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Im Gespräch: Integrationsbeauftragter Matur : „Auch urdeutsche Kinder wollen Özils Schuh“

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Mehmet Matur Bild: Berliner Fußball-Verband

Zehn deutsche Nationalspieler haben einen Migrationshintergrund. Mehmet Matur, Integrationsbeauftragter des Berliner Fußball-Verbands und Inhaber eines Sportgeschäfts in Neukölln, spürt dadurch einen Schub für seine Arbeit.

          Özil, Khedira, Klose, Podolski, Trochowski, Gomez, Boateng, Aogo, Marin und Tasci haben Eltern ausländischer Herkunft oder sind sogar im Ausland geboren. Bei dieser WM spielten Akteure mit Migrationshintergrund eine größere Rolle in der deutsche Nationalmannschaft als jemals zuvor. Mehmet Matur, Integrationsbeauftragter des Berliner Fußballverbands, stellt dadurch positive Veränderungen an der Fußball-Basis fest.

          Es wurde viel geredet über die deutsche Nationalmannschaft und den großen Anteil an Spielern mit Migrationshintergrund. Verändert das an der Basis etwas?

          Ja, definitiv. In den Jugendmannschaften der Vereine sind die Kinder mit Migrationshintergrund richtig stolz auf Mesut Özil, Sami Khedira oder Jerome Boateng. Sie haben alle zu Deutschland gehalten.

          War das bislang anders?

          Nein, ich habe schon 2006 und 2008 eine Trendwende gespürt. Damals wurde ja vor den beiden Spielen gegen Polen immer viel über die polnische Herkunft von Klose und Podolski diskutiert. Das hat schon irgendwie die Solidarität gesteigert. Aber jetzt merke ich in meinem Sportgeschäft, dass das noch mal mehr geworden ist: Bei mir sind fast alle Deutschland-Artikel ausverkauft, obwohl hier in Neukölln 90 Prozent meiner Kundschaft einen Migrationshintergrund haben.

          Und es sind jetzt nicht nur Türken, die wegen Özil kommen, sondern auch Albaner, Araber und sogar Serben, die nach dem Ausscheiden ihrer Mannschaft für ihre Kinder Deutschland-Trikots kaufen und beflocken lassen.

          Wie wird sich dieses Phänomen auf Ihre Arbeit als Integrationsbeauftragter des Berliner Fußball-Verbands auswirken?

          Mich freut das ungemein, weil mir das einen Schub für meine Arbeit gibt. Das gibt mir Kraft, mich weiter stark zu engagieren. Und ich bin mir sicher, dass diese Erfolge mir Türen öffnen werden und Integrationsarbeit erleichtern werden. Wohlgemerkt von beiden Seiten: Die Menschen mit Migrationshintergrund identifizieren sich auch durch die Spieler mehr mit Deutschland. Und die „Ur-Deutschen“ nehmen spielerisch wahr, dass Menschen mit Migrationshintergrund zu Deutschland gehören. Dazu passt es, dass deutsche Kinder bei mir im Geschäft in den vergangenen Wochen deutlich öfter nach dem Schuh von Mesut Özil als nach dem zuvor beliebtesten Schuh von Cristiano Ronaldo gefragt haben.

          Ist der Anteil der Spieler mit Migrationshintergrund eigentlich in der Nationalmannschaft besonders hoch, oder spiegelt sie die Realitäten im Fußball wider?

          Bundesweit haben 30 Prozent der Fußballspieler einen Migrationshintergrund. Das ist in der Bundesliga, wohlgemerkt ohne die Legionäre, meines Wissens nach ein ähnlicher Prozentsatz.

          Ist es also eher Legendenbildung, wenn man den Fußballspielern mit Migrationshintergrund einen größeren sportlichen Ehrgeiz und Durchsetzungswillen nachsagt, weil sie im Fußball ihre einzige Aufstiegschance sehen?

          Fußball ist in den meisten Kulturen der klassischen Einwanderungsländer die absolute Nummer eins unter den Sportarten, meist noch extremer als in Deutschland. Deshalb spielen eben viele Kinder mit Migrationshintergrund Fußball, und deshalb setzen sich dann eben Özil, Khedira, Boateng, Tasci oder Marin auch durch. Aber das hat nicht sehr viel mit sozialen Aufstiegschancen zu tun. Eher ist es so, dass ein Mesut Özil deutsche Disziplin gelernt hat und ein bisschen ureigenen türkischen Spielwitz mitbringt.

          Vor der WM wurde diskutiert über Kevin-Prince Boateng und seine letztlich gescheiterte Integration in den deutschen Fußball. Nun wird die Integration der anderen Spieler gefeiert. Wo liegt die Wahrheit?

          Irgendwo dazwischen. Sicher ist noch nicht alles optimal, und es ist noch nicht überall selbstverständlich, dass Jugendliche mit Migrationshintergrund dieselben Fördermöglichkeiten im Fußball bekommen. Aber da machen die Vereine genauso Fehler wie die Jugendlichen. Vielleicht hat Hertha BSC Boateng falsch behandelt, aber sicher hat auch er seinen Teil dazu beigetragen. Insgesamt sind wir meines Erachtens auf einem guten Weg.

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