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Italien am Scheideweg : Maximaler Minimalismus

  • -Aktualisiert am

Wahrsager oder Altlastverwalter? Marcello Lippi hofft darauf, dass seine Mannschaft spät in Schwung kommt Bild: dpa

Für Italiens Trainer Lippi beginnt die WM erst jetzt - sagt er jedenfalls. Seine nicht eingespielte Mannschaft soll sich gegen die Slowakei für das Achtelfinale qualifizieren, um dann zu großer Form aufzulaufen. Anhaltspunkte dafür, dass der Plan aufgeht, gibt es allerdings nur wenige.

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          Ruhe, bitte! Immer wieder redet Marcello Lippi beim Training beschwichtigend auf seine Spieler ein. Sie sollten, sagt er den Stars der Serie A, keine Angst haben vor dem Ausscheiden und sich lieber an den italienischen Sinn für das Machbare bei einer Fußball-WM halten. Doch nach zwei Unentschieden gegen Mannschaften, denen die Squadra Azzurra, immerhin der Weltmeister von 2006, unter normalen Umständen überlegen gewesen wäre, wachsen die Zweifel an einem glücklichen Ende der Mission Südafrika. „Wir wollten“, gesteht der Florentiner Alberto Gilardino, einer der bisher glück- und torlosen Angreifer, „ gegen Paraguay und Neuseeland (beide 1:1) etwas Bedeutendes kreieren und waren dazu nicht imstande.“

          Spätestens an diesem Donnerstag im letzten Spiel der Vorrundengruppe F gegen die Slowakei muss der ins Straucheln geratene Champion seinen Pragmatismus im pünktlichen Erledigen von Aufgaben wiederfinden, soll die Reise durch Südafrika noch weitergehen - in den K.o.-Runden, in denen Italien gemeinhin aufzublühen versteht. So war es 1982, als sich das Team von Trainer Enzo Bearzot in der Vorrunde zu drei Unentschieden stümperte und am Ende im Madrider Bernabéu-Stadion dank eines nie gefährdeten 3:1 über den Deutschland den Weltpokal in den spanischen Nachthimmel stemmte; so war es auch 2006, als die Italiener bei der WM in Deutschland erst spät zu ihrem schnickschnacklosen Fußball fanden und ohne Glanz Weltmeister wurden. Geschichte muss sich nicht wiederholen, aber ein bisschen vom alten Geist des maximalen Minimalismus sollte auch in diesem Team stecken, dessen Weltmeister zu alt und dessen neue Kräfte noch nicht erfahren genug anmuten.

          Also ist wieder einmal der Freizeitkapitän Lippi aus der toskanischen Hafenstadt Viareggio gefordert, den Animateur zu geben. Der silberhaarige, 62 Jahre alte Commissario Tecnico hat sich nach seinem Rücktritt 2006 zwei Jahre später noch einmal breitschlagen lassen, die Squadra Azzurra aufs neue bei einer WM anzuführen. Danach geht der Herrentrainer, der zuzeiten ganz schön aufbrausen kann, wieder und macht seinem Nachfolger Cesare Prandelli Platz. Doch ehe der zuletzt beim AC Florenz wirkende Lippi-Erbe seine Ideen vom modernen Fußball verwirklichen kann, hält der Altmeister den Ball flach.

          Aufbrausender Freizeitkapitän: Marcello Lippis Mannschaft ist nicht eingespielt - der Trainer klammert sich an seine Lehrsätze

          Der Unterschied zu 2006: Die Mannschaft ist nicht eingespielt

          Der daheim verbreiteten Unruhe über ein möglicherweise frühes Scheitern Italiens hält Lippi diesen Lehrsatz entgegen: „Ein Pferderennen ist erst am Zielpfosten beendet - nicht vorher.“ Er hat ja recht: Ein Sieg über die Slowakei, und Italien ist für das Achtelfinale qualifiziert. Also sagt der Mister: „Es gibt keine Krise, wir sind einfach noch nicht in Bestform. Für uns fängt die WM jetzt erst an. Manchmal kommt man eben nicht auf dem kürzesten Weg ans Ziel.“

          Mit dieser Art von Seelentröstung hat Lippi schon vor vier Jahren auf sein Team eingewirkt, als es brenzlige Momente zu überstehen hatte. Diese, vom in die Jahre gekommenen Fabio Cannavaro angeführte Mannschaft, war aber schon vor Turnierbeginn eingespielt; Lippis WM-Elf anno 2010 ist es nicht. Nun soll der von einer Wadenzerrung leidlich genesene Andrea Pirlo dem Spiel frischen Halt und Schwung geben. Doch der Regisseur des AC Mailand trainiert nach zwei Wochen Pause gerade erst wieder mit dem Ball und blickt zudem auf keine besonders glorreiche Saison beim AC Mailand zurück.

          Vielleicht wird Lippi zum Wahrsager

          Da laut Lippi für die Italiener die WM ja gerade erst beginnt, kann vielleicht auch Pirlo alles vergessen, was bisher in dieser Spielzeit geschah und an seine großartige Form bei der WM 2006 anknüpfen. Vielleicht kann ja auch Lippi in ein, zwei Wochen sagen, er könne vom Wahrsagen leben. Schließlich hat er vor der WM gegenüber dem Fifa-Onlineportal behauptet, sicher zu sein, „dass meine Mannschaft ihr Potential zum richtigen Zeitpunkt abrufen kann. Vielleicht nicht im ersten oder zweiten Spiel, aber nach und nach. Wenn wir es schaffen, in die zweite Runde zu kommen, haben wir eine Mannschaft, die viel erreichen kann.“

          Der neben Giovanni Trapattoni, Carlo Ancelotti, Arrigo Sacchi und Fabio Capello erfolgreichste italienische Trainer der vergangenen dreißig Jahre hat sich bis zu diesem Donnerstag die Zeit genommen, seine Spieler auf den Punkt hinzubekommen. Nun muss die Squadra Farbe bekennen, soll sie ihren Maestro nicht enttäuschen. Der schickt sich danach, sollten die Vorzeichen nicht trügen, selbst in die Wüste und trainiert für reichlich Petrodollars Al-Ahly Dubai.

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