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Italiens Fußball-Basar : Das Hotel der käuflichen Träume

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Wird Tonis Vertrag aufgelöst? Wohin wechselt Inzaghi? Geht Palombo zu Juve? Bild: AFP

Je näher der Transferschluss in Italien rückt, desto wilder geht es zu. Inzwischen bemüht man sich, etwas mehr Ordnung in das anarchische Treiben zu bringen. Szenen vom italienischen Fußball-Basar.

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          Das Fieber steigt um 18.10 Uhr. Eine schwarze Limousine hält vor dem Ata Executive Hotel in Mailand, einem grauen Kasten im Zentrum. Ein Mann im Anzug - Brille, Halbglatze, Aktentasche - steigt aus, gefolgt von zwei schwarz gekleideten Begleitern. Die Gruppe durchschreitet die automatischen Glastüren, ein Schwall warmer Luft, Nikotindunst und Lärm wie in einer Gastwirtschaft schlägt ihnen entgegen. Die von glitzernden Deckenlampen erleuchtete Eingangshalle ist voller Männer, einige tragen Sonnenbrille, obwohl es draußen schon dunkel ist. Schultern werden geklopft, Köpfe zusammen gesteckt, Listen mit Namen ausgetauscht. Als Beppe Marotta, Generaldirektor von Juventus Turin mit seiner Entourage das Hotel betritt, wird es einen Moment leiser. „Marotta!“, zischt es aus einem Mund. Der Calciomercato, der italienische Basar für Fußballspieler, ist in vollem Gange.

          Seit Jahrzehnten trifft sich die Branche in einem Mailänder Hotel, um in den vier Tagen vor Transferschluss hektisch die letzten Geschäfte abzuschließen. Zweimal im Jahr, Ende Januar und Ende August. In den goldenen Zeiten des Calcio hielten Präsidenten in den Grandhotels der Stadt Hof und spendierten der Allgemeinheit Champagner wie Inter Mailands Angelo Moratti zur Verkündung seiner tollkühnsten Transfers. Später biwakierten Schaulustige in den Hotelgängen. Auch wenn die großen Deals heute andernorts eingefädelt werden und niemand mehr am Boden schläft, ist das Interesse der Tifosi ungebrochen. Sie verfolgen den Trubel in Fernseh-Sondersendungen, in der gedruckten Presse oder über Internet-Ticker. Im „Ata Executive“, wo der Calciomercato seit einigen Jahren zu Gast ist, bleibt die Szene unter sich.

          „Die moralische Frage des Calcio“

          Der Treffpunkt in Mailand, dem Sitz des Ligaverbandes, hat sich vor allem für die kleineren Vereine aus Nord und Süd bewährt, die hier zusammen kommen. Inzwischen bemüht man sich, etwas mehr Ordnung in das anarchische Treiben zu bringen. „Die moralische Frage des Calcio“ wirke auch auf den Calciomercato, sagt ein Verbandsagent. Das bedeutet: Zwielichtige Strippenzieher ohne Genehmigung sollen ferngehalten werden, Verhandlungen und Vertragsabschlüsse sind nur hier oder in den Geschäftsstellen der Vereine gestattet. Ein paar kräftige Kerle sorgen dafür, dass die Tür zu der vornehmen Suite im Erdgeschoss bei Transferschluss am Dienstag auch wirklich um Punkt 19 Uhr geschlossen wird. Hier hat sich der Ligaverband vorübergehend einquartiert, bei dem alle Verträge der Profispieler von Serie A bis Lega Pro eingereicht werden müssen.

          Je näher der Transferschluss rückt, desto wilder geht es zu. Es wird gebrüllt, manchmal getreten, Verträge fliegen durch die Luft und schwitzende Fußball-Broker stürzen übereinander. Es geht um Millionen und ums Prestige. Und natürlich bietet der Calciomercato Überraschungen. Vor allem die Vertreter der niederklassigen Vereine gehen mit einer Liste auf den Markt, die manchmal mit den Einkäufen, die sie am Schluss nach Hause bringen, kaum noch etwas zu tun hat.

          „Was brauchst du?“

          „Wir sind ein Volk von Marktleuten“, sagt Gianluca Tizi, ein großer, gut gelaunter Spieleragent, der auf einer braunen Ledercouch abseits des Lärms sitzt und in der „Gazzetta dello Sport“ blättert. Italiens drei täglich erscheinende Sportzeitungen nähren sich von den Gerüchten, die hier gestreut, überprüft und wieder dementiert werden. „Wie auf einem arabischen Suq“, sagt Tizi, der vor zwei Jahren den Wechsel von Mauro Camoranesi von Juventus Turin zum VfB Stuttgart einfädelte. „Was brauchst du?“, lautet die Standardfrage der Spielerberater an Sportdirektoren, Präsidenten, Manager und Trainer. Dann wird die Informationsmaschinerie in Gang gesetzt. Jedes Wort ist Taktik. Man spricht mit den Kollegen in der Halle, telefoniert mit Agenten-Kollegen im Ausland, wenn es gut läuft, kommt eine Verhandlung zustande.

          Etwa 1000 Akkreditierte und einige finstere Typen versuchen im „Ata Executive“ ihr Glück. Die meisten Gespräche spielen sich in der Halle ab. Journalisten jagen hier dem letzten Gerücht nach und müssen aufpassen, sich nicht von der wilden Horde treiben zu lassen. Die Nachricht vom angeblichen Interesse eines Klubs an einem Spieler kann Geschäfte im letzten Moment platzen lassen oder seinen Preis in die Höhe treiben.

          „Wie ein Krimi“

          Der Generaldirektor von Juventus betritt den Aufzug im Erdgeschoss. Eine Handvoll Journalisten hängt sich an ihn. Sie halten sich ihre Handys ans Ohr und tun so, als wären sie in ein Gespräch vertieft. Der Lift hält im ersten Stock, hier haben alle Vereine aus Serie A und B eine sogenannte Box, freigeräumte Hotelzimmer auf einem im Zwielicht liegenden und von Teppichboden gedämpften Korridor, in denen diskret Verhandlungen geführt werden können. Niemand steigt aus.

          Marotta und seine Kofferträger fahren in den 5. Stock und ziehen einen Rattenschwanz an Menschen nach sich. „Kein Kommentar“, sagt der Sportdirektor auf die Frage eines Journalisten und schließt sich mit seinen Gehilfen in Suite Nummer 565 ein. Wenige Minuten später erscheint ein kleiner, grauhaariger Mann im Jackett und klopft an die Tür. Es ist der Agent von Spielern wie Alessandro Matri, Andrea Pirlo, Luca Toni, Angelo Palombo, Filippo Inzaghi. Ein „Big“, wie ihn die Szene nennt. Wird Tonis Vertrag aufgelöst? Wohin wechselt Inzaghi? Geht Palombo zu Juve? Eine halbe Stunde später empfängt Marotta Präsident und Sportdirektor des FC Parma. Endet Tonis oder Inzaghis Karriere in Parma? „Wie ein Krimi“, sagt eine junge Journalistin, die im Korridor wartet. Sie ruft ihre Redaktion an, die speist den Internet-Ticker, der auflistet, wer hier wen um wie viel Uhr in welchem Zimmer trifft. Es gibt keine Nachrichten, aber der Calciomercato brummt.

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