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Italien : Milans Triumph der Vorhersehbarkeit

  • -Aktualisiert am

Die Mailänder lassen Trainer Ancelotti hochleben Bild: dpa/dpaweb

Der italienische Meistertitel in der Serie A für den AC Mailand war ein kühl geplanter und ebenso unterkühlt erspielter Erfolg in einer notleidenden Liga ohne echte Konkurrenz.

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          Mit einem 1:0 gegen den letzten verbliebenen Verfolger AS Rom holte sich der AC Mailand zwei Runden vor Saisonschluß den siebzehnten italienischen Meistertitel.

          Die Zahlen hinter dem Erfolg, auf den der Klub fünf Jahre warten mußte, wirken imponierend: 79 Punkte aus 32 Spielen; nur eine einzige Niederlage - daheim gegen Udine -, Siege gegen alle großen Vereine und jetzt bereits sechzehn Punkte Vorsprung vor dem Erzrivalen Juventus Turin, das sich nach einer abermaligen Pleite - gegen den Absteiger Perugia - im freien Fall befindet. Also Gründe genug für Milans Vereinspräsidenten Silvio Berlusconi, gemeinsam mit seinem Fußballmanager und Ligachef Adriano Galliani auf der Tribüne wie Berufsjugendliche herumzutollen?

          Viel Masse und wenig Klasse

          Wahrheit dieser merkwürdigen Meisterschaft sieht trüber aus als die Zahlen und als die Festlichkeiten, die gleich nach dem Sieg auf Mailands Domplatz begannen. Zum ersten war dieser "Scudetto", das Meisterwappen, die dringend benötigte Kompensation nach dem peinlichen 0:4, mit dem sich die Mannschaft von Trainer Ancelotti in La Coruna aus der Champions League verabschiedet hatte. Zum anderen beleuchtet gerade die meisterliche Dominanz die Schwäche des gesamten italienischen Fußballs: Viel Masse und wenig Klasse.

          In England oder Spanien hätten die Klubs der unteren Tabellenhälfte es dem Meister nicht derart leicht gemacht, auch bei mauen Auftritten rund achtzig Punkte zu sammeln. Doch in Italien ist das Gefälle der Spitzenklubs zu den Vereinen, die gegen den Abstieg kämpfen, immer größer geworden, so daß man mit Fug und Recht von zwei unterschiedlichen Wettbewerben sprechen kann. Ein neuer Fernsehvertrag mit dem Anbieter Sky aus dem Haus des Medienmoguls Murdoch vergrößert gerade in dieser Woche den finanziellen Graben zwischen den Krösussen aus Mailand und Turin gegenüber dem Rest der Liga.

          Abgrund zwischen Kosten und Einnahmen

          Selbst renommierte Spitzenklubs wie der AS Rom, der sich als Tabellenzweiter für die Champions League qualifiziert hat, AC Parma oder Lazio Rom drohen nun im Abgrund zwischen Kosten und Einnahmen zu versinken. Da sich Juventus Turin nach zwei Titelgewinnen im Umbruch befindet, gab es zum AC Mailand weder sportlich noch ökonomisch eine Konkurrenz. Mag also Italiens Sportpresse noch so schwärmen - es war ein kühl geplanter und ebenso unterkühlt unter Dach und Fach gebrachter Triumph der Vorhersehbarkeit.

          Auch das Duell mit dem AS Rom verlief nach demselben langweiligen Schema: Einem schnellen Kopfballtor von Schewtschenko folgten 88 Minuten taktischer Abwehrstrategie der Mailänder. Einziger Höhepunkt war ein Freistoß von Totti, den Schewtschenko in der Mauer mit dem Ellbogen übers Tor boxte. Doch Schiedsrichter Messina, obgleich gut postiert, pfiff den fälligen Elfmeter nicht. Damit wurde die nächste Schwäche des derzeitigen Calcio offenbar: Roms heißblütige Fans, die bereits einmal mit Gewaltdrohungen den Abbruch einer Partie erzwangen, bewarfen die Mailänder Spieler mit Gegenständen, schossen Feuerwerkskörper aufs Spielfeld und in die Tribünen. So wurde Milans Triumph von einem Saisonrekord an unwürdigen Szenen noch in den Schatten gestellt. DIRK SCHÜMER

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