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Internationaler Wettskandal : Wetten, dass im Fußball krumme Dinger laufen?

Ehrlich gewonnen? Die Champions-League-Trophäe im Jahr 2012 Bild: AFP

Fußballfunktionäre sprechen gern von bedauerlichen Einzelfällen. Nach den neuen Erkenntnissen von Europol ist jedoch klar: Die Sportart ist in die Fänge der organisierten Kriminalität geraten.

          Seit mehr als dreißig Jahren arbeitete Ralf Mutschke für das Bundeskriminalamt, bei dem er sich mit dem gesamten Spektrum kriminalistischer Ermittlungsarbeit beschäftigte. Nachdem der erfahrene Aufklärer aus Deutschland im vergangenen Sommer als Sicherheitschef zum Internationalen Fußball-Verband (Fifa) gewechselt war, war schnell klar, welche Problematik in Zukunft vor allem auf ihn zukommen würde. Unlängst berichtete Mutschke von einer brisanten Zusammenkunft, deren Gehalt einmal mehr verdeutlichen sollte, mit welch dunklen Mächten es der moderne, an der Oberfläche so glamouröse Fußball zu tun hat: „Ich habe mich mit einem verurteilten Manipulator informell getroffen. Er sagte mir gerade ins Gesicht: ‚Die organisierte Kriminalität geht raus aus den ursprünglichen kriminellen Tätigkeiten hin zu Spielmanipulation, denn hier besteht ein geringes Risiko, aber sie verspricht hohe Gewinne.‘“

          Michael Ashelm

          Redakteur in der Wirtschaft.

          Die gigantischen Ausmaße der Europol-Untersuchungen, die am Montag in Den Haag von der europäischen Polizeibehörde vorgestellt wurden und Schockwellen ins Fußballgeschäft sandten, bestätigen die Annahmen vieler Experten: Der populärste Sport der Welt wird über Wetten, Spielmanipulationen, Betrügereien sowie auch Erpressung immer stärker durch global agierende Banden unterwandert. Es handelt sich um ein Milliardengeschäft, oft gesteuert von Gangstersyndikaten aus Asien, die streng hierarchisch wie brutale Drogenkartelle funktionieren. Werden neue Skandale aufgedeckt, geben sich die Fußballfunktionäre meist völlig überrascht, um dann sogleich den Eindruck zu erwecken, dass man sich des Themas ab sofort mit „null Toleranz“ annehmen würde.

          „Wir befinden uns in einem Krieg“

          Doch die Wahrheit sieht anders aus und ist ziemlich niederschmetternd. Verbände und Vereine sind hoffnungslos überfordert, wenig vorbereitet - und darüber hinaus ziemlich naiv. Als im Jahr 2009 die Bochumer Staatsanwälte dabei waren, die kriminellen Netzwerke beim vormaligen Wettskandal in Deutschland zu untersuchen, mokierte sich der Deutsche Fußball-Bund (DFB) über die wichtigste Erkenntnis der Ermittler, dass es sich bei allem wohl nur um die Spitze eines Eisbergs handele. Daran wollten die Fußballfunktionäre nicht glauben. Die aktuellen Europol-Ermittlungen gründen sich zum Teil offenbar auf den Hinweisen der Bochumer Staatsanwaltschaft von damals, die gemeinsam weiterverfolgt wurden. Vor allem geht es den Polizeibehörden diesmal wohl darum, endlich an die Hintermänner zu kommen und die kriminellen Netzwerke aufzudecken. Um welche wirkliche Dimension es geht, erkannte schon Mutschkes Vorgänger als Sicherheitschef bei der Fifa, Chris Eaton. „Wir befinden uns in einem Krieg“, sagte der ehemalige Interpol-Mann. Eaton hielt es bei der Fifa nicht lange aus, auch, weil der Australier spürte, mit der Wichtigkeit der Thematik nicht richtig durchdringen zu können. Der Bundesligaskandal Anfang der Siebziger in Deutschland, in den zahlreiche Spieler, Trainer und Funktionäre verwickelt waren, erscheint im Vergleich zu heute wie ein Kindergeburtstag.

          Überall sind in den vergangenen Monaten und Jahren schwere Fälle von Spielmanipulation im Fußball bekanntgeworden. Gerade auch in Deutschland. Nach dem Skandal um den bestochenen Berliner Schiedsrichter Hoyzer (2005) kam es im Jahr 2009 zu den Enthüllungen durch die Bochumer Staatsanwälte. In insgesamt neun europäischen Ländern wurden mindestens 200 Spiele verschoben. Es gab schließlich Haft- und Bewährungsstrafen gegen fünf Verdächtige. Viele Fußballligen in Europa und der ganzen Welt waren ebenfalls betroffen - darunter auch die Türkei oder eine so große Fußballnation wie Italien. Wie mafios sich die Betrügerbanden mittlerweile verankert haben im Fußballbusiness, bewies der Fall des früheren italienischen Nachwuchsnationalspielers Simone Farina, der mit seinen Aussagen zu Spielmanipulationen den Stein in Italien ins Rollen brachte. Seither stehen Offizielle, Schiedsrichter und Profis im Zwielicht und wurden auch schon verurteilt. Zwar erhielt Farina dafür von der Fifa einen Preis, doch kein Klub in seiner Heimat wollte den „Aussätzigen“ danach mehr einstellen. Im Sommer 2012 beendete Farina zwangsläufig seine Karriere als Spieler.

