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Im Gespräch: Thomas Hitzlsperger : „Ich werde nicht einknicken“

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„Schon oft erlebt, dass ich nicht in der ersten Elf erwartet wurde, aber dann trotzdem aufgelaufen bin” Bild: AP

Trotz des mäßigen Saisonstarts beim VfB Stuttgart könnte Thomas Hitzlsperger beim WM-Qualifikationsspiel gegen Russland von Beginn an spielen. Der Stuttgarter Kapitän über seine Krise im Verein und die Vorfreude auf das Spiel in Moskau.

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          Trotz des mäßigen Saisonstarts beim VfB Stuttgart könnte Thomas Hitzlsperger gegen Russland in der WM-Qualifikation von Beginn an spielen. Der Stuttgarter Kapitän über die Krise im Verein, die Faulheit des Andrej Arschawin und die Vorfreude auf das Spiel in Moskau.

          Andrej Arschawin hat gesagt, er sei von Natur aus faul. Macht es Ihnen Mut, wenn der russische Star das von sich behauptet?

          Aber er ist immer da, wenn keiner auf dem Platz mit ihm rechnet. Das erfordert hohe Konzentration. Das gilt auch gegen die anderen russischen Spieler, die über besondere Fähigkeiten verfügen.

          „Eine schlechte Phase im Verein sagt nichts darüber aus, ob man in der Nationalmannschaft gut oder schlecht spielt”
          „Eine schlechte Phase im Verein sagt nichts darüber aus, ob man in der Nationalmannschaft gut oder schlecht spielt” : Bild: dpa

          Der russische Nationaltrainer Hiddink gilt als Taktikfuchs, der eine Elf sehr erfolgreich auf eine besondere Aufgabe einstellen kann. Haben Sie das im Kopf?

          Wir haben es bei unserem Sieg in Dortmund ja schon erlebt, welche Mannschaft er aufbietet und wie wir dagegen spielen können. Das gibt uns ein gewisses Selbstbewusstein. Er hat zweifellos viel Erfahrung, viel Erfolg und kennt bestimmt die deutsche Spielmentalität ganz gut. Aber am Samstag steht Hiddink nur am Rand. Das Entscheidende passiert auf dem Platz.

          Beschreiben Sie die Atmosphäre in der deutschen Mannschaft. Fokussiert, locker, gespannt, nervös, verkrampft?

          Unser Trainer hat gleich am ersten Abend unserer Zusammenkunft verlangt, dass wir die Vorbereitung konzentriert absolvieren, damit es uns am Samstag nicht eiskalt erwischt. Das hat jeder von uns verinnerlicht. Wir sind konzentriert, angespannt, aber auch voller Vorfreude. Wir wollen diese besonderen Spiele.

          Können Sie den Misserfolg mit dem VfB Stuttgart hinter sich lassen?

          Eine schlechte Phase im Verein sagt nichts darüber aus, ob man in der Nationalmannschaft gut oder schlecht spielt. Das gilt auch für mich: Keine Situation im Verein hat einen so direkten Einfluss, dass man später in der Analyse sagen könnte, diese oder jene Leistung war abzusehen.

          Müssen Sie sich als Kapitän etwas vorwerfen lassen, weshalb der VfB Stuttgart derzeit nicht funktioniert?

          Mehrere Spieler können derzeit ihre Erwartungen und die unseres Trainers nicht erfüllen. Das gilt auch für mich. Ich bin sehr bemüht, dies zu verändern, muss aber akzeptieren, dass die Leistung nicht nur in eine Richtung geht. Die Tiefs, die wir schon hatten in Stuttgart, waren unangenehm. Aber das hat jetzt eine neue Dimension. Wir sind verunsichert.

          Welchen Grund gibt es für den Bundestrainer, einen Spieler für das Spiel des Jahres aufzubieten, der selbst an sich zweifelt?

          Schon oft hat es in der Nationalelf die Konstellation gegeben, dass nicht alle elf Spieler, die aufgeboten worden sind, in ihren Vereinen gerade Topleistungen gebracht haben. Sie waren trotzdem dabei, weil sie in der Vergangenheit zu den Leistungsträgern zählten.

          Der Bundestrainer könnte darauf kommen, Ihnen den formstarken Kollegen Simon Rolfes vom Bundesliga-Spitzenreiter Leverkusen vorzuziehen.

          Ich habe in der Vergangenheit schon oft erlebt, dass ich nicht in der ersten Elf erwartet wurde, aber dann trotzdem aufgelaufen bin. Ich habe jedes WM-Qualifikationsspiel von Anfang an gemacht, obwohl ich nicht immer in einer blendenden Verfassung war. Und es hat trotzdem gereicht. Wir haben außer einem Unentschieden jedes Spiel gewonnen. Ich habe diese Woche gut trainiert und will am Samstag unbedingt von Anfang an spielen.

          Der Bundestrainer hat gesagt, Sie würden zu sehr über die Situation im Klub nachdenken und darüber womöglich noch unsicherer werden. Hat er recht?

          Nachdenken wird doch von uns verlangt. Das sehe ich nicht als Problem. Ich bin nicht der Typ, der sagt, mir sind meine Situation und die des Vereins egal und es wird irgendwie schon wieder laufen. Ich bin an Lösungen interessiert – und das erfordert Denkarbeit. Darum geht es mir. Ich werde nicht einknicken und aufgeben. Wenn wir da rauskommen, mache ich persönlich auch den nächsten Schritt nach vorne.

          Es hagelt in Stuttgart Kritik an Ihnen. Berechtigt oder sind Sie der Sündenbock?

          Viele Zuschauer orientieren sich daran, was sie in der Zeitung lesen. Da heißt es, der Hitzlsperger ist eigentlich Führungsspieler, aber gibt nicht die richtigen Kommandos. Diese Sichtweise ist zu plump. Keiner beschäftigt sich mit dem System, den Aufgaben der einzelnen Spieler und unseren wirklichen Defiziten. Vor drei Monaten galt ich noch als guter Führungsspieler und Kapitän. Jetzt arbeite ich sogar noch mehr für diese Rolle – und es reicht nicht mehr. Das ist doch absurd.

          Ihr früherer Stuttgarter Kollege Mario Gomez hat gerade in München ein ähnliches Problem wie Sie.

          Er hat in München einen schwierigen Start. Er hat in Stuttgart schöne Jahre gehabt und war einer der Hauptgründe, weshalb es bei uns oft so gut lief. Ich denke, er ist stark genug, da herauszukommen. Er muss sich jetzt eine dicke Haut zulegen. Ich wünsche ihm das Beste.

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