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Deutsche Nationalmannschaft : Eine seit Jahren unvorteilhafte Figur

Wo geht es lang für das DFB-Team? Ilkay Gündogan (links) und Luca Waldschmidt beim Spiel gegen Tschechien Bild: dpa

Der jüngste Auftritt der Nationalelf war für den deutschen Fußball auch ein Blick in den Spiegel. Er offenbarte, was dem DFB-Team schon lange fehlt.

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          Ilkay Gündogan brachte die Sache ziemlich gut auf den Punkt. „Das komplette Umfeld eines Fußballspiels wirkt manchmal echt sehr absurd“, sagte der deutsche Kapitän am ARD-Mikrophon nach dem 1:0-Sieg der Nationalmannschaft gegen Tschechien. Die Frage allerdings war, ob man das nicht auch noch ein bisschen erweitern musste: auf das Fußballspiel selbst. Jenes am Mittwochabend in Leipzig fand nicht nur vor leeren Rängen statt, sondern irgendwie auch sinnentleert. Zumindest wenn man nach einem übergeordneten Sinn sucht, der das Ganze zusammenhält.

          Nations League

          Zusammengefasst war es so: Es spielte eine gegenüber dem letzten Pflichtspiel auf zehn Positionen veränderte Elf (Deutschland) gegen eine auf elf Positionen veränderte (Tschechien). Einer der Trainer (Joachim Löw) hatte schon lange vorher gesagt, dass er lieber trainieren würde. Nehme man dann noch die sich verschärfende Corona-Lage hinzu, die in der Liga (Hoffenheim) gerade voll durchschlägt und auch schon mit spitzen Fingernägeln an der Blase der Nationalmannschaft kratzt – dann kann man die Sinnfrage schon ganz grundsätzlich stellen. So ähnlich könnte sich Karl Marx das Prinzip der entfremdeten Arbeit vorgestellt haben, bei dem jeder für sich seiner Tätigkeit nachgeht, vom Greenkeeper über den Kameramann bis zum Bundestrainer, um die Maschine am Laufen zu halten, koste es, was es wolle.

          Es ist bekanntlich reine ökonomische Notwendigkeit, dass Testspiele wie dieses stattfinden, für den Deutschen Fußball-Bund bedeutet es – für Marx eher unvorstellbar – zehn Millionen Euro haben oder nicht haben. Und anders als die Summen, die in den Klubwettbewerben umgeschlagen werden und letztlich in die Taschen der Profis und Berater landen, wird damit auch die Basis versorgt, was manche Kritik an der Austragung solcher Spiele etwas einseitig erscheinen lässt. Aber es bedeutet eben auch, dass der Fußball-Großkapitalismus gerade eine ziemlich rücksichtslose körperliche Ausbeutung seiner Protagonisten betreibt. Die Terminhatz, sagte Löw, werde „auf dem Rücken der Spieler ausgetragen“, weshalb es seine Aufgabe (und die jedes anderen Trainers) sei, die Ressourcen zu schonen.

          Alles neu? Die Nationalspieler Hofmann (links), Neuhaus und Max
          Alles neu? Die Nationalspieler Hofmann (links), Neuhaus und Max : Bild: Imago

          Vor dem Hintergrund dieser Großwetterlage, die noch ein bisschen über die „dunkle Wolke“ über dem Team hinausging, von der Oliver Bierhoff zu Wochenbeginn sprach, war es aller Ehren wert, wie sich die deutschen Spieler in dieses Duell mit den Tschechen „richtig reingeworfen“ hatten, wie Löw das formulierte. Auf dem Platz ist eben schon noch etwas zu gewinnen für den Einzelnen. Beispielhaft dafür stand Philipp Max, der wie Ridle Baku sein Debüt gegeben hatte, und in jeder Hinsicht bereichert schien, als er vor der Kamera darüber scherzte, wie er nach zehn Minuten kurz innegehalten hatte, weil er wusste: „Da hatte ich ihn überholt“, seinen Vater Martin, den zweimaligen Bundesliga-Schützenkönig, der 2002 zu einmaligen Länderspielehren gekommen war.

