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EM-2024-Kommentar : Der Fußball ist in der Bringschuld

Nach dem Zuschlag für die EM 2024 gibt es für Präsident Reinhard Grindel und den DFB einiges zu tun. Bild: dpa

Wendet sich durch die EM 2024 alles zum Guten für den DFB? Ob das Turnier ein Erfolg wird, definiert sich maßgeblich darüber, wie Verband und Profiligen nun die vielen drängenden Themen angehen.

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          Als der Deutsche Fußball-Bund (DFB) zuletzt Gastgeber einer Männer-Europameisterschaft war, stand die Berliner Mauer noch. Marco van Basten schoss für die Niederlande im Endspiel von München – im Olympiastadion, nicht in der Arena in Fröttmaning – eines der schönsten Tore, die ein großes Fußballturnier je entschieden haben. Die Verlierer des Finales spielten für die Sowjetunion. Nun, 30 Jahre später, gab es wieder einen Zuschlag: Die EM wird 2024 wieder in Deutschland stattfinden, 36 Jahre nach der Euro 88. Aus dem Eliteturnier von einst, als acht Mannschaften um den Titel spielten, ist ein Riesen-Event für 24 Teams geworden. Vor allem angesichts der Unsicherheit, die der Lira-Verfall und die wirtschaftliche Unsicherheit in der Türkei mit sich gebracht haben, kamen die Mitglieder der Uefa-Exekutive nicht am größten Einzelsportverband der Welt vorbei. Zwölf zu vier – das Ergebnis ist überdeutlich.

          Wendet sich mit dem Zuschlag das sportlich wie sportpolitisch überaus mediokre Jahr des DFB schlagartig zum Guten? Wohl kaum. Aber die Europameisterschaft, von DFB-Präsident Grindel stets als „Leuchtturm“ bezeichnet, gibt Orientierung und ein wenig Halt, wie ein Seil am Berg. Ob das Unternehmen EM ein Erfolg wird, definiert sich maßgeblich darüber, wie der Verband und die Profiligen nun die zahlreichen drängenden Themen im Fußball angehen. Bis zum Turnier in sechs Jahren wird im DFB vieles neu verhandelt werden müssen.

          So unangemessen die Bilder mit dem türkischen Präsidenten Erdogan und Teile von Özils schließlich abgegebener Rücktrittserklärung auch sein mögen: Der Umgang mit dem deutschen Weltmeister Mesut Özil aus Gelsenkirchen-Bismarck hat das Selbstverständnis vieler Deutscher erschüttert, die selbst eingewandert sind oder deren Vorfahren einst eingewandert waren. Das Wort von der Bringschuld des Fußballs, von der Ligapräsident Reinhard Rauball in Nyon sprach, angesichts der – zuletzt vernachlässigten – Integrationskraft in Deutschland, beschreibt die Lage der Dinge treffend. Darüber, aber nicht nur darüber, ist die ohnehin nicht sonderlich starke Position des DFB-Präsidenten über den Sommer schwächer geworden.

          Grindel erklärte nach dem Erfolg, Liga und Landesverbände hielten Personaldiskussionen für völlig überflüssig, von ihm werde Arbeit an den Sachthemen erwartet. Aber genau da braucht sein Verband Erfolge: Das Verhältnis zwischen Basis und Profis ist belastet. Die Nationalmannschaft wurde über ihre Vermarktung zum Kunstprodukt. Und die Zustimmung zur EM 2024 in Deutschland? Liegt bei 80, 85, über 90 Prozent, hieß es vom DFB. Die Zahlen mögen richtig sein. Und doch reicht ein Spieltag in der Bundesliga und ein Blick auf die Plakate am vergangenen Wochenende, um zu erkennen, dass die Fans nicht so leicht zu überzeugen sind.

          „United by money“ war da zu lesen, in Anspielung auf den Bewerbungsslogan „United by football“, die Zielrichtung war klar: Fifa, Uefa, DFB. Bei einem Teil der Fans haben die Organisationen jedwedes Vertrauen verspielt. Da mag es paradox erscheinen, gleichwohl Woche für Woche ins Stadion zu kommen, aber aus dem Ausdruck der Ablehnung durch die Fans klingt auch, dass ihnen nach einem unbelasteten Fest wie während der WM 2006 derzeit kaum zu Mute ist. Die deutschen Bewerber versprechen eine nachhaltige EM. Noch so ein Stakeholder-Schlagwort. Aber in diesem Fall ist der sonst so sperrige Begriff leicht gefasst: Erst wenn der DFB das verlorene Vertrauen zurückgewinnt, kann die Europameisterschaft ein Erfolg werden.

          Christoph Becker
          Sportredakteur.

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