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Jerome Boateng : Ruhepol und Hitzkopf

  • -Aktualisiert am

Mit seinen 1,92 Metern behält Boateng in der Abwehr meist den Überblick, denn er überragt nicht nur seinen Mitspieler Takashi Usami. Bild: dpa

Jerome Boateng hat beim FC Bayern keine feste Position in der Defensive. Aber gerade die Vielseitigkeit erhöht seine Chancen - sogar im Nationalteam.

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          Die große dunkle Brille ist immer dabei. Fast immer, denn auf dem Fußballplatz trägt Jerome Boateng dann doch lieber Kontaktlinsen. Die extravagante Sehhilfe ist zum Markenzeichen des Verteidigers vom FC Bayern München geworden.

          Nicht ganz zufällig erschienen zuletzt einige Fotomontagen, auf denen er zusammen mit dem amerikanischen Schauspieler Steve Urkel in dessen Paraderolle abgebildet ist. Tatsächlich sieht er der tollpatschigen Hauptfigur einer amerikanischen Sitcom zum Verwechseln ähnlich. Dieser wenig schmeichelhafte Vergleich ist für Boateng aber kein Grund, sich aufzuregen.

          Der Schein trügt

          Er erweckt auch sonst nicht den Eindruck, als ob ihn etwas erschüttern könnte. In der Abwehr verrichtet er meistens stoisch seinen Job. Kein Stürmer kann ihn aus dem Konzept bringen, kein Nebenspieler, der die Ordnung aufgibt.

          Manchmal wirkt sein Auftritt deshalb fast ein bisschen lässig oder arrogant. Der Schein trügt jedoch, denn es gibt auch den anderen Boateng, den Unbeherrschten. Zuletzt verlor er die Fassung beim Bundesligaspiel in Hannover vor zehn Tagen, da sah er wegen eines heftigen Remplers die Rote Karte.

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          Dass der Ruhepol sich schlagartig in einen ziemlichen Hitzkopf verwandeln kann, hat er schon beim Hamburger SV gezeigt. Damals war er einmal im Training mit Albert Streit aneinandergeraten, der Zwist gipfelte in einem Boxhieb von Boateng.

          Diese Rüpelei hatte keine disziplinarischen Konsequenzen, der Platzverweis in Hannover ebenfalls nicht, zumal sich die Bayern ja ohnehin ungerecht behandelt fühlten. In der Bundesliga am kommenden Sonntag in Augsburg ist Boateng noch gesperrt, im vierten Vorrundenspiel der Champions League an diesem Mittwoch gegen den SSC Neapel (20.45 Uhr / Live im F.A.Z.-Ticker) aber wird er wohl dabei sein.

          „Ein Daniel Alves in weißen Schuhen“

          Den Italienern wäre es womöglich lieber, Boateng würde nicht spielen, denn vor zwei Wochen im Stadion San Paolo hatte ihnen der Münchner ein paar größere Schwierigkeiten bereitet mit seiner manchmal unkonventionellen Spielweise. Boateng verschleppt gerne erst einmal das Tempo und wirkt deshalb eher behäbig auf seinen Konkurrenten, um dann seine Athletik auszuspielen und mit einem blitzschnellen Antritt davonzuziehen.

          Vor allem auf der rechten Seite narrt er so den Gegner. Sein Teamkollege Mario Gomez wagte deshalb zuletzt sogar den Vergleich mit einem Spieler des FC Barcelona. „Wir haben da so einen Fopper, einen Daniel Alves in weißen Schuhen.“

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          Dabei spielt der gebürtige Berliner mit ghanaischen Wurzeln viel lieber in der Innenverteidigung. Die Aussicht, endlich wieder im Abwehrzentrum agieren zu dürfen, hatte ihn vor der Saison schnell für einen Wechsel zum FC Bayern eingenommen. Boateng sei „von der ersten Sekunde an Feuer und Flamme“ gewesen, hatte Sportdirektor Christian Nerlinger im Juli erzählt.

          Aufgrund seiner Körpergröße von 1,92 Metern fühlt sich der 23 Jahre alte Nationalspieler in der Innenverteidigung am besten aufgehoben. „Da habe ich seit meiner Jugend gespielt“, sagt er. Später, beim Hamburger SV, nicht mehr so oft, erst recht nicht mehr bei Manchester City.

          Und auch in der Nationalmannschaft schaffte er den Durchbruch als linker Verteidiger. Seine Vielseitigkeit hat ihm zwar bei seinen Klubs stets einen Stammplatz beschert, aber meistens eben nicht in seiner bevorzugten Rolle, sondern eher auf der linken oder rechten Seite. Es habe nicht nur Vorteile, überall einsetzbar zu sein, stellte er fest. „Ich will irgendwann eine feste Position haben“, hatte Boateng deshalb bei Dienstantritt in München gesagt.

          Er hat sich damit abgefunden, dass ihn nun auch Trainer Jupp Heynckes beim FC Bayern immer wieder mal auf die rechte Seite schickt. „Damit habe ich überhaupt kein Problem“, sagt er. „Der Trainer erklärt mir dann genau, warum ich rechts spiele oder mal draußen bleibe.“

          „Mein Ziel ist es, bei der EM zu spielen“

          Die Einsätze auf rechts steigern außerdem seinen Wert für das Nationalteam. Bundestrainer Joachim Löw sieht Boateng zwar im Abwehrzentrum am besten aufgehoben, aber dort gibt es in Mats Hummels, Per Mertesacker und Holger Badstuber große Konkurrenz.

          Nach Lahms Wechsel nach links ist hingegen die rechte Seite vakant. Boateng hat erkannt, dass diese Position womöglich seine größte Chance auf einen Stammplatz im kommenden Jahr ist. „Mein Ziel ist es, bei der EM zu spielen“, sagt er. „Wenn das rechts ist, spiele ich halt rechts.“

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