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Bundesliga-Kommentar : Durchsetzt von Vorurteilen

  • -Aktualisiert am

Vorurteile ausgeräumt: Tayfun Korkut widerlegt seine Kritiker Bild: dpa

Die Bundesliga setzt ein deutliches Zeichen gegen Vorurteile. Das Engagement gegen Diskriminierung in der Gesellschaft ist gut. Im Bundesligaalltag herrscht indes oftmals genau dieser falsche Geist.

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          Zum dritten Mal nach 2012 und 2015 haben die 36 Vereine der beiden Bundesligen am Wochenende ein deutliches Zeichen gesetzt – gegen Diskriminierung und Ausgrenzung, gegen Rassismus. Schließlich stehen Spieler aus knapp 60 Nationen jede Woche gemeinsam auf dem Rasen. „Die Bundesliga ist dazu prädestiniert, weil sie nach 55 Jahren für mehr Menschen denn je einen gemeinsamen Bezugspunkt bildet – unabhängig von Alter, Geschlecht, Einkommen, Hautfarbe oder Religion“, sagt Christian Seifert, der Geschäftsführer der Deutschen Fußball Liga, zur „Strich durch Vorurteile“-Aktion. Das mag stimmen, und es ist schlimm genug, dass überhaupt eine solche Aktion nötig ist. Aber die Frage bleibt, ob man diejenigen, die erreicht werden müssten, damit zum Nachdenken anregen kann.

          Vorurteilsfrei ist der Fußball schließlich nie, vielleicht war er es noch nie so wenig wie in diesem Zeitalter der sozialen Medien und der Kommentarleisten im Internet. Bricht man es vom Kampf gegen den Rassismus, dem die gemeinsame Aktion des Wochenendes galt, einmal auf den „normalen“ Umgang mit sportlichen Ereignissen herunter, bedenkt man dazu das vieldiskutierte Interview von Per Mertesacker über seine psychischen Belastungen als Profisportler, dann sieht man schnell, wie wenig ausgeprägt ein normales Miteinander in diesem Geschäft ist. Nur solange der Erfolg da ist, ist auch alles gut – fehlt er, bleibt in der Regel auch jede Form von Empathie aus.

          Der normale Bundesliga-Alltag ist durchsetzt von Vorurteilen. Als der VfB Stuttgart im Februar Tayfun Korkut als neuen Trainer vorstellte, schlug ihm im Internet ein Shitstorm entgegen, der nichts mit Skepsis zu tun hatte. Korkut wurde schon abgesprochen, überhaupt etwas zu können, bevor er sein erstes Training leitet. Das hielt er dann in eisiger Atmosphäre ab – 250 Fans waren gekommen und schwiegen. VfB-Präsident Wolfgang Dietrich und Sportvorstand Michael Reschke wären von vielen im „Ländle“ damals am liebsten geteert und gefedert und aus der Stadt gejagt worden. Sieben Spiele und 17 von 21 möglichen Punkten später müsste der VfB-Server angesichts der Flut an Entschuldigungs-Mails eigentlich zusammenbrechen, tut er mangels Überlastung aber natürlich nicht.

          Die Eintracht als Vorbild

          Das ist nicht etwa ein Stuttgarter Phänomen – alle sind mit (Vor-)Urteilen schnell zur Hand, und ja, Journalisten zuweilen ebenfalls. Bruno Labbadia wurde in Wolfsburg nicht allzu freundlich empfangen und darf dafür nun die Fehler der Vergangenheit aufarbeiten, etwa den unerklärlichen Verkauf des Führungsspielers Mario Gomez in der Winterpause nach Stuttgart.

          Auch in Frankfurt, wo sie aus dem Staunen nicht mehr herauskommen, wurde Fredi Bobic von eingefleischten Eintracht-Fans im Sommer 2016 schon vor seinem ersten Arbeitstag als Sportvorstand mehrheitlich abgelehnt. Mit wenig Geld, viel Mut zum Risiko und einer offenbar sehr gut arbeitenden Scouting- und Analyse-Abteilung stellte sich die Eintracht einen Kader mit Spielern aus 18 Nationen zusammen, der gerade vielumjubelt an die Tür zur Champions League anklopft – und nun als Vorbild für die gemeinsame „Strich durch Vorurteile“-Aktion des Wochenendes galt. Ausgerechnet die Eintracht, bei der sich so viele sicher waren, dass es schiefgehen wird.

          Peter Penders
          (pep.), Sport

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