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Iran, die WM und die Wahl : Gucci in Teheran

Huckepack bis Rio de Janeiro? Reza Ghuchanneschad (r.) und Mohamad Raza nach dem Sieg in Doha gegen Qatar Bild: AP

Mehr als nur Fußball: Drei Tage vor dem ersten Gang der Präsidentenwahl in Iran tritt das Fußballteam in der WM-Qualifikation gegen Libanon an. Die Emotionen sind heftig - und unberechenbar.

          Gucci könnte ein Held werden in diesen Tagen. Reza Ghuchanneschad ist in Maschhad geboren, der heiligen Stadt der Schiiten im Nordosten Irans, aber aufgewachsen ist der Junge in Leeuwarden, im holländischen Friesland. Ghuchanneschad hatte das Glück, nicht in „Tehrangeles“ oder „Tehronto“ groß zu werden. Nicht in der Diaspora Nordamerikas, sondern in einem Teil der Welt, in dem die Scouts einen Blick haben für talentierte junge Fußballspieler. Mit 18 spielte er in der niederländischen U19-Auswahl. Der komplizierte Nachname wurde abgekürzt, er wurde Gucci gerufen, wie die italienische Marke.

          Gucci setzte sich nicht durch bei Oranje. Heute ist er 25, spielt bei Standard Lüttich in Belgien, und inzwischen wird sein Spitzname wieder anders geschrieben: Aus Gucci ist Ghuchi geworden, nach der Herkunft aus dem Bezirk Ghuchan an der Grenze zu Turkmenistan, die sein Nachname verrät.

          Hoffnungsträger von Standard Lüttich

          Am vergangenen Dienstag hat Ghuchi das einzige Tor im WM-Qualifikationsspiel gegen Qatar geschossen, das Siegtor für die Iraner, das Tor, das Team Melli, die Nationalmannschaft im Rennen hält um die asiatischen Startplätze für die Weltmeisterschaft im kommenden Jahr in Brasilien.

          An diesem Dienstag wird Carlos Queiroz, der iranische Nationaltrainer aus Portugal, der ein Jahr lang Real Madrid trainierte, Ghuchi gegen den Libanon stürmen lassen, in der Hoffnung, er möge die Leistung wiederholen. In sechs Spielen hat Iran drei Tore geschossen und zwei kassiert. Technisch versiert, man hält sich wenigstens für die Brasilianer Asiens, erreicht Team Melli immer wieder den gegnerischen Strafraum. Dort löscht es regelmäßig die Erinnerung an den letzten harmlosen Abschluss mit einem noch harmloseren Versuch aus.

          Das ändert aber nichts daran, dass kaum eine Nation in Asien so verrückt nach Fußball ist wie die Iraner. Eine neue Generation Nationalspieler ist herangewachsen, die aus der Bundesliga bekannten, aber in Iran aufgewachsenen Ali Karimi und Mehdi Mahdavikia sind abgetreten.

          Trotz oder wegen Wahl: Fußball bewegt Teheran

          Heute hoffen die Iraner auf den derzeit verletzten Ashkan Dejagah, aufgewachsen in Berlin, deutscher Jugend- und nun iranischer Nationalspieler, oder eben Ghuchanneschad. Junge Männer, in der westlichen Fußballwelt sozialisiert, mit ihren Statussymbolen, Tätowierungen, Marken. Wie Gucci. Statussymbolen, die sich in Iran nur wenige leisten können, die aber auch nach 34 Jahren islamischer Revolution von etlichen begehrt werden.

          Um sich direkt zu qualifizieren, brauchen die Iraner gegen den Libanon unbedingt einen Heimsieg vor dem letzten, entscheidenden Spiel in Südkorea acht Tage später. Das Asadistadion, die riesige graue Schüssel im Westen Teherans, wird mit mindestens 85 000 Zuschauern ausverkauft sein; selbstverständlich, Islamische Republik, nur Männer. Für viele ist die WM-Qualifikation das wichtigste Thema dieser Wochen - trotz des laufenden Präsidentschaftswahlkampfs mit dem ersten Wahlgang an diesem Freitag.

          Die Preise galoppieren

          Es gibt auch Leute, die sagen: Es ist das wichtigste Thema wegen der Wahlen. Wieder diktiert das Regime, der oberste geistliche Führer Ayatollah Ali Chamenei dem Volk die sechs Kandidaten, die sich stellen dürfen. Die Wirtschaft des Landes liegt am Boden, teilweise wegen hausgemachter Probleme, teilweise wegen der Sanktionen des Westens gegen das iranische Atomprogramm. Brot kostet doppelt so viel wie vor sechs Jahren, der Milchpreis hat sich vervierfacht, der Preis für Rindfleisch verfünffacht. Zugleich ziehen die Machthaber vor der Wahl die Daumenschrauben an: Das Internet wird strenger denn je zensiert und verlangsamt; Satellitenschüsseln wieder einmal von den Dächern geholt; Hunde, ein beliebtes Statussymbol, auf der Straße eingefangen, weil die Religionsgelehrten der Meinung sind, sie seien unrein.

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