          Andere, die ihr Schweigen gebrochen haben, sind in Lebensgefahr. An geschütztem Ort irgendwo in Ungarn befindet sich derzeit der Malaysier Wilson Perumal, der als entlarvter Betrüger vor den Behörden in Finnland ausgesagt hatte. Er lieferte Hintergründe und erhielt dafür eine verminderte Haftstrafe. Perumal gab dem Wettbetrug aus Sicht der Ermittler ein Gesicht, als er die Manipulation von Fußballspielen in verschiedenen Ländern, aber auch von Länderspielen quer über die Kontinente einräumte und die Verbindungen zu den Betrügerbanden in Asien zog. Er war zwar, wie sich später herausstellte, keiner der großen Bosse eines Syndikats aus Singapur, aber zumindest einer der wichtigen Kontaktmänner zur Geschäftsanbahnung am Ort des Fußballgeschehens. Nun hat der Malaysier offenbar Angst vor der Rache des sogenannten Dan-Tan-Kartells.

          Champions League statt Niederungen des Profifußballs

          Es soll nach Ermittlungen von Interpol, die vor Weihnachten öffentlich wurden, möglicherweise hinter einer spektakulären Betrugsserie stehen, welche den südafrikanischen Fußball betrifft. Im WM-Ausrichterland von 2010, das derzeit Gastgeber ist für den Afrika-Cup, steht sogar der Verbandspräsident im Verdacht, Freundschaftsspiele der eigenen Nationalmannschaft für Geld und mit manipulierten Schiedsrichtern verschoben zu haben. Der Fall zeigt abermals, dass die organisierte Kriminalität inzwischen auch im „großen“ Fußball mitmischt. Die Annahme, dass Ergebniskorruption vor allem nur in den Niederungen des Profifußballs stattfindet, wo schlechtbezahlte Spieler, Schiedsrichter oder Manager leichter von den Betrügerbanden anzuwerben sind, widerlegen wohl auch die neuesten Erkenntnisse von Europol. Schließlich soll nun auch wieder die Champions League betroffen sein.

          „Was ich da höre überrascht mich nicht. Das Risiko ist immer latent vorhanden gewesen“, sagt Wolfgang Feldner. Der Deutsche arbeitete fünf Jahre für die Fifa und das sogenannte Early Warning System, das über Wettverläufe bei den Wettunternehmen verdächtige Spiele frühzeitig identifizieren soll. Feldner ist ein Kenner der Branche, war zuvor beim staatlichen Sportwettenanbieter Oddset beschäftigt und leitet heute in Ismaning bei München das Institut für Sportwetten und Glücksspiel. Hier bietet er der Fußballbranche, den Profispielern und Verantwortlichen Präventionstrainings an. Feldner weiß, wie sich die Banden an die Kicker heranmachen, persönliche Probleme ausnutzen, sie in Abhängigkeiten bringen. Einige Profis berichteten, dass ihre eigene Spielsucht von den Kriminellen ausgenutzt wurde. „Die Vereine wissen oftmals gar nicht, welches Risiko sie eingehen“, sagt Feldner.

          Ernste Mienen: Europolchef Rob Wainwright (2.v.l.) stellt die erschreckenden Ermittlungsergebnisse vor

          Er meint damit vor allem Klubs aus der zweiten und dritten Liga, die meist gar nicht realisieren, welche Wettsummen irgendwo in Asien auf ihre Spiele gesetzt werden - und aus welchem Grund. Die meisten Betrugsfälle passieren gar nicht mehr in Partien, in denen plötzlich der Außenseiter gewinnt. Das wäre zu auffällig. Die meisten Manipulationen setzen bei Livewetten an, wenn der Favorit eines Spiels zum Beispiel zur Halbzeit nur mit einem 0:0 dasteht. Nach der Wahrscheinlichkeitsrechnung fallen danach nicht mehr viele Tore, doch plötzlich werden in der Pause große Summen auf ein 4:1 gesetzt - und das Ergebnis oder der Torunterschied trifft am Ende genauso ein. Für solche Spielverläufe werden meist der Schiedsrichter und einzelne Schlüsselspieler bestochen. Seriöse Wettunternehmen bekommen davon oftmals nichts mit, weil der große Geldbatzen der Betrüger auf viele Wettanbieter verteilt wird.

          Schulungen für Schiedsrichter

          Der Fußball müsste sich in diesen Tagen bewusster werden, noch mehr zu tun in der Prävention, aber auch bei der Aufklärung. Die bisherigen Ermittlungsstrukturen auch in einem riesigen Verbandsapparat wie dem DFB sind bisher nur dafür geeignet, sportliche Aussetzer von Spielern oder Trainern auf dem Platz zu verfolgen. Weder bei Korruption noch bei Spielmanipulationen gibt es bisher eine schlagkräftige Abschreckung. Zwar werden die Fußballspiele von einer Spezialfirma aufgrund der einlaufenden Quoten nach möglichem Wettbetrug überwacht - doch was tun mit auffälligen Partien? Die Deutsche Fußball Liga arbeitet seit einiger Zeit mit der Organisation „Transparency International“ zusammen, dabei geht es auch um Aufklärung für junge Spieler, die ins Profigeschäft hineinwachsen.

          Auch die Fifa hat reagiert und hat sich von einem Spezialunternehmen aus Berlin ein Hinweisgebersystem im Internet installieren lassen, das derzeit startet und weltweit in verschiedenen Sprachen sogenannten Whistleblowern die Möglichkeit gibt, auf Betrügereien anonym hinzuweisen. Fifa-Mann Mutschke will ein weltweites Netz mit Integritätsexperten aufbauen. Außerdem werden gerade die Schiedsrichter für die Weltmeisterschaft 2014 in Brasilien geschult, damit sie wissen, wie sich die Betrügerbanden üblicherweise an sie heranmachen. Im Zuge der weiteren Europol-Ermittlungen wird sich sehr schnell zeigen, ob nicht noch viel mehr zur Gefahrenabwehr gegen die organisierte Kriminalität im Fußball getan werden müsste. Zu vermuten ist es.

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