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Interview mit dem Bundestrainer : „In der Taktik haben wir Nachholbedarf"

  • Aktualisiert am

Ein Bundestrainer zum Liebhaben: Jogi Löw Bild: dpa

Joachim Löw überlässt nichts dem Zufall. Im F.A.Z.-Interview spricht der Bundestrainer über die Fortbildung der Spieler und verrät, wie minutiös er sich und das Team auf ein Länderspiel vorbereitet. So bekam das Mittelfeld vor dem Tschechien-Spiel eine handgemachte DVD zum Thema „zweite Bälle“.

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          Joachim Löw überlässt nichts dem Zufall. Im F.A.Z.-Interview spricht der Bundestrainer über die Fortbildung der Spieler und verrät, wie minutiös er sich und das Team auf ein Länderspiel vorbereitet. Das defensive Mittelfeld bekam vor dem Tschechien-Spiel eine DVD zum Thema „zweite Bälle“. Der Abwehr wurde visuell vor Augen geführt wie man das tschechische Dreieck Koller, Rosicky, Baros ausschaltet.

          Wie lange benötigen Sie für eine Länderspiel-Vorbereitung wie gegen Tschechien?

          20 Minuten.

          Platz an der Sonne: Jogi Löw

          Gegen Dänemark werden es dann wohl nur fünf Minuten sein?

          Nein, nein, im Ernst: Das lässt sich in Stunden nur sehr schwer sagen. Die Vorbereitung eines Länderspiels beginnt jedenfalls immer mit dem Ende der letzten Begegnung, gegen Tschechien also mit dem 3:1 gegen die Schweiz. Wir werten das Spiel aus, um daraus Erkenntnisse für die Vorbereitung auf die nächste Partie einfließen zu lassen.

          Was heißt das konkret?

          Die Vorbereitung verläuft in Etappen. Ich schaue mir zunächst das letzte Spiel in der Regel noch einmal auf DVD an, aber nicht in einem Stück. Ich stoppe immer wieder, lasse Szenen zurücklaufen und mache mir Gedanken, was man auf welche Weise in unserem Spiel verändern könnte - und schreibe es auf. Dann kommt die Phase, in der wir uns mit dem Gegner auseinandersetzen. Bei wichtigen Spielen wie gegen Tschechien dauert das natürlich länger als für das Testspiel jetzt gegen Dänemark. Ich schaue mir dann mit Hansi Flick die letzten zwei, drei Länderspiele unseres Gegners an, und wir tragen unsere Eindrücke aus dem Videostudium zusammen. Dann nehmen wir Kontakt zu Urs Siegenthaler auf, um seine Erkenntnisse von den Spielen, die er auch live gesehen hat, zu erhalten. Danach arbeiten wir gemeinsam eine Strategie aus, wie wir vorgehen. Das dauert dann einige Tage, bis wir sagen können: So sieht die Lösung aus. Siegenthaler hatte gegen die Tschechen gleich gesagt: Die Lösung geht über Koller.

          Wie setzen Sie die Erkenntnisse dann für die Mannschaft um?

          Danach stellen wir mehrere DVDs zusammen, eine für die gesamte Mannschaft und dann mehrere für Teilbereiche des Teams. In diesem Fall zum Beispiel für die Abwehr, um zu zeigen, wie man das Dreieck Koller, Rosicky, Baros aus dem Spiel nimmt. Oder eine DVD für das defensive Mittelfeld mit dem Thema „zweite Bälle“. Das haben die Tschechen zuvor immer beim Spiel auf Koller genutzt, aber Michael Ballack und Torsten Frings haben zweite Versuche in Prag nicht zugelassen. Sie waren vorbereitet. Die Tschechen konnten dieses Mittel nicht mehr nutzen. Außerdem gab es vor dem Spiel gegen Tschechien eine DVD für die Stürmer und offensiven Mittelfeldspieler, wie sie am besten gegen die Verteidigung in die Spitze vorstoßen können. Gegen Dänemark wird es auch eine Vorbereitung mit DVD geben, aber eben nicht so aufwendig. Es wird nicht für alle Mannschaftsteile eine spezielle DVD erstellt.

          Beschäftigt Sie so ein Spiel wie gegen Tschechien schon monatelang im Voraus ständig im Kopf?

          Nein, ich habe mir einen Rahmenterminkalender erstellt, der über zwei, drei Monate reicht. Es gibt darin Tage, die ich mir völlig von Terminen freihalte. Das sind meine konzeptionellen Tage. Da sitze ich im Büro und mache mir Gedanken und Notizen, woran wir weiterarbeiten müssen, welche Spieler speziell angesprochen werden müssen und wie sich diese Dinge in Trainingsinhalte umsetzen lassen.

          Wenn Sie ein Spiel noch mal in Ruhe ansehen, erleben Sie dabei Überraschungen?

          Überraschungen nicht, aber ich gewinne Erkenntnisse. Es gibt Details und Einzelszenen, die ich wegen der Emotionen und der Anspannung am Spielfeldrand so nicht gesehen habe. Ich entdecke Zusammenhänge, die ich vorher nicht erkannt habe.

          Kapitän Michael Ballack hat behauptet, Ihre Ansprachen seien ein Schlüssel zum Erfolg.

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