          Drei Minuten nach dieser Abschweifung war Max Junior wieder voll fokussiert und trug sich gleich noch als Vorlagengeber in die Statistik ein, bei Luca Waldschmidts Siegtreffer. Jener Waldschmidt, der seinerseits zum zweiten Mal in seinem erst fünften Länderspiel zur Stelle war und sich dafür ebenfalls ein Sonderlob vom Bundestrainer abholte. Als einer der Tagessieger durfte sich schließlich auch Florian Neuhaus fühlen, der zu den größten der jungen Bundesliga-Begabungen gehört und in dieser Saison gemeinsam mit Borussia Mönchengladbach zu einem Player von Format wachsen könnte. Er war die dominante Figur im deutschen Mittelfeld, präsent, gedankenschnell, und mit einem Drang zum Tor, der in der 77. Minute das Lattenkreuz erzittern ließ.

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          Aber praktisch gegenläufig zu den realen Reisebewegungen am Donnerstag, an dem die arrivierten Kräfte aus München, Madrid und London zum Team stießen, rückten diese Taten schon wieder in den Nebel des Vergangenen. Dass sich mit Blick auf die Europameisterschaft im nächsten Jahr für einen aus der bisherigen zweiten Reihe eine konkrete Perspektive ergibt, ist kaum abzusehen – dazu müsste Löw sich schon zu einer echten Überraschung durchringen, aber so klang er nicht, als er am späten Mittwochabend die Testphase für beendet erklärte: „Die nächsten beiden Spiele und die im März müssen wir unbedingt nutzen, um uns zu finden und uns einzuspielen.“

          Am Samstag (20.45 Uhr im F.A.Z.-Liveticker zur Nations League sowie im ZDF) geht es in Leipzig gegen die Ukraine, am Dienstag dann in Sevilla gegen Spanien. Möglich, dass dann Neuhaus noch einmal zum Zug kommt, Joshua Kimmich ist verletzt, Toni Kroos im ersten Spiel gesperrt. Auch Max dürfte ein weiteres Mal auf der linken Außenbahn vorspielen. Aber dass er nach einem ordentlichen Länderspiel die Sehnsucht dort nach einem Spitzenmann einlöst, mit immerhin schon 27 Jahren, wäre eine kühne Hoffnung. Wahrscheinlicher ist, dass er sich einreiht in die Folge der Kandidaten, die die Leere nach Philipp Lahm nicht zu füllen vermochten – was sich zuletzt auch strukturell zeigte, in Löws Tendenz zur Abkehr von der Viererkette.

          Im Grunde war somit auch dieses Testspiel für den deutschen Fußball ein Blick in den Spiegel, und damit auf eine seit Jahren etwas unvorteilhafte Figur. Neben den Problemzonen auf den Außenbahnen und im Sturmzentrum zeigt sich da ein üppiger Wohlstandsbauch in der Mitte. Was in diesem Fall nicht nur für Neuhaus getrübte Aussichten bedeutete, sondern auch für Julian Brandt, der von Löw ungewohnt deutlich zu einer Fokussierung seines Talents aufgerufen wurde. Am eigenen Fokus wiederum scheint auch der Bundestrainer gearbeitet zu haben, der sich dieser Tage nicht nur ergebnisorientierter als zuletzt zeigt, sondern auch aufnahmebereiter gegenüber äußeren Einflüssen. „Wir haben in der Kabine durchgeatmet“, sagte er, nachdem die zusehends abbauende Mannschaft sich ins Tagesziel gerettet hatte – nicht zuletzt wohl auch er selbst. Bei aller Leere, die in Leipzig herrschte: Der Unmut und die Ungeduld sind ganz real.

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