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Inter Mailand : Anarchie statt Akribie

  • -Aktualisiert am

Da wollen sie wieder hin: Inter Mailand nach dem Champions-League-Sieg 2010 Bild: picture alliance / dpa

Inter Mailand hat ohne José Mourinho seine Stabilität eingebüßt. Bayern München sollte sich im Achtelfinal-Hinspiel der Champions-League (20:45 Uhr) dennoch vorsehen. Denn mit Trainer Leonardo entdeckt der Titelverteidiger die Lust auf Fußball neu.

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          Wer das Spiel von Inter Mailand im Jahr 2011 verstehen will, der muss einige Seiten im Buch der Fußballgeschichte zurückblättern. Am besten in die Jahre 1982 und 1986, als Tele Santana Trainer der brasilianischen Nationalmannschaft war. Unter Liebhabern ist vor allem die Mannschaft von 1982 bekannt, die mit Zico, Sócrates oder Falcão und damit zügellosem Offensivspiel Menschen auf der ganzen Welt begeisterte, unter anderen den kleinen Leonardo Nascimento de Araújo, damals zwölf Jahre alt. Leonardo ist heute Trainer von Inter Mailand, doch als er vor einiger Zeit auf seine Fußballlehre angesprochen wurde, da nannte er Santana seinen „Meister und Inspirator“.

          Seit Anfang Januar läuft der 41 Jahre alte Brasilianer und ehemalige Trainer des AC Mailand die Außenlinie auf und ab, wenn Inter Mailand spielt. Leonardos Bewegungsfreude am Spielfeldrand ist der sichtbarste Unterschied zu seinem Vorgänger Rafael Benítez, der seiner Mannschaft meist im Sitzen zusah und dabei oft hilflos wirkte. Leonardos Aktionismus, den man ihm auch an diesem Mittwoch (20:45 Uhr(live in Sat 1 und im FAZ.NET-Champions-League-Liveticker) im Achtelfinal-Hinspiel der Champions League gegen den FC Bayern München (siehe auch: Champions-League: Van Gaal schaut nur nach vorn) ansehen wird, hat sich auf seine Mannschaft übertragen. Sie spielt zwar noch nicht annähernd so schön wie Brasilien 1982, hat aber ihre Lust auf Fußball wiederentdeckt.

          „Ich habe keine Arbeit gesucht, sondern einen Traum“

          Zurzeit wirkt es wie ein zu vernachlässigender Nebeneffekt, dass Inter mit Leonardo seine bisherige Stärke, die Stabilität, eingebüßt hat. „Ich habe keine Arbeit gesucht, sondern einen Traum“, sagte der Trainer, der Jostein Gaarders Philosophie-Roman „Sofies Welt“ als eines seiner Lieblingsbücher bezeichnet, bei seiner Vorstellung im Januar. In Leonardos Welt bleibt Inter fast nie ohne Gegentor, erzielt durchschnittlich aber mehr als zwei Treffer pro Spiel, ein Zahlenspiel, das durchaus im Sinne Tele Santanas wäre.

          Inter-Trainer Leonardo: Seine Erfahrungen als Profi geben ihm die notwendige Autorität

          Von der Art Fußball, mit der Inter Mailand im vergangenen Jahr Sieger der Champions League - im Finale gegen den FC Bayern - wurde, ist Leonardos Grundhaltung ziemlich weit entfernt. Im Gegensatz zur generalstabsmäßigen Planung seines Vorvorgängers José Mourinho scheint Inters Spiel inzwischen weitgehend von Anarchie bestimmt. Die Zeitung „La Repubblica“ erkannte schlichtweg „ein verrücktes System“, das aber bisher ziemlich erfolgreich praktiziert wird und Inter auf Platz drei der Serie-A-Tabelle befördert hat. Zuletzt waren die Stars allerdings ein wenig müde. Wegen der im Dezember ausgetragenen Klub-WM musste Inter einige Partien im Januar nachholen und hat seither bereits doppelt so viele Punktspiele absolviert wie der FC Bayern.

          Der Trainer als Teil einer verschworenen Gemeinschaft

          Wie Mourinho, heute Trainer von Real Madrid, versteht sich auch Leonardo als Teil einer verschworenen Gemeinschaft und wirkt bisweilen wie ein Spielertrainer, der aber nicht auf den Platz darf. Seine Erfahrungen als Profi geben ihm die notwendige Autorität, die er in seiner kurzen Trainerlaufbahn noch nicht ansammeln konnte. Der Globetrotter war bei Vereinen in Brasilien, Spanien, Japan, Frankreich und Italien aktiv und spricht fünf Sprachen fließend. Ausgerechnet den größten Erfolg seiner Laufbahn, den Gewinn der WM 1994, erlebte Leonardo nur auf der Tribüne, weil er im Achtelfinale gegen die Vereinigten Staaten seinen Gegenspieler Tab Ramos mit einem brutalen Ellbogencheck verletzt hatte und anschließend bis ins Finale gesperrt war.

          Als weitere Grenzerfahrung berichtete Leonardo vor zwei Jahren auch über Depressionen, unter denen er in seiner Anfangszeit als Spieler beim AC Mailand gelitten habe, weil er angesichts seines Reichtums schwere Schuldgefühle hatte. Mit einer Therapie und sozialem Engagement überwand er diese Krise, beim AC Mailand stieg er nach seiner aktiven Laufbahn ins Management ein und wurde dort 2009 überraschend Nachfolger von Trainer Carlo Ancelotti. Der Brasilianer führte Milan in die Champions League, schied aber am Ende der Saison im Unfrieden mit Vereinsboss Silvio Berlusconi, der dem Trainer Unvermögen vorgeworfen hatte.

          Leonardo konterte feinsinnig: „Narziss gefällt eben nur sein Spiegelbild.“ Nicht zuletzt der Streit mit dem Eigentümer des AC Mailand macht Leonardo für die Tifosi von Inter zu einem akzeptablen Erben Mourinhos. Sie hoffen allerdings, dass es mit ihrem Team nicht dasselbe Ende nimmt wie mit Santanas Brasilien. Das spielte wunderschön, gewann aber nie eine Trophäe.

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