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Italien : Der gläserne Fan

  • -Aktualisiert am

Versuch in Italien: Den Fan durchsichtig machen Bild: dpa

Die Gewalt in Italien mag durch den Fanausweis zurückgegangen sein, die Lust vieler Italiener, ins Stadion zu gehen, allerdings auch.

          3 Min.

          Die Lösung aller Probleme des italienischen Fußballs ist viereckig, millimeterdünn und sieht wie eine Kreditkarte aus. Francesco Bianco streckt das Kärtchen von sich, als wäre es giftig. Der Name der „AS Roma Club Privilege Card“ hört sich vornehm an, der Roma-Fan Bianco hat sie aber nur mit Widerwillen beantragt. Die „Tessera del Tifoso“, der Fanausweis, wird von den Verantwortlichen für die Sicherheit in Italiens Stadien als Allheilmittel gepriesen. Unter den Tifosi ist sie seit zwei Jahren äußerst umstritten.

          Der eingefleischte Roma-Fan Bianco hatte keine Wahl: Entweder er beantragte den Fanausweis noch vor der abgelaufenen Saison, oder er hätte erstmals auf seine Jahreskarte im Stadio Olimpico verzichten müssen und keine Auswärtsspiele im Gästeblock mehr verfolgen können. Und weil er vor allem seinen Stammplatz in der Curva Sud niemals aufgeben würde, biss Bianco in den sauren Apfel. Seine persönlichen Daten schickte er an den AS Rom, der Verein leitete sie an die zuständige Polizeistelle weiter, und die kontrollierte, ob gegen Bianco ein Stadionverbot oder irgendwelche Straftaten im Zusammenhang mit Sportveranstaltungen vorlagen. Weil das nicht der Fall war, dauerte es nur noch ein paar Monate, bis Bianco seinen Ausweis erhielt. Da hatte die Saison schon begonnen. „Es ist kein gutes Gefühl, wie ein gläserner Fan behandelt zu werden und sich für ein Fußballspiel von oben bis unten durchleuchten zu lassen“, sagt Bianco: „Aber ich habe das kleinere Übel gewählt.“

          „No alla tessera“

          Viele italienische Ultràs sind nicht so kompromissbereit. Der Kampf gegen den Fanausweis hat sie noch stärker in der Abneigung gegen ihre Erzfeinde Staat und Polizei vereint, an vielen Verkehrsampeln in Rom kleben die Sticker mit dem Slogan „No alla tessera“. Europaweit gibt es Solidaritätsbekundungen, so rollten etwa Fans des FC Bayern im vergangenen Jahr beim Heimspiel gegen den AS Rom ein Spruchband mit denselben Parolen aus. Die Einführung des Fanausweises zu Beginn der Saison 2010/2011 in den drei höchsten Profiligen hat nicht nur zu Streit unter den Fans geführt, sondern die Fronten zwischen Ultràs und Sicherheitsbehörden weiter verhärtet.

          Im italienischen Innenministerium auf dem Viminalshügel in Rom ist man vom Ausweis hingegen überzeugt. Roberto Massucci sitzt dort in einem holzgetäfelten Büro mit allerlei an die Wand genagelten Ehrenplaketten und faltet zufrieden die Hände. Massucci ist Leiter der Beobachtungsstelle für Sportveranstaltungen, Sicherheitsberater der italienischen Nationalmannschaft, gelernter Polizist und Urheber des Fanausweises. Die traurigen Höhepunkte in der jüngeren Gewalt-Historie des italienischen Fußballs liegen vier Jahre zurück. Bei Ausschreitungen in Catania wurde im Februar 2007 der Polizist Filippo Raciti von einem Minderjährigen erschlagen, im November 2007 verwüstete der aufgebrachte Fußballmob einen ganzen Stadtteil in Rom, nachdem der Lazio-Ultrà und inzwischen von den Tifosi zum Märtyrer verklärte Gabriele Sandri durch den Schuss aus der Pistole eines Polizisten getötet worden war. „Wir mussten handeln“, sagt Massucci.

          Die Kategorie der offiziellen Tifosi

          Erst wurden die Sicherheitsvorkehrungen in den Stadien verschärft, mit mäßigem Erfolg. Schließlich kam der Fanausweis, den heute jeder Tifoso bei seinem Verein beantragen muss, wenn er eine Dauerkarte oder ein Ticket für den Gästefanblock bei Auswärtsspielen haben möchte. Aber davon will Massucci gar nicht sprechen, er preist das Kärtchen als exklusiven Zugang zu einer neuen Fußballwelt mit gesonderten Stadion-Eingängen für seine Inhaber, Ermäßigungen, Zahlungsfunktion und anderen Annehmlichkeiten, deren reibungsloses Funktionieren Francesco Bianco zumindest in Rom nicht bestätigen kann. „Wir haben mit der Tessera die Kategorie der offiziellen Tifosi geschaffen“, sagt Massucci. Das ist ein Klub, dem vermutlich die wenigsten Kurvenbesucher angehören möchten.

          Kampfgebiet Stadion: Erzfeinde Staat und Polizei

          Doch die Zahlen, die das Innenministerium vorlegt, wirken eindeutig. Mehr als 800 000 Fußballfans in Italien hatten sich bis zu diesem Sommer einen Fanausweis gesichert, seit dem Tod des Polizeibeamten Raciti vor fünf Jahren habe es 81 Prozent weniger verletzte Polizisten und 58 Prozent weniger verletzte Fans gegeben, teilte Innenminister Roberto Maroni mit. Roma-Tifoso Francesco Bianco zeigt sich von diesen Zahlen nicht beeindruckt, er weist darauf hin, dass nach einem verhaltenen Publikumszuwachs in den vergangenen Jahren die Serie A seit Einführung des Fanausweises erstmals wieder einen Rückgang der Zuschauer verzeichnete. Die Gewalt im italienischen Fußball mag durch den Fanausweis zurückgegangen sein, die Lust vieler Italiener, ins Stadion zu gehen, allerdings auch.

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