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Inter-Trainer Leonardo : Von Narziss zu Narziss

  • -Aktualisiert am

Gewandt, geschmeidig. gutaussehend: Leonardo soll bei Inter José Mourinho vergessen machen Bild: dpa

Leonardo hat im Juni als Milan-Trainer aufgehört, nun übernahm er den Posten beim Stadtrivalen Inter. Statt Berlusconi heißt sein Vorgesetzter Moratti. „Dickschädel“ Leonardo hofft beim schwarz-blauen Abenteuer auf Landsmann Kaka.

          Die Nachrede war nicht unbedingt freundlich. Wegen „charakterlicher Unvereinbarkeiten“ mit Klubbesitzer Silvio Berlusconi habe er im Sommer den Trainerposten beim AC Mailand niedergelegt, sagte Leonardo Nascimento de Araújo vor vier Monaten der Zeitung „Gazzetta dello Sport“. „Narziss gefällt nur, was der Spiegel sagt“, kritisierte er damals Berlusconis mangelhafte Kommunikationsfähigkeiten.

          Nach nur sechs Monaten Pause vom großen Fußball kehrt Leonardo nun zurück - und begibt sich für vorerst 18 Monate freiwillig an den Hof eines anderen Narziss: Massimo Moratti, Besitzer von Inter Mailand, hatte einen Tag vor Weihnachten den bis dahin engagierten Chefcoach Rafael Benitez ausgerechnet deshalb gefeuert, weil der nach Inters Sieg bei der Klubweltmeisterschaft öffentlich genau das gefordert hatte, was viele für vernünftig halten, Moratti jedoch aus Imagegründen nicht passte: je einen Neuzugang pro Mannschaftsteil, um Verletzungsausfälle zu kompensieren und mehr Konkurrenzkampf im so erschöpften wie satten Kader zu wecken.

          Zwar hat Benitez binnen fünf Monaten zwei der drei möglichen Titel geholt (den italienischen Supercup und die Klubweltmeisterschaft) und phasenweise für eine spielerische Weiterentwicklung des trotz aller Erfolge recht schematischen Systems von José Mourinho gesorgt. Dreizehn Punkte Rückstand auf Tabellenführer AC Mailand (bei zwei Spielen weniger) und eklatante Abstürze einiger Schlüsselspieler führten allerdings zu immer stärkeren Zweifeln an Benitez' Kompetenz - und zur Sorge bei Inters Management, die Saison schon vorzeitig abschreiben zu müssen.

          „Gandhi hat Indien befreit und niemals die Stimme erhoben“

          In Leonardo heuert nun jemand bei Inter an, der durchaus das Zeug zum Retter hat. Wegen seines gewandten und geschmeidigen Auftretens ist der gut aussehende Brasilianer weit besser geeignet, das Erbe des Medien-Idols Mourinho anzutreten, als dies dem eher bedächtigen Benitez gelang. Mit insgesamt 13 Arbeitsjahren beim AC Mailand als Spieler, Manager und Trainer verfügt er über genug Kenntnis der italienischen Fußballkultur, um solche Fehler wie die öffentliche Forderung des an die Premier League gewöhnten Spaniers nach Verstärkung tunlichst zu vermeiden. Über den „Narziss“ Berlusconi äußerte sich Leonardo schließlich erst lange nach Ende des Vertragsverhältnisses.

          Meriten erwarb sich Leonardo in seinem ersten Trainerjahr bei den Rossoneri, weil er Altstars wie Seedorf und Ronaldinho wieder Freude am Fußball vermittelte. „Er ist wie ein Bruder zu uns“, sagte der jetzt nach Brasilien transferierte Ronaldinho. Leonardo achtete aber auch darauf, dass seine Entscheidungskompetenz nie in Frage gestellt wurde. „Gandhi hat Indien befreit und niemals die Stimme erhoben“, lautet sein Wahlspruch.

          Vom gern in die Mannschaftsaufstellung eingreifenden Berlusconi wurde Leonardo wegen seiner Konsequenz als „Dickschädel“ bezeichnet. Die Spieler jedoch blühten unter der sensiblen und führungsstarken Hand ihres einstigen Mannschaftskollegen auf und bedankten sich mit teilweise berauschenden Vorstellungen. Bis zur Verletzung des Innenverteidigers Nesta hatte Milan in der vergangenen Saison sogar Aussichten auf den Titelgewinn.

          „Bei Milan musste ich aus Mangel an Erfahrung viel improvisieren“

          Nach seinem ersten Trainerjahr hat Leonardo weiter dazugelernt. „Bei Milan musste ich aus Mangel an Erfahrung viel improvisieren“, gab er im September gegenüber der „Gazzetta dello Sport“ freimütig zu. Die Pause vom Traineralltag wollte er aber nutzen, um „meine eigene Methode in allen Bereichen - dem Umgang mit der Mannschaft, dem Verein und den Medien - zu entwickeln“, sagte er.

          Viel Zeit für die gründliche Ausarbeitung seiner Methode hatte der Weltmeister von 1994 allerdings nicht. Früher als erwartet musste Benitez bei Inter die Segel streichen. Seinem Nachfolger wird immerhin gewährt, was dem Spanier noch verweigert wurde: Neuzugänge in allen Mannschaftsteilen. Für den nach einem Kreuzbandriss außer Gefecht gesetzten Walter Samuel kommt der hoch gelobte Innenverteidiger Andrea Ranocchia. Dribbelkünstler Alexis Sanchez soll von Udinese losgeeist werden. Und immer stärker werden die Signale, dass der ehemalige Milanista Kaká (derzeit bei Real Madrid unter Vertrag) Gelegenheit haben wird, seinen Landsmann Leonardo bei dessen schwarz-blauem Abenteuer zu unterstützen.

          Aus der rot-schwarzen Ecke kamen bisher nur Glückwünsche und Komplimente für Leonardos neue Aufgaben. Mal sehen, ob dies so bleibt, wenn der neue Mann am Steuer bei Inter Mailand den Rückstand zu seinem einstigen Klub entscheidend verkürzt.

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