zweieinhalb Jahre dauern, bis Gnabry sein Debüt in der ersten Elf des Landes gab. In der WM-Qualifikation kam er in San Marino zu seinem ersten Einsatz – und erzielte gleich drei Treffer. Ein paar Monate zuvor hatte er mit sechs Toren maßgeblichen Anteil daran, dass die deutsche Auswahl bei den Olympischen Spielen 2016 in Rio de Janeiro die Silbermedaille gewann. Es war sein Durchbruch auf der großen Bühne.

          Beim Confederations Cup 2017 fehlte er, weil er bei der U-21-EM den Titel gewann. Vor der WM 2018 holte Gnabry abermals das Verletzungspech ein. Ein Muskelbündelriss vor der Nominierung nahm dem damaligen Hoffenheimer den WM-Kaderplatz. Jetzt sind die körperlichen Probleme abgelegt. „Ich habe nie den Kopf in den Sand gesteckt“, sagte Gnabry, angesprochen auf die schwierige Zeit der noch jungen Karriere. „Jetzt läuft es gut.“ Das soll es auch bei der EM. Gnabry möchte die gedämpfte Stimmung, die sich nach der vermaledeiten WM und dem schleppenden Umbruch breitgemacht hat, nicht an sich heranlassen. „Wir können mit großem Selbstbewusstsein zum Turnier fahren“, sagt er.

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