https://www.faz.net/-gtl-7cj9v

Im Gespräch: Trainer Helmut Groß : „Ich mag das kontrollierte Chaos“

  • Aktualisiert am

Verknüpft sich als nächste Entwicklungsstufe vielleicht das Tiki-Taka-Kurzpassspiel mit den sogenannten deutschen Tugenden - starke Physis, Laufbereitschaft, taktische Disziplin?

Im Grunde wird das von den Dortmundern schon umgesetzt. Die sind immer viel unterwegs, laufbereiter als der Gegner, vollbringen physisch stärkere Leistungen, laufen nicht nur viel, sondern oft auch sehr schnell. Da sind sie die Allerbesten. Dies beruht auf den aktuellen Erkenntnissen der Statistik: Wenn viele Spieler mitsprinten, ist die Chance auf eine schnelle Balleroberung größer. Außerdem landen Bälle, die auf diese Art und Weise erobert werden, viel wahrscheinlicher im Tor als zum Beispiel nach einem Fehlpass des Gegners, der nicht erzwungen wurde. Die Mannschaft hat in der Vorwärtsbewegung einen Bewegungsvorsprung, orientiert sich in die richtige Richtung. Die Dortmunder haben in der Summe nicht die Einzelspielerqualitäten wie die Bayern und Barcelona. Aber Barca hing bei der Laufbereitschaft und dem Tempo zuletzt hinterher.

Der BVB spielt riskant nach vorne, Fehler gehören dazu. Geht das nicht irgendwann auf Kosten des schönen Spiels?

Schön ist, was erfolgreich ist. Gegenpressing zur Balleroberung ist das größte Element bei Dortmund. Trainer Klopp argumentiert, dass sein Spielmacher das Gegenpressing ist. Er verzichtet sozusagen auf einen Spieler, der „aus dem Stand“ vermeintlich Schönheit ins Spiel bringt, weil er so die Möglichkeit hat, viel mehr Torchancen zu kreieren. Ich selbst empfinde es als „schön“, wenn ein riskanter Pass gespielt wird, der Ball verlorengeht, aber drei Spieler im Schwarm nachsetzen, den Ball wieder erobern und dann daraus das Tor entsteht. Das sieht manchmal chaotisch aus, aber es handelt sich meist um kontrolliertes Chaos mit oft sehr hoher Kreativität.

„Trainer Klopp argumentiert, dass sein Spielmacher das Gegenpressing ist“
„Trainer Klopp argumentiert, dass sein Spielmacher das Gegenpressing ist“ : Bild: AP

Stimmt der Eindruck, dass die einzelnen Spielerpositionen gerade im Fluss sind und es da immer weniger starre Festlegungen gibt?

Das hängt mit der Entwicklung zum Schwarmverhalten zusammen. Ich brauche Spieler, die sehr vielseitig sind im Zusammenwirken und unterschiedliche Situationen bewältigen. Spieler mit „besonderen Waffen“ brauche ich zwar auch noch, aber ganz wenige. Vielleicht ganz vorne als Stürmer, aber auch da gibt es schon andere Lösungen. Hier entscheiden mehr Spielwitz und Geschicklichkeit. Heute wird sowieso versucht, flach und schnell zu spielen, da brauche ich nicht unbedingt jemanden, der auf eine finale Flanke wartet. Mehr als 90 Prozent der Tore werden im Strafraum vorbereitet. Flanken von ganz außen, welche die Zuschauer oder der Fernsehkommentator immer so gerne fordern, führen nur im Promillebereich zu Toren. Da ist aufgrund der langen Flugbahn die Abwehr mit langen Kerls und Torwart klar im Vorteil.

Der Gladbacher Sportdirektor Eberl bemerkte, dass in Deutschland zukünftig robuste Innenverteidiger fehlen könnten, weil solche Typen derzeit in der Talentförderung eher hinten runterfallen. 

Er hat schon recht. Ein Innenverteidiger braucht zusätzliche athletische Fähigkeiten. Der spielt in der „roten Zone“ und muss dort seinen Mann stehen, wo mindestens 90 Prozent der Tore fallen. Dort kann mit einem Kontakt ein Tor geschossen werden. Er muss Widerstand leisten können, auch im Luftkampf. Dazu gehören Kraft, Timing, Sprungkraft und eine gewisse Größe, vor allem, wenn der Gegner sehr konservativ angreift.

Weitere Themen

Topmeldungen

Sinnbild für einen narzisstischen Chef: Michael Douglas als Gordon Gekkoim Film „Wall Street“

Narzissmus im Job : Wenn der Chef nur sich selbst liebt

Der Vorgesetzte ist dominant, leicht kränkbar oder cholerisch? Schnell liegt der Verdacht einer Persönlichkeitsstörung in der Luft. Doch schwierige Chefs sind nicht immer gleich Narzissten.
Christine Lagarde, Präsidentin der Europäischen Zentralbank (EZB)

Anleihekäufe : Die EZB bleibt im Krisenmodus

Die jüngsten Beschlüsse zu den Anleihekäufen der Europäischen Zentralbank sind rechtlich bedenklich und strategisch äußerst ungeschickt, schreiben die Gastautoren Laus Adam und Hans Peter Grüner.