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Italien : Schwarzer Peter und russisches Roulette

  • -Aktualisiert am

Fabulöse Gehälter kassieren Ivan Cordoba (r.) und die anderen Stars der Serie A Bild: dpa/dpaweb

Die Gesamtverschuldung der drei italienischen Profiligen liegt bei mindestens drei Milliarden Euro; allein mit Beiträgen für die Pensionskasse sind die Klubs eine halbe Milliarde Euro im Rückstand.

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          Daß Italiens Fußball wirtschaftlich am Abgrund steht, bezweifeln nicht einmal mehr Optimisten. Strittig ist höchstens das Warum. Liegt es an der Rezession der Weltökonomie? An den gesunkenen Fernseheinnahmen? Wie immer im Wirtschaftsleben kommen mehrere Ursachen zusammen, aber trotzdem deutet vieles auf eine fatale Strukturkrise. "Das ganze System ist verrottet", sagt ausgerechnet Adriano Galliani, zugleich Chef der Profiligen und des AC Mailand und als rechte Hand von Vereinspräsident Silvio Berlusconi seit fast zwanzig Jahren Exponent des von ihm selbst angeklagten Systems.

          Die nackten Zahlen geben Galliani jedenfalls recht. Die Gesamtverschuldung der drei Profiligen liegt bei mindestens drei Milliarden Euro; allein mit Beiträgen für die Pensionskasse sind die Klubs eine halbe Milliarde Euro im Rückstand. An den Spielergehältern allein kann es nicht liegen, denn ausgerechnet Juventus Turin mit dem teuersten Kader machte in der vorigen Saison als nahezu einziger Verein zwei Millionen Euro Gewinn. Juventus ist beliebt, verdient Geld mit Merchandising in aller Welt und investiert gerade in ein hochmodernes Trainingszentrum. Dagegen mußte selbst beim Champions-League-Gewinner AC Mailand im Sommer ein Minus von über 70 Millionen Euro aus der Kasse des Medienmoguls Berlusconi ausgeglichen werden.

          800.000 Euro Durchschnittsgehalt

          Solche Verluste durch Statuskicker gehören bis heute zur italienischen Fußballfolklore, denn ein reicher Unternehmer wie Massimo Moratti, der Präsident von Inter Mailand, sieht es geradezu als Ehrensache an, die Miesen aus der Firmenkasse wieder auszugleichen. So gewinnt ein Industrieller politisches Profil, erhält Zugang zur Prominenz und schenkt seinen Mitbürgern nach römischem Vorbild wenn schon kein Brot, so doch Spiele. Im Wetteifer solcher Krösusse konnten Stars aus aller Welt die Gehälter ins Fabulöse hochtreiben. Derzeit liegt das Durchschnittsgehalt der Serie A bei rund 800000 Euro pro Spieler - wenn es denn ausgezahlt wird.

          Denn das Ausbleiben von Fernsehgeldern und die allgemeine Wirtschaftskrise ließen so manchem Präsidenten die Spendierhosen platzen. Als erster ging vor zwei Jahren der Film- und Fernsehproduzent Cecchi Gori mit dem traditionsreichen AC Florenz über Bord. Dann kam es bei Lazio Rom zum Crash, dessen Präsident Sergio Cragnotti mit einem dubiosen Finanzimperium baden ging. Lazio gehört nun neuen Investoren und den Banken, doch mit dem rituellen Verlustausgleich am Saisonende ist es definitiv vorbei, der Abgrund droht.

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