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Inklusion im Sport : Einarmig im deutschen Fußball-Nationalteam

  • -Aktualisiert am

Trotz Unfall am Ball für Stuttgart und die Nationalelf: Robert Schlienz (rechts) Bild: picture-alliance/ dpa

Markus Rehm ist mitnichten der erste Sportler mit Behinderung, der an einem Wettbewerb mit Nichtbehinderten teilnimmt und gewinnt. Der armamputierte Robert Schlienz spielte einst gar für die deutsche Fußball-Nationalelf.

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          Angesichts der hitzigen Inklusionsdebatten, die momentan nicht nur den Sport, sondern auch und vor allem die Bildungseinrichtungen betreffen und beunruhigen, befeuert der Fall Rehm die öffentliche Diskussion erst recht. Zusätzlich wurde in manchen Medien auf die vermeintliche sportpolitische Einzigartigkeit dieses Falles hingewiesen, Rehm sei der erste Sportler mit Behinderung (zumindest in Deutschland), der je an einer deutschen Meisterschaft von Sportorganisationen nichtbehinderter Menschen teilgenommen und sogar einen Titel gewonnen habe.

          Das klingt spektakulärer, als es ist. Denn die Berichterstattung zur Causa Rehm klammert leider jegliche historische Perspektive aus, und deshalb kommt es hier zu vorschnellen Verkürzungen und krassen Fehleinschätzungen, die die aktuelle Debatte um Inklusion im Sport und seine Folgen komplett verzerren. Denn das angeblich Sensationelle einer solchen Meldung diskreditiert die historischen Tatsachen.

          Es gab Epochen in der deutschen Sportgeschichte, in denen die damals noch so genannten „Versehrtensportler“, die Väter des Behindertensports, ganz selbstverständlich und ohne Aufsehen an regulären deutschen Meisterschaften der Fachverbände des deutschen Sports teilgenommen haben. Und sie kamen auch zu Meisterehren. Dies geschah ausgerechnet in den heute als konservativ und unbeweglich geschmähten späten vierziger und fünfziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts. Damals ging es auch nicht anders.

          Denn da es bis 1951 nur wenige Versehrtensportvereine und schon gar keinen Deutschen Behinderten- oder Versehrtensportverband gab, der Meisterschaften im Versehrtensport offiziell organisieren und austragen konnte, und die damaligen Versehrtensportler ja irgendwo starten mussten und wollten, sind sie ganz einfach und ganz normal über ihre regionalen Sportvereine und Sportfachverbände bei den regulären deutschen Meisterschaften gestartet. Sie hatten zwar keine Sportprothesen, aber die 100 Meter oder die 10.000 Meter konnte man, so die damalige Meinung, auch mit einem Arm oder als „Ohnhänder“ rennen.

          Nach einem Autounfall auf dem Weg zum Spiel in Aalen musste Schlienz 1948 der linke Arm amputiert werden Bilderstrecke

          Wer waren diese Versehrtensportler, die sich ohne Aufhebens der Sache und ohne großen Protest seitens des „regulären“ Sports ihre eigene Inklusion geschaffen haben? Der typische Versehrtensportler nach 1945 war der kriegsversehrte ehemalige Soldat, der nicht nur über den Sport in der Wehrmacht (oder in der SS, das ist die historische Bürde, mit der sich der Sport auseinanderzusetzen hat) sozialisiert war, sondern auch eine zivile Sporterfahrung vor 1939 mitbrachte. Denn es handelte sich in der Regel um ehemalige Hochleistungssportler auf nationalem und internationalem Niveau, denen nach 1945 zwar Hände, Arme oder Beine fehlten, die aber von ihrem Sport nicht lassen konnten und ganz selbstverständlich weiter Hochleistungssport in ihren Vereinen und Verbänden betrieben.

          Und damit stoßen wir auf das Phänomen „versehrter“ Teilnehmer im regulären Sport und sogar „versehrter“ deutscher Meister bereits lange vor der Ära Rehm; eine Epoche, die vergessen ist, die aber die aktuelle Diskussion bereichern und relativieren könnte. Nur ein paar Beispiele: 1947 wurde der oberschenkelamputierte Wasserballer Fritz Gunst mit dem Team seines Hannoverschen Sportvereins (inoffizieller) deutscher Meister. Gunst war 1932 und 1936 Mannschaftsolympiasieger im Wasserball geworden.

          Eine Liste, die sich fortsetzen lässt

          Es gibt Zeitzeugen, die behaupten, er sei noch mit einem Bein etlichen anderen Wasserballern mit zwei Beinen überlegen gewesen. 1947 nahm der Langstreckenläufer Horst Kretzschmar als „Ohnhänder“ an den deutschen Zonenmeisterschaften in Köln über 10.000 Meter teil; 1935 hatte er auf Rang zehn der deutschen Rangliste im Langstreckenlauf gelegen. Der schon in den dreißiger Jahren erfolgreiche Geher Wilhelm Kneiffel wurde 1949 mit Eintracht Braunschweig - trotz eines Stecksplitters im Oberschenkel - deutscher Mannschaftsmeister über 30 Kilometer, 1952 noch einmal Mannschaftsdritter.

          Und 1955 spielte der nach einem Unfall armamputierte Stuttgarter Fußballer Robert Schlienz mit der deutschen Fußball-Nationalmannschaft gegen Irland, es folgten zwei weitere Einsätze. Bis 1960 bestritt er für den VfB Stuttgart 391 Spiele. Und das alles nicht nur als „Versehrter“ unter Sportlern ohne Behinderung, sondern auch in einem für Sportler schon fortgeschrittenen Alter. Zum Karriereende war er 36 Jahre alt. Die Liste wäre fortzusetzen.

          Etliches akzeptiert und einiges erlaubt

          Ein Blick in die Geschichte des Behindertensports könnte der aktuellen Diskussion neue Aspekte vermitteln. Die allzu neue Inklusion ließe sich durch eine historische Tiefenbohrung möglicherweise unaufgeregter bewerten. Zumindest zeigt die Behindertensportgeschichte, dass in historischen Ausnahmesituationen, wenn Organisationen noch nicht institutionalisiert sind, wenn Reglements noch keine Normierung bedeuten und wenn fröhliches Improvisieren das Tagesgeschäft bestimmt, vieles möglich, etliches akzeptiert und einiges erlaubt ist.

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