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Spanische Liga : Fußball auf der Anklagebank

  • -Aktualisiert am

Cristiano Ronaldo bezeichnet seine Fünf-Spiele-Sperre als „eine Verfolgung“. Bild: AFP

Der bezahlte Fußball sitzt in Spanien weiter auf der Anklagebank und auch die Profis sind nicht mehr unantastbar. Macht das die Primera División zu einem weniger attraktiven Arbeitsplatz?

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          Das ist ein heißer Sommer im spanischen Fußball: Die Staatsanwaltschaft klagt Madrids Superstar Ronaldo der Steuerhinterziehung in Millionenhöhe an, Messi, die Lichtgestalt des FC Barcelona, ist wegen desselben Delikts sogar schon ein verurteilter Straftäter. Wie ihnen geht es weiteren Spielern in „La Liga“, zudem sitzen ehemalige Vorsitzende in U-Haft oder werden von der Justiz verfolgt. Von diesem Abend an rollt der Ball in der spanischen Liga wieder auf dem Rasen, doch der bezahlte Fußball sitzt in Spanien weiter auch auf der Anklagebank.

          Es gab eine Zeit, da mussten sich die Stars in Spanien keine Sorgen machen. Trotz der Millionengehälter zahlten sie weniger als ein Viertel an Einkommenssteuern, so viel wie der normale Spanier mit einem Jahreseinkommen von 20.000 Euro. Möglich gemacht hatte dies ein Gesetz aus dem Jahr 2005 mit dem Ziel, das Land für ausländische Führungskräfte in der Industrie, Professoren oder Forscher attraktiv zu machen. Doch einer der ersten, das Gesetz für sich in Anspruch nahmen, war David Beckham, der damals für Real Madrid spielte. Seither ist vom „Beckham-Gesetz“ die Rede.

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          Der Steuernachlass machte Spanien attraktiv für Fußballprofis aus der ganzen Welt. 2009 machte Florentino Pérez, der Multimillionär auf dem Präsidentenstuhl von Real Madrid, den bis dahin spektakulärsten Wechsel im bezahlten Fußball perfekt. Cristiano Ronaldo wechselte für 94 Millionen Euro von Manchester United nach Madrid. Und 2013 übertrumpfte Gareth Bale diesen Rekord. Rund 100 Millionen Euro überwies Real an Tottenham Hotspur für den Waliser.

          2015 nahm das Parlament Sportler ausdrücklich vom großzügigen „Beckham-Gesetz“ aus. Die Fußballvereine tobten, sie seien nicht mehr wettbewerbsfähig. Ein Heer aus Wirtschafts- und Steuerexperten suchte händeringend nach Schlupflöchern. Schon lange lässt kein Spieler seine Einnahmen aus Werbeverträgen mit ausländischen Konzernen auf ein spanisches Konto überweisen. Stattdessen werden sie an Briefkastenfirmen in Steuerparadiesen transferiert. Es hat lange gedauert, bis den Verantwortlichen klar wurde, dass im Internetzeitalter solche Daten nicht ewig geheim bleiben. Als die Geschäfte öffentlich wurden, schritt die Steuerfahndung ein.

          Dabei nehmen die Anstrengungen der Klubs, sich von außen abzugrenzen, immer mehr zu. Das sagt Diego Torres, seit 20 Jahren Sportredakteur bei „El País“, der größten politischen Tageszeitung Spaniens und mit abgeschlossenem Jurastudium. Selbst Insider wie er könnten die Profis nicht einmal mehr zum Spielgeschehen befragen, ohne dass der Verein einen Betreuer zur Seite stellt, beklagt der Journalist. Die Spieler lebten immer mehr in einer abgeschotteten Scheinwelt, die sich jeder Kontrolle entziehe.

          Die Reaktionen Ronaldos seien daher nur folgerichtig: Der Stürmer hatte etwa nach einer zweifelhaften Gelb-Roten Karte am Sonntag im Hinspiel des spanischen Supercups gegen den FC Barcelona den Schiedsrichter leicht gestoßen. Dafür erhielt er die Mindeststrafe von fünf Spielen Sperre. „Das ist eine Verfolgung“, empört sich „CR7“ über das Urteil. Der Portugiese habe den Eindruck, in Spanien Opfer einer allgemeinen Verschwörung, nicht mehr unantastbar zu sein, interpretiert Torres die Reaktion.

          Und tatsächlich ist der spanische Fußball ja nicht mehr immun gegen Strafverfolgung. Ob dies alles Spanien zu einem weniger attraktiven Arbeitsplatz für Fußballprofis macht? Wer die Champions League in seiner Karriere gewinnen will, der wechselte bislang zu Real oder Barça. Fakt ist bislang aber auch: Seit langem macht die spanische Liga in diesem Sommer zum ersten Mal mehr mit spektakulären Abgängen als mit Zugängen von sich reden. Für 80 Millionen Euro ist Stürmer Álvaro Morata von Real Madrid nach Chelsea gewechselt, Neymars Weggang hat dem FC Barcelona 222 Millionen Euro eingebracht. Doch gleichwertigen Ersatz haben die Vereine noch nicht verpflichten können.

          Real Madrids Coach Zinédine Zidane kann immer noch auf Kontinuität seines enorm starken Kaders setzen, der sich diese Woche eindrucksvoll mit 3:1 und 2:0 gegen den FC Barcelona im spanischen Supercup durchgesetzt hat. Bei Barça hingegen kritisieren die Spieler nach der deutlichen Überlegenheit des Rivalen, der es sich leisten konnte, im Rückspiel auf den gesperrten Ronaldo, auf Isco oder Bale zu verzichten, die Vereinsführung.

          „Weder die Mannschaft noch der Klub sind in guter Verfassung“, sagt Abwehrchef Piqué, zumal Angreifer Luis Suárez vier Wochen wegen einer Knieverletzung ausfällt. Nicht nur deshalb hat der Profi Busquets einen klaren Handlungsauftrag für den Verein: „Wir brauchen Verstärkungen, das ist doch ganz offensichtlich.“

          Die einen Tag später bekanntgegebene Verpflichtung von Paulinho Bezerra vom chinesischen Erstligaklub Guangzhou Evergrande erfüllt diese Erwartungen kaum: „Paulinho, eine Lunge, die wenig begeistert“, beschreibt „La Vanguardia“ den neuen Mittelfeldspieler und erinnert daran, dass der Verein ursprünglich Marco Verratti verpflichten wollte. Doch Barça wurde sich nicht mit PSG über den Transfer einig.

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