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Interview : „Die haben uns bis in die Kabine verfolgt“

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Nichts wie weg: Jakob Kuhn trat die Flucht an Bild: AP

Häßliche Jagdszenen im Sükrü-Saracoglu-Stadion von Istanbul haben den Schweizer Jubel über die erste WM-Teilnahme seit 1994 getrübt. Trainer Kuhn spricht im Interview mit der F.A.Z. über aufregende Momente.

          Häßliche Jagdszenen im Sükrü-Saracoglu-Stadion von Istanbul haben den Schweizer Jubel über die erste WM-Teilnahme seit 1994 getrübt. Trainer Kuhn spricht im Interview mit der F.A.Z. über aufregende Momente.

          Sie machen einen sehr ruhigen Eindruck - wie fühlen Sie sich?

          Es herrscht bei allen eher eine innere Freude. Ich bin sehr stolz darauf, daß meine junge Mannschaft trotz aller Vorkommnisse, die sich schon im Vorfeld der Partie abgespielt haben, dem großen Druck standgehalten hat. Aber das, was nach dem Spiel vorgefallen ist, schmälert die Freude. Man kann sagen, daß die Türken uns daran gehindert haben, unseren Erfolg richtig zu feiern.

          Was sagen Sie zu den Tumulten nach Abpfiff?

          So etwas gehört nicht auf den Fußballplatz. Das war schon bedrohlich, was sich nach der Partie ereignet hat. Wir haben einen wahren Spießrutenlauf hinter uns bringen müssen. Unser Ersatztorhüter Stephane Grichting erlitt durch einen Schlag in den Unterleib einen Harnröhrenriß und fällt für mindestens zehn Tage aus. Türkische Spieler haben uns bis in die Umkleidekabine verfolgt. Wir konnten den Raum erst nach einer Stunde verlassen und nur unter einem massiven Polizeiaufgebot in den Mannschaftsbus steigen.

          Der türkische Coach Fatih Terim gab Schiedsrichter De Bleeckere die Schuld für das Ausscheiden seiner Mannschaft. Können Sie diese Einschätzung nachvollziehen?

          Als beteiligter Trainer sieht man das Geschehen nie neutral. Ich finde aber, daß der Unparteiische das Spiel in keiner Weise entschieden hat, sondern er zeigte in Anbetracht der Bedeutung der Partie eine hervorragende Leistung.

          Auch nach dem zwischenzeitlichen 3:1 für die Türken wirkten Sie äußerlich sehr ruhig. Wie erlebten Sie die letzten 40 Minuten des Spiels?

          Ehrlich gesagt, habe ich eigentlich nur nach dem 2:4 kurz vor Schluß gezittert, als es an der Strafraumgrenze noch einen Freistoß für die Türkei gab. Da habe ich innerlich gebetet. Nach dem 1:3 hat meine Mannschaft wieder zurück ins Spiel gefunden. Obwohl die Türken nur noch ein Tor benötigten, war ich mir zu diesem Zeitpunkt sehr sicher, daß wir es schaffen würden. Im übrigen bin ich kein Trainer, der draußen an der Linie herumtanzt. Das ist in meinen Augen vergebene Liebesmüh.

          Was bedeutet die WM-Qualifikation für den Schweizer Fußball?

          Wir ernten damit die Früchte für zehn Jahre intensive Nachwuchsarbeit. Für eine kleine Nation wie die Schweiz ist das natürlich eine riesige Sache, bei der WM dabei zu sein - dazu auch noch in Deutschland, das neben Brasilien vielleicht die größte Fußballnation ist. Der Erfolg der Nationalmannschaft wird den Schweizer Fußball weiter voranbringen. Etwas besseres hätte uns in Hinblick auf die EM 2008 im eigenen Land nicht passieren können.

          Die Fragen stellte Roland Wiedemann.

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