https://www.faz.net/-gtl-8l0vp

Iranische Fußballerinnen : „Ich spiele Fußball, weil ich eine starke Frau bin“

Bild: Reuters

Iranische Fußballspielerinnen sind zu Gast beim Festival „Discover Football“ in Berlin. In ihrer Heimat haben es Frauen im Sport noch immer besonders schwer.

          Nach dem Abpfiff jubeln die Verliererinnen. Die iranischen Fußballerinnen stürmen im Kreuzberger Willy-Kressmann-Stadion in ihre Fankurve und lassen sich frenetisch feiern. Auf diesen Moment haben sie lange gewartet.

          Marlene Grunert

          Redakteurin in der Politik.

          Vor zehn Jahren war eine Gruppe Kreuzberger Fußballspielerinnen nach Teheran gereist, um dort gegen die FrauenNationalmannschaft Irans anzutreten. Es war das erste Spiel der iranischen Fußballspielerinnen in einem Stadion seit der Revolution von 1979. Vergangenen Mittwoch fand nun das Rückspiel statt – als feierliche Eröffnung des „Discover Football“- Festivals in Berlin.

          Das einwöchige Fußballfest findet zum fünften Mal statt. Benannt ist es nach dem gleichnamigen Verein, der 2009 von drei Schwestern gegründet wurde. Corinna Assmann ist eine von ihnen: „Discover Football ist aus der Iran-Reise hervorgegangen“, sagt sie. 2006 in Teheran war sie dabei, und ihre Augen strahlen, wenn sie von dem „großen Abenteuer“ erzählt. Monatelang sei ungewiss gewesen, ob das Spiel überhaupt stattfinden würde. Umso aufregender dann der Moment, als beide Teams in Teheran aufeinanderstießen. „Als wir aus den Kabinen kamen, das Spielfeld betraten und uns 2000 Frauen im Publikum zujubelten – das war unglaublich“, sagt sie.

          Die iranische Fußballspielerin Tanin

          „Discover Football“ setzt sich für Gleichberechtigung und Emanzipation ein. In diesem Jahr luden die Organisatorinnen über 100 Fußballspielerinnen aus der ganzen Welt nach Berlin ein. Sie kommen aus Ländern wie Pakistan, Libyen oder Saudi-Arabien. Bei dem Festival treten sie in gemischten Teams gegeneinander an. Das Motto heißt in diesem Jahr „Heimspiel“. Neben den Fußballspielen finden zahlreiche Workshops statt, in denen die Spielerinnen über Themen wie Heimat und Flucht sprechen können.

          Unterstützt wird „Discover Football“ unter anderem vom Auswärtigen Amt und von Steffi Jones, der neuen Trainerin der deutschen Frauen-Nationalmannschaft. Das Aufgebot an Prominenz ist am Mittwochnachmittag entsprechend groß. Bundestagsvizepräsidentin Claudia Roth spricht in der Eröffnungsrede vom Fußball als „Chance zur Selbstermächtigung, Emanzipation und Lebensfreude“, der Internationale Fußballverband Fifa findet ebenso feierliche Worte, und auch das Bundesministerium des Innern ist vertreten.

          Irans Torhüterin im Spiel gegen das deutsche Team

          Im Fokus aber stehen die eleganten Spielerinnen aus Iran. Sie tragen strahlend blaue Trainingsanzüge, weiße Hedschabs und sind umringt von Kameras. Spätestens seit den Olympischen Spielen in Rio ist die Aufmerksamkeit für iranische Sportlerinnen gewachsen. Zum ersten Mal gewann dort mit der Taekwondo-Kämpferin Kimia Alisadeh eine Iranerin eine Medaille. „Sie ist ein riesiges Vorbild und gibt uns Frauen eine Perspektive“, sagt die 22 Jahre alte Tanin. Sie ist nicht nur Fußballspielerin, sondern betreibt als Personal Trainer einen Fitnessclub in Teheran. Er heißt „v.i.p.“.

          Das Turnier läuft die ganze Woche

          Weltweit bestehen Unterschiede zwischen weiblichem und männlichem Profisport, aber in Iran sind sie besonders groß. Bei den Olympischen Spielen waren unter 61 iranischen Athleten neun Frauen. Teilweise konnten sie nicht einmal ihren Trainer mit nach Rio nehmen – aus finanziellen Gründen, heißt es. Weil iranische Medien kaum über Frauensport berichten, fließt dort kein Geld. Häufig dienen vermeintlich finanzielle Gründe aber auch dazu, politische Motive zu verschleiern. Erst vor ein paar Wochen wurde in Iran ein Frauenfußballklub aufgelöst. Offiziell hieß es, er sei zu teuer, doch im Hintergrund ging es um den Vorwurf der Homosexualität.

