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Fifa-Skandal : Die gierigen Enkel des João Havelange

  • -Aktualisiert am

Marco Polo Del Nero Bild: dpa

Seit der Zeit des allmächtigen Strippenziehers João Havelange wird die Macht in Brasiliens Fußball wie im Familienbetrieb übertragen. Auch seine Nachfolger stecken tief im Fifa-Skandal. Und selbst Kritiker sorgen für bizarre Bilder.

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          So kann es gehen, wenn wichtige Gebäude ihre Namen von noch lebenden Funktionären erhalten. Der neue, schmucke Sitz des brasilianischen Fußballverbandes (CBF) im Stadtteil Barra trägt den Namen „Sede José Maria Marin“. Der Name ist gleich neben dem Eingang in Stein gemeißelt, und so werden die Besucher unweigerlich an den in Ungnade gefallenen ehemaligen Verbandspräsidenten und Chef-Organisator der WM 2014 in Brasilien erinnert. Marin gehört zu der Gruppe von südamerikanischen Verbandsfunktionären, die im Rahmen der ersten Verhaftungswelle am Rande des Fifa-Kongresses in Zürich vor ein paar Monaten den Ermittlungsbehörden ins Netz gegangen sind.

          Marin hatte damals schon das Amt des brasilianischen Verbandspräsidenten an Marco Polo Del Nero abgegeben. Dieser reiste seinerzeit Hals über Kopf aus Zürich ab, dringende Termine sollen angeblich in Rio gewartet haben. Es war wohl eher die Furcht vor den Handschellen der Staatsanwaltschaft – Del Nero verzichtet seitdem auf Reisen.

          Allmächtiger Strippenzieher im brasilianischen Fußball

          Inzwischen steht er nämlich auch am Pranger der amerikanischen Behörden. Er lässt sein Amt ruhen, schied aus der Fifa-Exekutive aus. Neben fünf ehemaligen und früheren Mitgliedern des Exekutivkomitees sind unter den 16 der massiven Korruption beschuldigten Männern auch mehrere aktuelle Mitglieder ständiger Fifa-Komitees. Del Nero ist für die Brasilianer nur das vorläufige Ende einer „Nahrungskette“, die einst mit dem ehemaligen Fifa-Präsidenten João Havelange ihren Anfang nahm. Havelange, der im Mai 2016 seinen 100. Geburtstag feiert, erfand einst das Spiel des allmächtigen Strippenziehers im brasilianischen Fußball. Damals noch als Präsident des Brasilianischen Sportbundes, ehe er zum Fifa-Chef aufstieg.

          Sein Schwiegersohn Ricardo Terra Teixeira übernahm 1989 die Leitung des brasilianischen Fußballverbandes, ehe er 2012 ins „Exil“ nach Miami floh. Es waren die Nachwehen des ersten großen Fifa-Skandals rund um die Sportvermarktungsagentur ISL. Damals ermittelten die Schweizer Behörden, dass Havelange und Teixeira jahrelang Bestechungsgelder in Höhe von insgesamt 21,9 Millionen Schweizer Franken erhalten hatten. Doch Havelanges und Teixeiras langer Arm hievten danach erst einmal José Maria Marin ins Amt. Der hatte zwar eine hässliche politische Vergangenheit aus Zeiten der Militärdiktatur, aber einen entscheidenden Vorteil: Er war ein Garant dafür, dass das korrupte System innerhalb des CBF fortgeführt werden konnte.

          Vor ein paar Wochen staunten die brasilianischen Journalisten nicht schlecht, als Marin aus dem Stegreif in New York eine Millionenkaution hinterlegen konnte. Inzwischen war der ehemalige CBF-Boss an die Vereinigten Staaten ausgeliefert worden. Dort verfügt Marin aber über einen solch üppigen Immobilienbesitz, dass er ohne Probleme die geforderten Millionen auf den Tisch blättern konnte. Für einen ehemaligen Berufspolitiker eine bemerkenswerte ökonomische Lebensleistung. Sein Amt hatte Marin erst im April 2015 an seinen Nachfolger Del Nero abgegeben. Ausgehandelt wurde der Deal schon vor der WM, wie in Brasilien üblich bei einer undurchsichtigen Absprache im Hinterzimmer zwischen den mächtigen Verbandsfürsten und Vereinsfunktionären.

          Weltmeister Romário: Chefkritiker des Fußball-Establishments

          Es gibt keinen Wahlkampf, auch können keine Delegierten eines Parlaments wie in anderen Verbänden abstimmen. Die Macht wird im CBF von Generation auf Generation wie in einem Familienbetrieb übertragen. Und deshalb ist es kein Zufall, dass die amerikanische Justiz inzwischen gleichzeitig gegen Teixeira, Marin und Del Nero ermittelt – sie alle sind Teil ein und desselben Netzwerks.

          Neuer CBF-Interimspräsident wird erst einmal Marcus Vicente. Der ehemalige Chef des Regionalverbands von Espirito Santo gilt aber auch nicht als unbelastet. Brasilianische Medien berichten über eine Affäre um den Klub Desportiva Ferroviária mit gefälschten Dokumenten, die von Marin und Vicente unterzeichnet worden sein sollen seien. Kleine Fische im Vergleich zu dem, was die amerikanische Justiz da gerade ermittelt. Aber für Vicente offenbar die bestandene Aufnahmeprüfung, um in den Kreis der dunklen Mächte des brasilianischen Fußballs aufzusteigen.

          Nun steht der CBF vor einem Scherbenhaufen. Einer, der es schon immer gewusst hat, ist frühere Weltmeister Romário. Der ehemalige Torjäger hat sich in Brasilien zu einem Chefkritiker des Fußball-Establishments entwickelt. Die Fifa und den CBF nennt er eine Mafia. Das hinderte ihn vor ein paar Monaten aber nicht daran, sich mit José Maria Marin publikumswirksam im Parlament zu umarmen. Es war ein bizarres Bild. Es wirkte wie eine Szene, als ob ein Vater einen verlorenen Sohn zurück in die Familie aufnehmen wolle. Eigentlich müsste sich jetzt die brasilianische Politik des Falles annehmen.

          Präsidentin Dilma Rousseff, eine ehemalige Untergrundkämpferin, die in jungen Jahren auf der anderen Seite jenes Systems stand, das Marin repräsentiert, unternahm auf dem Höhepunkt der Proteste im Vorfeld der WM einen zaghaften Reformversuch des Fußballsystems. Doch mehr als ein paar Steuererleichterungen für die Profiklubs kam nicht dabei heraus. Und in dieser Woche wurde gegen Rousseff ein Amtsenthebungsverfahren eingeleitet. Ihre Arbeiterpartei ist in den größten Parteispendenskandal der brasilianischen Geschichte verstrickt. Um den CBF wird sich Rousseff erst einmal nicht kümmern können, es geht jetzt um Korruption in den eigenen Reihen.

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