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Integration durch Sport : Faustrecht auf dem Fußballfeld

  • -Aktualisiert am

Nicht nur beim Sport ein Team: Die Spieler des SV Griesheim Bild: Wonge Bergmann

Manchmal fliegen beim Fußball die Fäuste. Vor allem in den unteren Ligen. Zuwanderervereine fühlen sich zu Unrecht als Keimzellen der Gewalt kritisiert. Bei der Polizei spricht niemand von Schwierigkeiten mit Ausländern. FAZ.NET-Spezial.

          Das A-Jugend-Spiel TSG Wörsdorf gegen VfR Rüdesheim endet in der 66. Minute. Die Faust eines 18 Jahre alten Rüdesheimers kommt von hinten, dann geht der Schiedsrichter auf dem Platz in Idstein bewusstlos zu Boden. Einen Ausraster nennen Zeugen hinterher die Attacke im November. Doch die Ausraster mehren sich seit einigen Jahren in den Amateur-Fußballligen. Schiedsrichter fühlen sich immer öfter als Ventil für den Frust der Gesellschaft. Verbandsgremien reagieren mal ratlos, mal ahnungslos. Die hessische Sozialministerin Silke Lautenschläger (CDU) sieht jetzt Zuwanderer-Sportvereine im Zentrum der Schwierigkeiten.

          Wenn Ausländer ihre eigenen Vereine in deutschen Städten gründeten, sei dies „eins der größten Probleme, die wir uns machen können“, sagte Lautenschläger im Dezember vor der Kommunalen Ausländervertretung in Frankfurt. Parallelgesellschaften entstünden, wenn Zuwanderer auch im Sport eigene Wege gingen. Gewalt sei eine der Folgen. Angesprochen von der Ministerin fühlt sich kaum ein Verein. Viele der vermeintlich ausländischen Clubs können Spielerlisten mit ganz unterschiedlichen Nationalitäten und vielen deutsch klingenden Namen präsentieren. Sie sagen, ihre Arbeit sei nichts anderes als Integration, oder sie fragen wie Haci Hacioglu vom Frankfurter Club FC Serkevtin Spor: „Was vertreibt die Jugendlichen aus den eingesessenen Vereinen mit überwiegend deutschen Mitgliedern?“

          „Nationalität spielt ein entscheidende Rolle“

          Yilmaz Yüksek hat darauf eine Antwort. In der Bezirksoberliga habe er vor Jahren bei einem deutschen Club im Taunus gespielt und dabei lange vergeblich auf einen Stammplatz in seiner Mannschaft gehofft. Als Ausländer sei man „immer draußen, wenn ein Deutscher gleich gut ist“, sagt der Sechsundzwanzigjährige. Niemand spreche es aus, doch sei es Realität, dass in den ursprünglich deutschen Vereinen die Nationalität eine entscheidende Rolle spiele. Deshalb kickt Yüksek nach eigenen Worten lieber für Serkevtin Spor Frankfurt in der Kreisliga B, im Keller der deutschen Fußballligen.

          In den Zuwanderer-Sportvereinen fänden Jugendliche, die sonst kaum noch etwas mit der Heimat ihrer Eltern verbinde, was ihnen die Traditionsclubs nicht bieten könnten, sagt Omar Kuntich vom marokkanischen Club FC Taqua Frankfurt. „Eine große Familie“, nennt der Trainer das und berichtet von gemeinsamen Reisen, finanzieller Unterstützung und Verständnis für die Schwierigkeiten von Ausländern. Dass sich die Vereine mit fremd klingenden Namen immer öfter auch außerhalb des Sports engagierten, bestätigt Helga Roos. Die Mitarbeiterin des Sportkreises Frankfurt hat im Sommer die „Kids-WM“ im Gallusviertel organisiert. Bei dem mit dem Frankfurter Integrationspreis ausgezeichneten Turnier hätten sich die Mannschaften von Zuwandererclubs geradezu vorbildlich präsentiert, sagt sie. Abseits des Fußballplatzes biete mancher der von Sozialministerin Lautenschläger gescholtenen Vereine jungen Mitgliedern sogar Nachhilfeunterricht. Eintracht Frankfurt dagegen, berichtet Roos, sei mit seinen Jugendmannschaften nicht einmal zum Turnier im Gallus gekommen.

          „Unsere Spieler sind nette Jungs“

          Und auch bei der Polizei mag niemand von Schwierigkeiten mit Ausländern im Fußball sprechen. Christoph Heck von der Landesinformationsstelle Sporteinsätze sieht unterschiedliche Mentalitäten bei den Fußballern, hat nach eigenen Worten aber keine Anzeichen dafür, dass Zuwanderer-Sportvereine die Amateurligen unsicher machen. „Ausländer und Deutsche sind gleichauf“, sagt der Kreisrechtswart des Frankfurter Fußballs, Helmut Strunz, zur Gewaltbereitschaft auf den Sportplätzen in der Stadt. Einen Zusammenhang zwischen der Existenz ausländischer Sportvereine und Gewalt bei Fußballspielen stellt auch Frankfurts Sportdezernent Uwe Becker (CDU) nicht fest.

          Als sinnvolle Freizeitbeschäftigung bezeichnet der Vorsitzende des marokkanischen Clubs SV Griesheim Tarik, Aissa Akzouli, das Angebot seines Vereins. Während der Trainings wüssten die Eltern, was die Jugendlichen täten. Disziplin, sagt Akzouli wie die Verantwortlichen anderer Vereine, sei den Trainern wichtig. Akzouli fügt hinzu: „Unsere Spieler sind nette Jungs.“ Eine aggressive Stimmung ist in der Kabine der Griesheimer jedenfalls so wenig auszumachen wie an den Plätzen anderer Zuwanderer-Sportvereine. Beim A-Jugend-Spiel in Idstein war die Aggression denn auch keine Sache ausländischer Herkunft. Der Hitzkopf sei ein Deutscher gewesen, berichteten nach dem Spiel die Sportredaktionen.

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