          Das Spiel ist auch ein Fest für die Fans - Männer und Frauen

          „Wir brauchen dringend Investoren“, sagt Tanin. Gleichzeitig betont sie, dass es doch nirgends gerecht zwischen Männern und Frauen zugehe. Das sei ein globales Problem, deshalb seien sie ja in Berlin. Jedes Land habe im übrigen seine eigenen Regeln, die müsse man akzeptieren. In Iran gilt nicht nur für Sportler strikte Geschlechtertrennung, sondern auch für Zuschauer. Der Präsident der Berliner Fußballerinnen musste das Spiel in Teheran seinerzeit deshalb vor verschlossener Stadiontür zubringen. Das Stadionverbot für Frauen bei Spielen der Männer bedauert Tanin, will es aber nicht weiter kommentieren. Das sei nicht ihr Job. Iran schlage aber seit einiger Zeit die richtige Richtung ein: „Wir sind wirklich auf einem guten Weg.“ Den Sport will sie auch nicht unnötig politisieren. „Ich spiele Fußball, weil ich eine starke Frau bin“, sagt sie und geht zum Aufwärmtraining.

          Letzte Vorbereitungen vor dem Spiel

          Corinna Assmann guckt ihr hinterher und kann kaum glauben, dass die iranische Mannschaft tatsächlich da ist. Das sei „ein kleines Wunder“. Mehrmals stand das Rückspiel gegen die Nationalmannschaft kurz bevor, bis es in letzter Minute dann doch platzte. Für die Reise Jahre später fanden sich nun elf iranische Spielerinnen aus verschiedenen Vereinen zusammen. Auch zwei Nationalspielerinnen von damals sind dabei. Auf Berliner Seite kommen die Frauen aus dem Hinspiel noch einmal zusammen. „Das ist sehr emotional“, sagt Assmann. Ihre Mannschaft nennt sich heute „Football Under Cover Allstars“, benannt nach dem Dokumentarfilm, der vor zehn Jahren auf der Reise entstand. Er zeigt, welch zähen Weg die Frauen auf sich nahmen und was daraus erwuchs.

          Grün-weiß-rote Fähnchen - und die prominente Zuschauerin Claudia Roth

          Als Claudia Roth am Abend das Spiel anpfeift, ist auf der Tribüne kein Halten mehr. Iranische Fans verfallen in Liebesbekundungen für die Spielerinnen, es sind mehrheitlich Männer. Sie schwingen grün-weiß-rote Fähnchen, und durch die Lautsprecher schallt blechern eine Moderation auf Farsi in die Kreuzberger Nacht. Als eine iranische Spielerin verletzt aufgeben muss, verlässt aus Solidarität auch bei den Berliner Allstars eine Fußballerin das Feld.

          Während das Spiel in Teheran mit einem diplomatischen 2:2 ausging, endet die Partie am Mittwoch 4:2 für die Berlinerinnen. Doch nach dem Abpfiff fallen sich alle Fußballspielerinnen in die Arme. Sie wirken alle wie Siegerinnen, was auch Tanins Gefühl entspricht. Als sie vor dem Spiel auf den Platz zog, sagte sie: „I am always a winner.“

          Teamgeist wird bei den jungen Frauen großgeschrieben

          Weitere Themen

          Von den Kanaren in die Karibik Video-Seite öffnen

          Fast 5000 Kilometer rudern : Von den Kanaren in die Karibik

          In den nächsten Wochen erwarten die Teilnehmer extreme Wetterbedingungen. Tropische Stürme, Wellen mit bis zu 12 Metern Höhe, sowie drückende Hitze. 30 Teams mit Teilnehmern aus der ganzen Welt treten an

          Verlorene Welt

          Jüdische Küche : Verlorene Welt

          In vielen Städten ist die jüdische Küche aus dem Alltag fast komplett verschwunden. Eine Spurensuche in Berlin, Wien und Brünn.

          Klopp feiert seine Mannschaft Video-Seite öffnen

          Sieg gegen Neapel : Klopp feiert seine Mannschaft

          Nach einem dramatischen Spiel gegen den SSC Neapel ist der FC Liverpool ins Achtelfinale der Champions League eingezogen. Die Reds siegten im Gruppen-Finale dank eines Tores von Salah mit 1:0.

          Topmeldungen

          EuGH-Urteil zu Fahrverboten : Hatz auf die Autofahrer

          Städte wie Paris dürfen möglicherweise selbst nagelneuen Autos die Einfahrt künftig verbieten. Umweltaktivisten jubeln, für die große Mehrheit der Bevölkerung aber wären so umfassende Fahrverbote eine Katastrophe. Ein Kommentar.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.