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Italien : Prandellis ABC-Schützlinge

  • -Aktualisiert am

Cesare Prandelli soll für neuen Schwung sorgen Bild: dpa

Bei der WM in Südafrika schied Italien bereits nach der Vorrunde aus. Auf Trainer Marcello Lippi folgt nun Cesare Prandelli, von dem sich der Weltmeister von 2006 neue Impulse erhofft. Hilfe bekommt er dabei von ehemaligen Stars.

          Italien steht vor einer neuen Fußball-Ära. Eingeleitet wird sie nicht nur vom neuen Nationaltrainer Cesare Prandelli, der als ein Vertreter des Offensivspiels gilt. In den Verband sind auch die früheren Spielmacher Roberto Baggio als neuer Technischer Direktor und Gianni Rivera als Verantwortlicher für die Jugendarbeit eingebunden. Als Vorbild gilt der deutsche Fußballaufschwung, eingeleitet rund um die Weltmeisterschaft 2006 vom damaligen Bundestrainer Jürgen Klinsmann und fortgesetzt bei der EM 2008 bis zur Frühreife einer verheißungsvollen Nationalmannschaft von dessen Nachfolger Joachim Löw.

          Nach dem frühzeitigen und tristen Ausscheiden des Titelverteidigers bei den Titelkämpfen in Südafrika sind die Hoffnungen in Italien wegen der neuen Leute an der Spitze und ihrer Versprechungen nun riesig. Mit „Fantasitalia“ überschreibt die „Gazzetta dello Sport“die Epoche, die am Dienstag mit dem Länderspiel der Squadra Azzurra in London gegen die Elfenbeinküste eingeläutet wird. Ein ganz neues Fußball-ABC buchstabiert das rosa Sportblatt jetzt: A wie Amauri, B wie Balotelli, C wie Cassano. Alle drei Offensivspieler waren von Prandellis Vorgänger Marcello Lippi bei der Zusammenstellung seines WM-Kaders ignoriert worden.

          Der frisch eingebürgerte Italo-Brasilianer Amauri war Lippi zu exotisch. Die schändliche Debatte darum, wie „italienisch“ Amauri sei, dürfte einen Anteil an der missratenen letzten Saison des Stürmers von Juventus Turin gehabt haben. Mario Balotelli, in Italien geborener Sohn ghanaischer Eltern, erschien Lippi trotz tatkräftigen Mitwirkens an drei Meistertiteln und dem Champions League-Triumph von Inter Mailand nicht reif genug für das Nationaltrikot. Antonio Cassano schließlich galt Lippi wegen früherer Disziplinlosigkeiten als nicht teamfähig. Er übersah dabei jedoch, dass der manchmal geniale Dribbler in den vergangenen drei Jahren im familiären Umfeld von Sampdoria Genua, dem Tabellenvierten der vergangenen Serie-A-Spielzeit, zu einem verantwortungsbewussten Athleten reifte.

          Roberto Baggio ist neuer Technischer Direktor der Italiener.

          Dass Prandelli seine ABC-Schützlinge gleich zum ersten offiziellen Spiel seiner Amtszeit einlädt, ist ein deutlicher und wohlkalkulierter Bruch mit den Praktiken seines Vorgängers.

          Torhüter Buffon bleibt Kapitän

          Die Absetzbewegung ist noch größer, wenn man sich vor Augen hält, dass mit Daniele De Rossi nur ein einziger Weltmeister von 2006 im Aufgebot von London steht. In Prandellis Notizblock befinden sich lediglich noch die Namen Buffon, Pirlo und Gilardino. Torhüter Buffon und Spielmacher Pirlo sind aber derzeit lädiert. Seinen Lieblingsschüler Gilardino muss der frühere Fiorentina-Coach Prandelli in London nicht mehr testen. „Buffon bleibt unser Kapitän. Ich hoffe, ihn im September bei uns im Trainingszentrum begrüßen zu können“, sagt Prandelli und erspart sich damit Diskussionen um die mit Symbolik aufgeladene Position des Spielführers.

          Die noch größere Revolution spielt sich indes auf den Nebenplätzen ab. Der Fußballverband hat eine ganze Reihe ehemaliger Stars rekrutiert, um die Nachwuchsarbeit umzustellen. Galionsfigur ist der frühere Nationalspieler und Fußballkünstler Roberto Baggio. Er hat in diesen Tagen seinen Trainerschein mit dem Prädikat „ausgezeichnet“ gemacht und ist neuer Technischer Direktor. Gianni Rivera, einer seiner Mailänder Vorgänger als Spielmacher im Nationalteam, soll neue Methoden und neue Strukturen im Training der Heranwachsenden entwickeln. „Wir müssen wieder eine größere Freude am Spiel finden. Die Orientierung auf den unmittelbaren Erfolg hat die Kultur des italienischen Fußballs zerstört. Wir müssen junge Menschen mit Wertebewusstsein und Sinn zur Fairness erziehen. Dann werden wir auch der Gewalt in den Stadien Herr“, umschrieb Rivera sein Programm.

          Offensiver Fußball unter Prandelli

          Auch Paolo Maldini (WM-Zweiter 1994) und Antonio Cabrini (Weltmeister 1982) sind für Aufgaben im Verband im Gespräch. Der ehemalige Nationalcoach Arrigo Sacchi wird die Arbeit der verschiedenen Nachwuchsteams des Verbandes koordinieren. Der einstige Fußball-Reformer beim AC Mailand (mit den holländischen Stars van Basten, Gullit und Rijkaard vorneweg) kritisiert schon seit langem, dass junge Spieler in Italien zu wenig Chancen erhielten und zu wenig aus dem Talent von Migranten gemacht werde. Dagegen hatte die bei der WM frisch aufspielende deutsche Nationalmannschaft mit ihrer Multikulti-Verwurzelung Begeisterungsstürme in Italien entfacht. „Wir wollen das auch“, lautet der einhellige Wunsch.

          Prandellis neues ABC mit dem eingebürgerten Amauri, dem Migrantensprössling Balotelli und dem aus einem süditalienischen Problemkiez stammenden Cassano weist daher in eine neue lichte Zukunft. Damit der Enthusiasmus über Prandellis neuen Kurs und den Reformweg des Verbandes aber anhält, ist Lippis Nachfolger auf Dauer zu einem offensiven Fußball verpflichtet. Einen Neuanfang wagte der italienische Verband übrigens schon einmal vor vier Jahren, als Roberto Donadoni den Weltmeistertrainer Lippi beerbte. Dieses Experiment aber ging nicht auf, und zurück kam Lippi. Da er aber beim Comeback scheiterte, stehen die Chancen für Prandelli besser, der Squadra Azzurra zu neuer Spielfreude zu verhelfen.

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