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WM-2006-Affäre : Der Deutsche Fußball-Bund als Black Box

Franz Beckenbauer Bild: dpa

Schau’n mer mal weg: Im Fall Beckenbauer regiert beim DFB eisernes Schweigen. Auch das Freshfields-Gutachten wird immer mehr zu einer öffentlichkeitswirksamen Beruhigungspille. Eine Anklage.

          Es war der erste Freitag im März dieses Jahres, als der DFB-Vorstand in Frankfurt in eisiges Schweigen verfiel. Turbulente Wochen und Monate lagen hinter den Herren des deutschen Fußballs. Über dem Sommermärchen waren schon länger dunkle Wolken aufgezogen. Eine bis heute ungeklärte Zahlung von 6,7 Millionen Euro hatte seit einem knappen halben Jahr den Verdacht genährt, die Fußball-Weltmeisterschaft 2006, das große deutsche Identifikationsprojekt, könnte gekauft gewesen sein. DFB-Präsident Wolfgang Niersbach, damals Teil des Bewerbungs- und Organisationskomitees, war schon über die Affäre gestürzt.

          Michael Horeni

          Korrespondent für Sport in Berlin.

          Er hatte zunächst auf eigene Faust in eigener Sache ermittelt. Und dann versucht, die Öffentlichkeit auf einer Pressekonferenz für dumm zu verkaufen. Seine Nachfolger versuchten danach eine vom Verband selbst in Auftrag gegebene anwaltliche Untersuchung als große Aufklärungskampagne zu inszenieren. Der Report der Kanzlei Freshfields sollte der Grundstein für den neuen DFB sein: sauber, ehrlich, transparent. Das hat sich der Verband was kosten lassen.

          „Rettig, gib mal Ruhe“

          An jenem Freitag im März präsentierte Professor Christian Duve von Freshfields dem DFB-Vorstand in einer Vorbesprechung die Ergebnisse, als plötzlich eine Frage aus dem Vorstand auftaucht. „Andreas Rettig erkundigte sich nach Honoraren für Franz Beckenbauer durch den DFB. Prof. Duve erklärte, dass Franz Beckenbauer für die Bewerbungs- und Organisationsphase kein Gehalt bekommen habe“, wird es später im Protokoll heißen. Was nicht im Protokoll vermerkt ist: die Kälte seiner Kollegen, die dem kaufmännischen Geschäftsleiter des FC St. Pauli in diesem Moment entgegenschlägt. „Ich erinnere mich sehr gut. Es hieß dann: ,Rettig, gib mal Ruhe!‘ Unbequeme Fragen stören nur, da ist man schnell persona non grata.“

          Rettig hatte an diesem Tag, ob bewusst oder unbewusst, etwas tatsächlich Ungeheuerliches getan: Er hatte am ehernen Gesetz gerüttelt, das sich die deutsche Kickerfamilie seit Generationen auferlegt hat: dem eisernen Schweigen, der Fußball-Omerta. Das Interesse, dass die Reihen geschlossen bleiben, war bei der Sitzung mit Händen zu greifen. „Es gibt keine offene Streitkultur in der Sache. Alles steht unter dem eigenen sportpolitischen Blickwinkel und der Frage: Was bringt mir diese oder jene Entscheidung?“, sagt Rettig über eine Kultur des Wegschauens im DFB. „Weil es in diesen Fällen an Klarheit und Transparenz fehlte, haben wir diese Vertrauenskrise im Fußball. Deswegen glaubt niemand mehr den Funktionären. Deswegen vertraut niemand mehr den Verbänden. Wir haben im Fußball eine Black-Box-Mentalität, wo am Ende nur noch ein kleiner innerer Zirkel weiß, wie die Dinge laufen.“

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          Die meisten der führenden Funktionäre im Deutschen Fußball-Bund kennen sich seit Jahren und Jahrzehnten. Da hilft man sich gegenseitig, immer wieder. Ob es nun um Wahlen auf Kreis-, Landes- oder Bundesebene geht - jeder braucht jeden einmal. Auch bei anderen Dingen. Es ist ein System von Abhängigkeiten entstanden. „Es sind über Jahre gewachsene Strukturen. Da tritt man sich nur ungern gegen das Schienbein. Man braucht sich“, sagt Rettig. Und wer kritische Fragen stellt, so haben es Kritiker immer wieder erlebt, werde in der Fußballfamilie gebrandmarkt. Rettig aber glaubt, sich Kritik leisten zu können. „Ich muss keine sportpolitische Karriere mehr machen.“ Seine Vorstandszeit endet im November auf dem DFB-Bundestag in Erfurt. Im Jahr 2015 hatte Rettig schon seinen Vertrag als Geschäftsführer bei der Deutschen Fußball Liga aufgelöst und sich zuvor auch mit DFL-Chef Christian Seifert gerieben.

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