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Insolvenz abgewendet : Die Angst vor dem Abstieg

  • -Aktualisiert am

„Finanzspritze” für Borussia Dortmund: Eigner stimmen Sanierungsplan zu Bild: dpa/dpaweb

Jubel oder kollektives Wehklagen? Dortmund bangt um die Zukunft von Borussia, den wirtschaftlichen Strukturwandel hat die Stadt jedoch schon längst geschafft.

          3 Min.

          Essen sonnt sich seit Tagen in der Aussicht, Kulturhauptstadt Europas zu werden. Derweil bangt die Ruhrpott-Rivalin Dortmund, die gerade nach Einwohnern wieder einmal um einige Köpfe vorne liegt, um ihre Zukunft als Fußball-Hochburg. In Düsseldorf, wo immer das große Geld zu Hause war, wird unterdessen über das Schicksal des Ballsportvereins Borussia Dortmund verhandelt. Verhandlungen, die tiefgreifende und verheerende Auswirkungen in der Metropole des östlichen Ruhrgebiets haben könnten.

          Am Montagnachmittag ist noch alles offen. Die Aussicht, auch im nächsten Jahr in der Fußball-Bundesliga zu spielen, ebenso wie die Vorstellung, daß künftig die Hobbykicker der Kreis-Liga C im Westfalenstadion, Deutschlands größter Fußball-Arena, auflaufen. Alles ist möglich. Auch die Vorstellung, daß sich der Borsig-Platz im Dortmunder Norden, wo im schwarz-gelben Meer aus Fantrikots und Fahnen alle Erfolge der Borussen gefeiert wurden, in einen Ort des kollektiven Wehklagens verwandelt.

          Das Spiel der Geldgeber

          In vielen Büros im Rathaus am Friedensplatz liefen am Montag die Radios. Auf diese Weise hofften Beamte und Angestellte am schnellsten zu erfahren, ob ihr Verein in letzter Minute doch noch vor der Pleite gerettet worden ist. Denn die Stadt saß nicht in Düsseldorf mit am Tisch, als dort die Hauptversammlung der Eigentümer des Westfalenstadions über das Sanierungskonzept für den börsennotierten Verein beriet. Und bevor er von dort nichts Genaues und Verläßliches gehört habe, wollte Oberbürgermeister Gerhard Langemeyer (SPD) sich auch nicht dazu äußern.

          Im Spiel der Geldgeber kann Dortmund nicht mithalten. Der Haushalt liegt gerade dem Regierungspräsidenten in Arnsberg vor. Man hofft, daß der Etat genehmigt wird, denn dann wären die Dortmunder wenigstens das Haushaltssicherungskonzept los, das den Handlungsspielraum arg einschränkt. Im Jahr 2009, so das Ziel, soll der Haushalt wieder ausgeglichen sein. Schon jetzt ist kein Geld da, etwa die zehn Millionen Euro, um das Westfalenstadion für die Fußball-Weltmeisterschaft 2006 herzurichten. Aber die Weltmeisterschaft in Dortmund sei durch den Deutschen Fußballbund gesichert, sagt der Sprecher der Stadt. Also geht nicht alles unter, und doch drängt sich die Frage auf, was eine Weltmeisterschaft in Dortmund wäre, wenn es den BVB nicht mehr gebe. Niemand hier will daran denken.

          Kohle und Stahl sind Vergangenheit

          Dann doch lieber am Glanz der möglichen Kulturhauptstadt Essen teilhaben, der in die ganze Region zwischen Rhein und Ruhr ausstrahlen soll. Gerade hat die Stadt einen neuen Intendanten für ihr Konzerthaus gefunden. Am 17. März muß er noch offiziell vom Stadtrat berufen werden. Das Konzerthaus, das den Anspruch Dortmunds als Metropole bekräftigen sollte, war in den ersten beiden Jahren seines Bestehens in eine finanzielle Schieflage geraten. Die wirtschaftliche Misere hat den ersten Intendanten zur Aufgabe veranlaßt. Für seinen Nachfolger hat die Stadt nun gleich eine Million Euro drauf gelegt und den Finanzierungsanteil von 3,9 auf 4,9 Millionen Euro gesteigert. Und das alte Gebäude der traditionsreichen Dortmunder Union Brauerei wird derzeit in ein Museum verwandelt. Es soll eine Dependance der Berlin ansässigen Stiftung Preußischer Kulturbesitz aufnehmen.

          Seine Vergangenheit als Stadt von Kohle und Stahl hat Dortmund hinter sich gelassen. Heute ist Dortmund Universitätsstadt, Logistikzentrum, Versicherungs- und High-Tech-Standort. Auf Phönix-West, wo einst Kokerei und Hochofen standen, entsteht gerade ein Technologiezentrum für Mikrosystemtechnik (MST). Der erste Bauabschnitt der MST-Factory ist schon vermietet, der zweite Bauabschnitt soll bald folgen. Dort sollen hochwertige Wohnkomplexe entstehen, die sich um einen künstlichen See reihen. Die Grundstücke sind erworben, die Altlasten zum großen Teil beseitigt. Bald soll mit dem Bau der Häuser begonnen und 2007 der See geflutet werden.

          Schadenfreude über die Talfahrt

          Selbst von der Neugestaltung des Bahnhofs ist wieder die Rede. Seit Jahren schon soll er überbaut und wie anderswo in ein Einkaufszentrum mit Gleisanschluß verwandelt werden. Für das Bahnhofsareal gab es schon viele hochfliegende architektonische Pläne. Sie sind alle nicht verwirklicht worden, aber nun heißt es wieder einmal, die Vertragsunterzeichnung mit den Investoren stehe bevor.

          Es tut sich also etwas in Dortmund, und die Stadt hat sich abgekoppelt von der wirtschaftlich negativen Entwicklung des Ruhrgebiets. Sie geht ihren eigenen Weg und hat sich dem östlich gelegenen Sauerland zugewendet. Für diese Region möchte Dortmund wirtschaftliches und kulturelles Oberzentrum sein. Das ist der Stadt und ihrem Oberbürgermeister in den Nachbarstädten als Arroganz ausgelegt worden. Deshalb gibt es dort auch klammheimliche Schadenfreude über die Talfahrt des BVB.

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