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Jimmy Greaves wird 80 : „Er war der Lionel Messi seiner Ära“

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Englands-Stürmer Jimmy Greaves (weißes Trikot) beim Torabschluss im Viertelfinale der WM 1966 gegen Frankreich. Bild: Picture-Alliance

Er gilt als einer der besten Stürmer der englischen Fußballgeschichte und wurde zur tragischen Figur im Weltmeister-Team von 1966. Nun wird das vergessene Genie Jimmy Greaves 80 Jahre alt.

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          Die dramatischsten Bilder von jenem Tag erzählen die Geschichte einer Niederlage. Der Moment in der 101. Minute, als Torwart Hans Tilkowski dem Ball hinterher starrt, der von der Querlatte abprallt und Richtung Boden schießt. Die Aufnahme eines niedergeschlagenen Uwe Seeler auf dem Weg zur Siegerehrung. „Still und ohne Hass und Hader“, wie der Fotograf Sven Simon notierte, der die Szene am 30. Juli 1966 im Londoner Wembley-Stadion festhielt. „An einem Irrtum zerbrochen.“

          Dass es beim Finale der Fußball-Weltmeisterschaft auch auf englischer Seite mindestens einen Verlierer gab, wurde angesichts dessen in Deutschland nie registriert. Zumal es nur eine Handvoll von Schnappschüssen gibt, die diesen Mann zeigen. Auf einem steht er in Anzug und Krawatte am Spielfeldrand, während andere neben ihm Luftsprünge veranstalten. Auf einem zweiten legt er nach dem Schlusspfiff einem Teamkameraden wohlwollend die Hand auf die Schulter. Von Begeisterung ist jedoch nichts zu spüren. „Selbst in diesem Augenblick des Triumphs und des Glücks“, sagte Jimmy Greaves später, der vermutlich beste englische Stürmer seiner Generation, habe er „Trauer gefühlt. Ich hatte ständig im Laufe meiner Karriere davon geträumt, in einem WM-Finale zu stehen. Ich hatte diese Gelegenheit verpasst. Und das tat weh.“

          In jedem WM-Kader gab es damals bei jedem Spiel elf Aussortierte, die nur zuschauen konnten. Denn die Regeln erlaubten noch keine Auswechselmöglichkeit. Aber nur einer wurde zur Symbolfigur dieser Konstellation: Weil er beim größten Erfolg eines englischen Teams im internationalen Fußball nicht zu den Auserwählten gehörte, ist Greaves heute nahezu vergessen.

          Das vergessene Genie

          Greaves war der torgefährlichste Stürmer in der Geschichte des englischen Spitzenfußballs. In der Statistik steht er noch heute mit seinen 357 Toren in seiner Karriere in der First Division, die heute Premier League heißt, unangefochten auf Platz eins. Von seinen Qualitäten profitierte auch Englands Team. Seine 44 Tore in 57 Spielen sind als Durchschnittswert unübertroffen. Weshalb Zeitzeugen im Blick zurück auf die Jahre von 1957 bis 1971, in denen Greaves für FC Chelsea, Tottenham Hotspur und West Ham United und bei einem kurzen Abstecher zwischendurch für AC Mailand spielte, noch immer ins Schwärmen kommen. „Er war der Lionel Messi seiner Ära“, sagt der englische Altinternationale Alan Mullery. Einer, der „jedes Wochenende und oft noch häufiger“ Ausnahmeleistungen lieferte, wie Harry Redknapp, heute Trainer, einst einer seiner Mitspieler, unterstreicht. Kein bloßer Abstauber, sondern auch Gestalter mit Sinn für den Nebenmann. Und dabei völlig intuitiv: „Ich denke in keinem Moment darüber nach, wie ich ein Tor schieße. Ich kann mich später auch nicht daran erinnern, wie ich es gemacht habe und was funktioniert hat.“

          Trotz solcher Elogen wurde Greaves, der an diesem Donnerstag 80 Jahre alt wird und seit einem Schlaganfall im Jahr 2015 mit einem stark reduzierten Sprachvermögen im Rollstuhl sitzt, zum Musterbeispiel des „vergessenen Genies“, so der „Irish Independent“. Und alles nur, weil er 1966 im dritten Spiel der WM-Vorrunde gegen Frankreich verletzt wurde und aussetzen musste. Greaves war zwar am Finaltag wieder fit. Aber Trainer Alf Ramsey hatte Gefallen an Ersatzmann Geoff Hurst gefunden und kreierte eine Taktik, die zur goldenen Verhaltensmaßregel des Teamsports wurde: „Never change a winning team.“

          Hurst rechtfertigte die Entscheidung mit einem Hattrick inklusive des berühmten dritten Tores in der Verlängerung. Das Team wurde mit Ruhm und Ehre überschüttet, Ramsey, Hurst und Bobby Charlton wurden zu Rittern geschlagen. Andere im Team erhielten königliche Orden. Was bekam Greaves? Eine Medaille, und das auch nur, weil der Internationale Fußballverband 2009 übergangenen Kadermitgliedern von Teams aus aller Herren Länder dieses Souvenir nachträglich zukommen ließ. Eine Auszeichnung, die er nach seiner schweren Erkrankung, weil finanziell gebeutelt, bei einer Auktion für 44.000 Pfund (heute etwa 53.000 Euro) wieder losschlug.

          Jimmy Greaves auf einer Veranstaltung der britischen Post im Jahr 2013

          Greaves hat sich in dem halben Jahrhundert nur verhalten zum zentralen Thema seines Lebens geäußert. Obwohl das Erlebnis vermutlich einer der Faktoren war, weshalb er in den Alkoholismus abrutschte. Erst ab 1978 war eine Rehabilitation erfolgreich. Damals begann er seine zweite Karriere als Fußball-Kolumnist und Teil einer populären Fernsehsendung, der „Saint and Greavsie Show“. Der Bezahlsender „BT“ hat den Dokumentarfilm „Greavsie“ produziert, in dem das Auf und Ab seiner Karriere skizziert wird. Dazu läuft eine Petition, die mehr als zehntausend Fußballanhänger unterzeichnet haben, damit er endlich eine offizielle Würdigung für seine Verdienste um den englischen Fußball bekommt. Für den Rest der Welt dürfte Greaves trotzdem weiterhin ein großer Unbekannter bleiben.

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