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Italien : Conte und das Wettkartell

  • -Aktualisiert am

Im Visier: Nationaltrainer Antonio Conte drohen strafrechtliche Konsequenzen Bild: AP

Und mal wieder ein Manipulationsskandal in Italien: Fußball-Nationaltrainer Conte droht nun gar eine Anklage.

          3 Min.

          In Italien gibt es viele Fußballfans, sogenannte Tifosi, die allwöchentlich das Treiben ihrer Mannschaften verfolgen. Und sie tun das weiterhin sehr enthusiastisch, trotz der vielen Rückschläge, die ihr Lieblingssport in den vergangenen Jahren erlitten hat. Doch der Fußballbetrieb geht weiter, als sei nichts passiert. Wer am Dienstag in Italien den Sportteil einer beliebigen Tageszeitung aufschlug, der sah sich mit einer Schizophrenie konfrontiert, wie sie beinahe typisch zu sein scheint für den Umgang mit Missständen in diesem Land, auch im Sportlichen. So konnte man zum Beispiel den Spielbericht des Serie-A-Spiels zwischen Lazio Rom und dem CFC Genua (0:1) vom Montagabend lesen.

          Es ging um Trainer, die sich über den Schiedsrichter beschwerten, um rassistische Rufe gegen einen schwarzen Spieler der Gastmannschaft. Bei Lazio spielte Kapitän Stefano Mauri, eine der Hauptfiguren in der jüngsten Manipulationsgeschichte. Auf der Tribüne saß Nationalcoach Antonio Conte, dem eine Anklage wegen Sportbetrugs droht, ein Delikt, das in Italien mit bis zu sechs Jahren Haft bestraft wird. Auch der exponierteste Fußballtrainer Italiens soll eine gewichtige Rolle im Manipulationsskandal gespielt haben.

          Conte war bereits gesperrt

          Der 45 Jahre alte Conte war bereits von der Sportjustiz zu einer viermonatigen Sperre verurteilt worden, weil er als Trainer ein manipuliertes Match seines ehemaligen Vereins AC Siena nicht angezeigt hatte. Nun hat die Staatsanwaltschaft Cremona den Abschlussbericht ihrer Ermittlungen über den 2011 aufgedeckten Manipulationsskandal vorgelegt. Dabei geht es um die strafrechtliche Relevanz der Vorgänge.

          Conte, der als unbestrittene Nummer eins unter den Fußball-Lehrern in Italien gilt und mit Juventus Turin drei Meisterschaften in Folge gewann, gab bekannt, er werde seinen Posten als Commissario Tecnico nicht aufgeben. Im Übrigen bestreitet Conte die Vorwürfe seit jeher, und Verbandspräsident Carlo Tavecchio wies auf die Unschuldsvermutung hin. Am Dienstag reiste Italiens Nationaltrainer nach Frankreich zur Besichtigung eines Mannschaftsquartiers für die Europameisterschaft 2016. Mit anderen Worten: Augen zu und durch. Der italienischen Öffentlichkeit müsste diese Haltung angesichts der Anschuldigungen schwerer fallen. Im Abschlussbericht von Staatsanwalt Roberto Di Martino werden die Dimensionen des Wettbetrugs im italienischen Profifußball deutlich. 230 Personen seien involviert, gegen 130 werde ermittelt, im Zeitraum zwischen 2007 und 2013 wurden mindestens 160 Spiele, darunter auch einige in der Serie A, verschoben.

          Conte wird vorgeworfen, im Mai 2011 als Trainer zwei Spiele des damals bereits aufgestiegenen Zweitligaklubs AC Siena maßgeblich manipuliert zu haben. Zwar sei der Betrug nicht von ihm ausgegangen, die Verabredung des 2:2 gegen Novara Calcio habe er als Trainer jedoch der Mannschaft kommuniziert. Mit der verabredeten 0:1-Niederlage seines Teams im Spiel gegen AlbinoLeffe sei Conte einverstanden gewesen. Die Ermittler stützen sich auf zwei Spieler, die als Kronzeugen aussagten. Die Sportjustiz hatte nur im Fall des Spiels gegen AlbinoLeffe einen Verstoß Contes erkannt, der versäumt habe, den Betrug anzuzeigen.

          Prozess ab Herbst?

          In seinem Bericht skizziert Staatsanwalt Di Martino die Umtriebe einer „kriminellen Vereinigung“, zu der unter anderen frühere Spieler wie Beppe Signori oder der ehemalige Kapitän von Atalanta Bergamo, Cristiano Doni, aber auch noch aktive Kicker wie Lazio-Kapitän Stefano Mauri, der bereits eine sechs Monate lange Sperre abgesessen hat, gewichtige Rollen spielten. Die Genannten hätten regelmäßig mit den Köpfen eines Wettkartells der sogenannten „Zigeuner“ um Almir Gegic und Hrystian Ilievski kooperiert. Während Gegic in Haft sitzt, ist Ilievski weiter flüchtig. Das Wettkartell hatte laut Staatsanwaltschaft eine regelrechte Preisliste für Manipulationen: Ein Spiel der dritten Liga kostete zwischen 50 000 und 60 000 Euro, ein Zweitligaspiel bis zu 200 000 Euro, eine Manipulation in der Serie A bis zu 300 000 Euro, die die Betrüger unter sich aufteilten.

          Neu in dem Bericht ist der Name des aktuellen Trainers von Atalanta Bergamo, Stefano Colantuono, dem die Ermittler Sportbetrug vorwerfen. Zum Prozess, auch gegen Nationalcoach Conte, könnte es ab Herbst kommen. Die Zeitung „La Repubblica“ schreibt von einer „Epidemie“. Auch nach der Aufdeckung des Skandals im Jahr 2011 sei der Betrug im Jahr 2013 munter weitergegangen, die Rede ist von 53 manipulierten Spielen, darunter zwei Partien der Serie A (US Palermo gegen Inter Mailand und FC Parma gegen Atalanta Bergamo). Zweifel am lauteren Fortgang der aktuellen Meisterschaften scheinen begründet.

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