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Italien : "Wenn wir spielen, bringen sie uns um"

  • -Aktualisiert am

Diskussionen um den Abbruch Bild: REUTERS

Das 154. Lokalderby zwischen dem AS und Lazio Rom wurde von Krawallen überschattet. Nach 45 Minuten weigerten sich die Spieler beider Teams, die Partie fortzuführen. Der Schiedsrichter bracht daraufhin das Spiel ab.

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          In der Bilanz des römischen Fußballderbys sind diesmal keine Tore verzeichnet, aber über 150 verletzte Polizisten, ein gutes Dutzend ins Krankenhaus eingelieferte Tifosi und siebzehn Festgenommene. Schon vor dem sonntäglichen Abendspiel der Serie A zwischen AS Roma und Lazio hatte es gewalttätige Auseinandersetzungen rund um das Olympiastadion im Norden Roms gegeben. Sie zogen sich bis tief in die Nacht hin. Das Duell auf dem Rasen hingegen fand nur 45 Minuten lang statt. Nachdem sich zu Beginn der zweiten Halbzeit im Stadion das Gerücht verbreitet hatte, ein Kind sei unter einem Polizeiwagen gestorben, forderten vor allem die "Ultras" - radikale Anhänger beider Seiten - in Sprechchören das vorzeitige Spielende.

          Auf dem Rasen kam es eine halbe Stunde lang vor den Augen von Millionen Fernsehzuschauern zu gespenstischen Szenen: Roms Kapitän Francesco Totti debattierte auf dem Spielfeld mit aufgebrachten Fans, die alle Barrikaden überklettert hatten; Funktionäre telefonierten hektisch mit dem Polizeipräsidium; der überforderte Schiedsrichter rief beide Mannschaften im Mittelkreis zum Weiterspielen auf - doch die weigerten sich. "Wenn wir spielen, bringen sie uns um", informierte der Ur-Römer Totti seinen Trainer Fabio Capello über die Stimmungslage seiner Mitbürger. Nach einem Telefonat mit dem Ligapräsidenten Adriano Galliani, der die Tumulte in Rom am Fernsehen verfolgte, wurde die Partie abgebrochen.

          Das 154. Derby - „das traurigste aller Zeiten“

          Dabei hatte die Polizei wiederholt per Lautsprecher Entwarnung gegeben: Es gebe keine Toten, nichts Besonderes sei passiert, nichts stehe der Austragung der Partie im Wege. Aber offenbar hatten sich vor allem die Fans der AS Roma entschieden, an diesem Abend lieber die Konfrontation mit den Ordnungshütern zu suchen: Auf den Freiflächen des römischen Sportgeländes "Foro Italico", das bis heute von Inschriften und markanten Athletenstandbildern aus der Zeit des Faschismus geprägt ist, kam es im Dunkel der Nacht zu bürgerkriegsähnlichen Szenen. Die Polizei setzte Tränengas ein, um der Schlägereien Herr zu werden, die Tifosi schossen mit Feuerwerk, und das 154. Derby der Lokalrivalen wurde - so die "Gazzetta dello Sport" - das "traurigste aller Zeiten".

          Die Kommentare danach zeugen von der Hilflosigkeit und Verunsicherung aller Beteiligten. "Im Ausland gibt es solche Skandale nicht", meinte der Nationalverteidiger Oddo. Und Sinisa Mihajlovic, Kapitän von Lazio Rom, fühlte sich an die Zustände in Serbien während des Krieges erinnert. Vergeblich hatten der Kroate und Totti ihre Anhänger zum ruhigen und geordneten Verlassen des Stadions aufgerufen. Noch in der Nacht mußten beide Mannschaftsführer im Polizeipräsidium über die Bedrohungen der Fans aussagen. Die Mutmaßung, kein ausuferndes Gerücht, sondern eine bewußte Absprache destruktiver Fans habe den Spielabbruch provoziert, wird nun in einer polizeilichen Ermittlung zu klären versucht.

          Totti liebäugelt mit einem Wechsel zu Real Madrid

          Der Schaden für Italiens Fußball, der noch in der vorigen Saison die Champions League dominiert hatte, ist gerade in diesen Tagen kaum zu überschätzen. Mit Roma und Lazio standen sich die beiden höchstverschuldeten Clubs der Serie A gegenüber, wobei die nahezu bankrotte Roma nur bei einem Sieg der letzte ernstzunehmende Verfolger des Tabellenführers AC Mailand geblieben wäre. Ministerpräsident Berlusconi - selber als Eigner des AC Mailand betroffen - kündigte erst vor einigen Tagen einen umstrittenen Steuer-Erlaß an, um die maroden italienischen Profiklubs irgendwie zu retten. Diese Sparmaßnahmen auf Kosten der Steuerzahler zugunsten von Fußballmillionären und verschwenderischen Präsidenten dominiert ohnehin seit Tagen die öffentliche Debatte und hat bereits zu einer Koalitionskrise geführt. Daß Roms einziger Weltstar Francesco Totti angesichts nicht gezahlter Gehälter, Übernahmegerüchten und riesigen Schuldenbergen unter der Woche öffentlich mit einem Wechsel zu Real Madrid geliebäugelt hatte, mag die Atmosphäre noch weiter vergiftet haben.

          Der Calcio mit seinem ökonomischen und moralischen Bankrott droht auf diese Weise zum Spiegelbild der Ära Berlusconi zu werden und liefert der Welt nun auch noch die unansehnliche Tragödie eines Spielabbruchs ohne ersichtlichen Grund, provoziert von Hooligans. "Dieser Fußball ohne Werte gebiert andauernd neue Monstren", kommentierte die Turiner "Stampa". Beobachter erinnerten die Bilder aus Rom dermaßen an die Alltagsgewalt von Bagdad, daß man nun eine Spielwiederholung vor leeren Rängen erwägt. Noch vor dem Spiel, das an dem makabren Gerücht eines getöteten Kindes scheiterte, hatte man den Sohn eines im Irak getöteten Carabiniere im Stadion geehrt. Der Junge konnte inmitten all der Gewalt froh sein, heil nach Hause zu kommen.

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