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Nachfolger von Joseph Blatter : Infantinos Siegeszug zur Fifa-Präsidentschaft

Herz am rechten Fleck? Gianni Infantino ist neuer Fifa-Präsident Bild: AP

Gianni Infantino ist neuer Präsident des Internationalen Fußballverbands Fifa. Der Schweizer setzt sich im zweiten Wahlgang durch. Zudem beschließt der Kongress der Nationalverbände umfangreiche Reformen. Die erste Kritik lässt aber nicht lange auf sich warten.

          Die Prozedur dauerte kürzer als erwartet – ob sie auch schmerzlos sein wird, muss man erst noch sehen. Schon nach dem zweiten Wahlgang beim Außerordentlichen Kongress des Fußball-Weltverbandes (Fifa) am Freitag in Zürich stand der Schweizer Gianni Infantino als Nachfolger des gesperrten Joseph Blatter auf dem Präsidentenstuhl fest. Damit liegen die Geschicke des Weltfußballs weiter in Walliser Hand. Infantino, der Generalsekretär der Europäischen Fußball-Union (Uefa), wird allerdings nicht im Blatter-Stil weiter regieren können. Seine Handlungsfreiheit wird durch ebenfalls in Zürich beschlossene Reformen eingeschränkt.

          Evi Simeoni

          Sportredakteurin.

          Michael Ashelm

          Redakteur in der Wirtschaft.

          „Ich will mit ihnen allen daran arbeiten, die Fifa wiederherzustellen und wieder aufzubauen“, versprach er in seiner ersten Ansprache vor den versammelten Delegierten der Nationalverbände. Während seines Wahlkampfs habe er eine außergewöhnliche Reise gemacht – er flog zusammen genommen fünfmal um die Welt und habe viele Leute getroffen, „die den Fußball lieben, und verdienen, dass die Fifa wieder hohen Respekt genießt“.

          Deutlicher Sieg

          Dafür will er, der bisher dem Lager der Reform-Gegner zuzurechnen war, jetzt kämpfen. Der 45 Jahre alte Infantino schlug den zweiten selbsternannten Fifa-Retter, Scheich Salman Bin Ibrahim Al Khalifa aus Bahrein, deutlich mit 115 zu 88 Stimmen der 207 stimmberechtigten Delegierten. Der chancenlose südafrikanische Kandidat Tokyo Sexwale hatte seine Kandidatur vor der Wahl zurückgezogen.

          Die Stimmen des jordanischen Prinzen Ali aus der ersten Runde (27) waren fast komplett an den Schweizer übergegangen. Der Franzose Jérôme Champagne ging in der zweiten Runde leer aus. Trotz allem geht diese Präsidentenwahl als dramatisch in die Fifa-Geschichte ein. Zuletzt war es vor 42 Jahren zu einer zweiten Runde gekommen.

          In seiner Ansprache vor der Wahl war Infantino auf seine großzügigen Wahlversprechen zu sprechen gekommen. „Das Geld der Fifa gehört ihnen“, rief er den Verbänden zu, „nicht dem Fifa-Präsidenten. Es muss der Entwicklung der Fifa dienen.“ Damit begründete er noch einmal seine Zusage, einen gravierend höheren Anteil an den Einnahmen an die Mitglieder auszuschütten. Dafür erhielt er großen Applaus. Ein erstaunlicher Wandel, bedenkt man, dass sich sein bisheriger Arbeitgeber Uefa seit Jahren beklagt, zu wenig Gehör zu finden verglichen mit dem Geld, das er im Fußball generiert.

          Scheich Salman bin Ibrahim al-Khalifa Bilderstrecke

          Zuvor hatte die Versammlung noch reibungsloser das Reformpaket verabschiedet. Offensichtlich sahen die Delegierten ein, dass ohne die nötige Dreiviertelmehrheit die Fifa sonst vollkommen der amerikanischen Justiz in die Hände fallen würde. Die eindringlichen Appelle von Interims-Präsident Issa Hayatou und Eröffnungsredner Thomas Bach, dem Präsidenten des Internationalen Olympischen Komitees, bildeten nur noch den verbalen Höhe- und Schlusspunkt. Die Versammlung machte kurzen Prozess. Mit 179 Ja-Stimmen wurde das Paket angenommen. 22 Länder stimmten dagegen, sechs Länder enthielten sich.

          Eckert mahnt

          Nur Hans-Joachim Eckert, der nüchtern denkende Vorsitzende der Spruchkammer der Fifa-Ethik-Kommission, dämpfte die Begeisterung, indem er gegenüber dieser Zeitung auf einen Schwachpunkt hinwies: „Die Frage ist, wer wird darauf achten, dass die Reformen umgesetzt werden?“ Er sieht noch viel Arbeit auf den Weltverband zukommen: „Die Fifa ist mit Sicherheit noch nicht fertig mit den Reformen. Was beschlossen wurde, ist okay, es gibt aber noch Verbesserungsbedarf.“

          Immerhin verpflichteten sich die Nationalverbände, künftig ihre Geschäfte daheim nach moderneren Compliance-Vorgaben zu führen. Ob schon allen klar ist, dass die Fifa vor hat, die Umsetzung auch zu überprüfen, wird sich zeigen. Der Deutsche Fußball-Bund (DFB) jedenfalls hat in jüngster Zeit schon schmerzlich lernen müssen, dass man niemals so freihändig mit seinem Geld umgehen sollte wie die Speerspitzen der Bewerbung um die Weltmeisterschaft 2006. „Das war mehr als nötig“, sagte Reinhard Rauball, Interimspräsident des DFB, zum Beschluss. Und auch Reinhard Grindel, der designierte DFB-Chef, hieß die Neuerung willkommen: „Wir haben jetzt dieses Reformpaket, es muss nun aber gelebt werden. Wir werden jetzt auch beim DFB überlegen, wie wir die Compliance-Fragen anpacken.“

          Die Reformen umfassen Änderungen von der Spitze bis zur Basis. Dazu gehört, dass der Präsident in Zukunft vor allem Repräsentationsaufgaben wahrnehmen wird. Sein Gremium wird das 37 Personen umfassende Council sein, das aus dem früheren Exekutivkomitee hervorgeht und keine operativen Kompetenzen mehr haben wird. Die Amtszeit der Spitzen-Leute wird auf drei mal vier Jahre beschränkt. Die rechtliche Vertretung der Fifa nimmt der neue Generalsekretär wahr.

          Ein historischer Moment für die Fifa also? Das dürfte weiterhin an den handelnden Personen liegen. Vor dem Verband liegt ein umfangreicher Rekrutierungsprozess, denn die neue Satzung sieht viele von außen kommende Personen vor. Rauball sieht darin eine Chance, mehr Repräsentanten des deutschen Fußballs in die Fifa zu bringen. Geldverteiler Infantino kann nur hoffen, dass auch das Einnahmen-Niveau wieder den alten Level erreicht. Finanzchef Markus Kattner jedenfalls erklärte, die Fifa sei mit dem Umsatz-Ziel von 5 Milliarden Dollar im aktuellen, vierjährigen WM-Zyklus im Verzug. Der Rückstand beträgt zur Zeit 550 Millionen Dollar.

          Lesen Sie alles zum Fifa-Kongress nochmal nach in unserem Liveblog aus Zürich!

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