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Italiens Fußballskandal : Mafiöses Machtsystem

  • -Aktualisiert am

Drahtzieher: Luciano Moggi wurde zu fünf Jahren Haft verurteilt Bild: dpa

Harte Strafe in Italiens Fußballskandal: Ein Gericht verurteilt Luciano Moggi zu fünf Jahren Haft. Er war Drahtzieher von Manipulationen.

          2 Min.

          Fünf Jahre nach dem bislang größten Betrugsskandal in der Serie A hat ein Strafgericht in Neapel erstmals juristische Klarheit im Fall „Calciopoli“ geschaffen. Drei Richterinnen verurteilten am Dienstagabend in erster Instanz 16 Angeklagte, darunter den ehemaligen Sportdirektor von Juventus Turin, Luciano Moggi, zu Haftstrafen. Acht Angeklagte wurden freigesprochen.

          Moggi, der als Drahtzieher und Hauptfigur der Affäre gilt, wurde wegen Bildung einer kriminellen Vereinigung und Sportbetrug zu einer Freiheitsstrafe in Höhe von fünf Jahren und vier Monaten verurteilt. Das Gericht sah es als erwiesen an, dass der ehemalige Sportdirektor unter anderem mit hörigen Schiedsrichtern ein Betrugs-System zum Vorteil von Juventus Turin errichtet hatte, das nach Ermittlungen im Jahr 2006 aufgeflogen war. Der 74-jährige Moggi muss diese Strafe aber nur dann antreten, wenn das Urteil in den weiteren Instanzen bestätigt wird. Moggi kündigte am Mittwoch Revision an. „Ich verliere den Mut nicht, weil ich überzeugt davon bin, nichts getan zu haben“, sagte er in einem Fernsehinterview.

          Juventus Turin wurden bereits im Sommer 2006 die beiden Meistertitel der Saison 2004/2005 und 2005/2006 aberkannt. Der damals in der Serie A bestimmende Verein musste in die Serie B zwangsabsteigen, dem Tabellendritten Inter Mailand wurde der Scudetto 2006 nachträglich zuerkannt, weil auch der damalige Tabellenzweite AC Mailand verwickelt war. In einem verkürzten Gerichtsverfahren war 2009 bereits Juventus-Geschäftsführer Antonio Giraudo zu drei Jahren Haft verurteilt worden.

          Moggis System

          Die Bedeutung des jetzigen, überraschend harten Urteils liegt darin, dass das Gericht die These der Anklage übernahm, Moggi und Giraudo hätten eine Art mafiöses Machtsystem im italienischen Fußball errichtet. Dazu bedienten sie sich höriger Schiedsrichter, die vorteilhaft für Juventus pfiffen oder künftige Gegner der Turiner mit Gelb-Sperren schwächten. Der ehemalige Bahnhofsvorsteher koordinierte den Betrug mit Hilfe ausländischer Sim-Karten, um Abhörmaßnahmen vorzubeugen. Schließlich wies der einst mächtigste Mann des Calcio sogar Journalisten an, sich in ihren Urteilen für Juventus einzusetzen, um auch die öffentliche Meinung zu manipulieren. Nie gab es Beweise für Bestechung, die Machtposition Moggis war offensichtlich so ausgeprägt, dass viele ihm gerne diese Gefallen taten und anschließend in seiner Gunst standen.

          In seiner Verteidigung behauptete Moggi bis zuletzt, auch andere Fußballmanager, etwa vom Konkurrenten Inter Mailand, hätten versucht, auf Schiedsrichter Einfluss zu nehmen. Sein Vorgehen sei deshalb nicht außergewöhnlich, von einer kriminellen Vereinigung könne keine Rede sein. Moggi legte im Lauf des Prozesses Beweise für die Verwicklung von Inter Mailand vor, das Gericht wertete diese aber nicht als Entlastung. Wegen dieser Enthüllungen war zwischen den Verantwortlichen von Juventus Turin und Inter Mailand in den vergangenen Monaten ein heftiger Streit um die Aberkennung des Meistertitels 2005/2006 entbrannt. Im Urteil von Dienstagabend wurden alle Ersatzansprüche gegen Juventus Turin abgelehnt, das Gericht erkannte keine Mitschuld des Vereins.

          Auch aktive Manager verurteilt

          Mit Moggi wurden am Dienstagabend auch die beiden Schiedsrichterobmänner Paolo Bergamo (drei Jahre und acht Monate) und Pierluigi Pairetto (ein Jahr und elf Monate) verurteilt. Außerdem verhängte das Gericht Freiheitsstrafen gegen den Schiedsrichter Massimo De Santis sowie drei seiner Kollegen und andere Verbands- und Vereinsfunktionäre, darunter die Vereinspräsidenten von Lazio Rom, Claudio Lotito, und die Eigentümer des AC Florenz, Diego und Andrea Della Valle.

          Die drei immer noch aktiven Fußballmanager erhielten Freiheitsstrafen in Höhe von 15 Monaten und riskieren nun, ihre Tätigkeiten nicht mehr ausüben zu können, sollten die Urteile in höheren Instanzen bestätigt werden. Das Gericht verfügte für alle Verurteilten, dass sie Sportveranstaltungen fernbleiben müssen und drei Jahre lang.

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