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Italienischer Fußball : Entfremdet vom Calcio

  • -Aktualisiert am

Trügerische Vorfreude: Miroslav Klose (l.) und seine Mitspieler bei Lazio Rom Bild: dapd

Die Serie A beginnt mit Verspätung - aber die Lust der Italiener auf Fußball ist gering. Weniger als die Hälfte bezeichnet sich noch selbst als „Tifoso“. Und die großen Klubs sind zum Sparen gezwungen.

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          Es waren gerade einmal 18.000 Zuschauer, die kürzlich im Stadio Artemio Franchi von Florenz verfolgten, wie sich die italienische Nationalmannschaft mit einem 1:0-Sieg gegen Slowenien für die Europameisterschaft 2012 qualifizierte. Monatelang hatte die Serie A pausiert, der erste Spieltag vor zwei Wochen war wegen des Spieler-Streiks ausgefallen, aber die Lust der Italiener auf Fußball war trotzdem gering. Der Calcio, das ist keine Neuigkeit, hat an Attraktion verloren. Die eher dürftige Kulisse im entscheidenden Qualifikationsspiel der Nationalelf war ein deutlicher Hinweis darauf, wie sehr sich die Italiener von ihrem einst liebsten Sport entfremdet haben.

          An diesem Wochenende nimmt die Serie A nun ihren Spielbetrieb wieder auf. Und die Tageszeitung „La Repubblica“ lieferte gleich die passende Statistik zum Saisonauftakt: Erstmals, seit es derartige Untersuchungen gibt, wollen sich weniger als die Hälfte aller Italiener (45 Prozent) selbst als „Tifoso“ bezeichnen. Tifoso kommt von tifo, also Typhus. Und angesichts streikender Kicker, eines Wettskandals, veralteter Stadien, Gewalt und kaum interessanter Nachwuchsspieler wollen sich immer weniger Menschen freiwillig mit diesem Fußball-Typhus anstecken. Kein Wunder, wenn man liest, wie ernüchternd die Lage im eigenen Land eingeschätzt wird: „England, Spanien und Deutschland sind an der Spitze, verdienen, haben Spaß und wir sind Zeugen von Verschwendung, fehlenden Investitionen und kulturellem Verfall.“ So jedenfalls schilderte die „Gazzetta dello Sport“ das allgemeine Gefühl in Italien in Sachen Fußball.

          Blickt man auf Vereine, die von diesem Freitag an auf die Jagd nach dem Scudetto, der Meisterschaft, gehen, ergibt sich ein entsprechendes Bild. Nach dem großen Prassen in den 80er und 90er Jahren sind die Klubs nun in einer Art Katerstimmung. Und sie hoffen, dass das von der übernächsten Saison an geltende Uefa-Finanz-Fairplay die Probleme nicht noch vergrößert. Europapokal-Teilnehmer müssen dann ausgeglichene Bilanzen vorlegen und können ihre Schulden nicht mehr von reichen Mäzenen decken lassen.

          Die beiden Mailänder Vereine, Meister AC und Inter, sind deshalb schon jetzt zum Sparen gezwungen. Silvio Berlusconis AC Mailand müht sich, die Millionengehälter seiner Stars zu überweisen und gab gerade einmal fünf Millionen Euro für Neuverpflichtungen auf dem Sommer-Transfermarkt aus. Dank Spielern wie Zlatan Ibrahimovic oder dem im Vorjahr formidablen Kevin-Prince Boateng ist Milan dennoch Favorit auf den Meistertitel. Inter legte 2006 noch eine Bilanz mit einem Minus von 206 Millionen Euro vor; im kommenden Jahr will Präsident Massimo Moratti nur noch ein Minus in Höhe von 30 Millionen Euro ausweisen. Der Verkauf von Stürmer Samuel Eto'o für 27 Millionen Euro an den russischen Verein Anschi Machatschkala, aber auch die Verpflichtung des international unerfahrenen Trainers Gian Piero Gasperini sind diesem Ziel geschuldet. Erstmals wirkt die Transferpolitik der Mailänder Klubs wie ein vorzeitiger Verzicht auf Erfolge in der den Champions League.

          Die Serie A hat nur noch zwei Plätze für die Champions League sicher

          Wenn die Großen schwächeln, stellen sich die Kleinen auf die Hinterbeine. Die Klubs aus der zweiten Reihe tun alles dafür, um vor Inkrafttreten des Finanz-Fairplays noch rechtzeitig Anschluss an die Spitze zu bekommen. Champions-League-Teilnehmer SSC Neapel gab 42 Millionen Euro auf dem Transfermarkt aus, Miroslav Kloses neuer Verein Lazio Rom 27 Millionen Euro und der AS Rom unter seinem neuen amerikanischen Eigentümer Thomas DiBenedetto gar 58 Millionen, nahm aber durch Verkäufe zugleich 25 Millionen Euro ein. Die größten Bemühungen, wieder zu den Großen zu zählen, werden schon seit einigen Jahren in Turin angestellt. Für zwölf neue Kräfte, darunter die beiden ehemaligen Bundesligaspieler Arturo Vidal (Bayer Leverkusen) und Eljero Elia (Hamburger SV), zahlte Juventus Turin 50 Millionen Euro. Die finanziellen Anstrengungen solcher Teams haben ihren Grund: Erstmals hat die Serie A nur noch zwei Startplätze für die Champions League sicher.

          Doch es gibt auch positive Nachrichten aus der italienischen Fußball-Liga. Am Donnerstag weihte Juventus sein neues Stadion ein und ist damit der erste Serie-A-Klub mit einer eigenen, neuen Arena, was der wirtschaftlichen Solidität des Vereins zuträglich sein könnte. Optimisten hoffen sogar, dass das „Juventus Stadium“ ein Anreiz für die Konkurrenz sein wird, sich ebenfalls eigene Spielstätten zu errichten. Für die Zuschauer mit allgemeinem Interesse am Fußball könnte die Sparpolitik der Mailänder Vereine den positiven Effekt eines ausgeglichenen sportlichen Wettbewerbs haben. Und wie die italienische Kur sich international bemerkbar macht, wird sich schon am Dienstag zeigen. Dann tritt der AC Mailand in der Champions League in Barcelona an.

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