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Deutscher Zettel-Mythos : Lehmanns WM-Spicker unter der Lupe

Jens Lehmann hielt – und Deutschland stand 2006 im WM-Halbfinale. Bild: Picture-Alliance

Jens Lehmanns legendärer Elfmeterzettel im WM-Viertelfinale 2006 gilt als Musterbeispiel deutscher Vorbereitung. Doch unter der Lupe der Wissenschaft darf angezweifelt werden, ob es die Informationen darauf waren, die den Erfolg brachten.

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          Wissenschaft, das ist bekannt, erreicht ein breites Publikum am besten dann, wenn sie in populärem Gewand daherkommt. Insofern konnte sich Professor Gerd Gigerenzer der ungeteilten Aufmerksamkeit sicher sein, als er in seinem Vortrag beim DFB-Wissenschaftskongress am Donnerstag in Frankfurt zur Schlusspointe ansetzte.

          Christian Kamp
          Sportredakteur.

          Nach Gigerenzer, Direktor am Berliner Max-Planck-Institut für Bildungsforschung, muss ein deutscher Fußballmythos unter einem etwas anderen Licht betrachtet werden. Es geht um Jens Lehmanns Elfmeterzettel im WM-Viertelfinale 2006. Der war bislang gewissermaßen als Musterbeispiel deutscher Akribie und Vorbereitung betrachtet und auch musealisiert worden, weil er – so die bisherige Lesart – die entscheidenden Hinweise zu den Präferenzen der argentinischen Schützen enthalten habe.

          Wenn man dem Psychologen Gigerenzer folgt, hätte Lehmann genauso gut auch die letzte Minibar-Rechnung aus dem Schlosshotel Grunewald, den Einkaufszettel seiner Frau oder, was sich später unter Glas im Deutschen Fußballmuseum vielleicht doch nicht ganz so gut gemacht hätte, ein völlig blankes Stück Papier studieren können. Gigerenzer nämlich glaubt (und verwies auf entsprechende Experimente), dass nicht die Informationen auf dem Zettel Lehmann auf die richtige Fährte brachten, sondern der Zettel als solcher die Argentinier hinreichend aus der Fassung.

          Später kam der legendäre Spickzettel des Torwart ins Museum. Bilderstrecke
          Später kam der legendäre Spickzettel des Torwart ins Museum. :

          Störung der Intuition des Gegners nennt er das. Und gab dem Deutschen Fußball-Bund (DFB) sogleich die Empfehlung, sich mehr als bisher dem Thema Intuition zu widmen. Die nämlich hält er in ziemlich vielen Lebens- und Entscheidungslagen für einen unterschätzten, aber guten Ratgeber. „Wer eine gute Entscheidung treffen will“, sagte Gigerenzer noch, „muss einen Teil der Informationen ignorieren.“

          Und schlug damit den Bogen zum diesjährigen DFB-Wissenschaftspreis. Den (mitsamt 30.000 Euro) gewann Florian Schultz von der Universität Tübingen für seine Arbeit zur kognitiven Leistungsdiagnostik für Torhüter. Eines der Ergebnisse: Erfahrene Schlussleute, die auf hohem Niveau aktiv sind, liegen beim Elfmeter häufiger richtig als andere – weil sie es schaffen, bestimmte Details wie die Fußhaltung des Schützen in den Fokus zu nehmen und andere, unwichtige völlig auszublenden. Die Arbeit an einem deutschen Mythos geht weiter.

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