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Im Gespräch: Günter Netzer : „Ich wäre Löw böse, wenn er aufhört“

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Günter Netzer gilt als der profilierteste Fußballexperte des deutschen Fernsehens und hat unter anderem den Grimmepreis gewonnen Bild: ddp

Günter Netzer war der Kopf des deutschen EM-Teams 1972, das ein deutsches Fußball-Schönheitsideal gestiftet hat. Die WM in Südafrika ist nach 13 Jahren Netzers letzte Dienstreise für die ARD.

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          Alle in Deutschland finden diese Mannschaft toll - Sie doch nicht etwa auch?

          Ich muss Sie da leider enttäuschen. Ich finde es sogar bewundernswert, was da passiert. Ich hatte Löw und dem Team nicht geglaubt. Im Australien-Spiel habe ich eine gute Leistung zur Kenntnis genommen. Aber die Aussagen nach dem Spiel mussten erst bestätigt werden, was nicht gelungen ist. Serbien war ein Ausnahmespiel, man sah aber: Die Moral ist in Ordnung. Ghana war schwer. England hat dann wirklich Maßstäbe gesetzt. Es ist tatsächlich so, wie Löw immer erzählt hat. Ich glaube ihnen jetzt.

          Wenn Sie von Maßstäben sprechen: Manche erinnert diese Mannschaft an die bislang spielerisch beste deutsche Mannschaft, das Team von 1972. Sie auch?

          Das war nicht mein erster Gedanke. Ich bin immer ein bisschen vorsichtig mit großen Begriffen. Das größte Lob möchte ich nicht nach zwei Spielen verteilen. Das ist aber der einzige Grund. Geben wir ihnen noch ein bisschen Zeit, aber hier entsteht Bleibendes. Sie haben sich mit einem Schlag eine Chance geschaffen, wie man sie nur ganz selten erhält. Das erzeugt bei mir Bewunderung. 1972 gab es mit dem 3:1-Sieg in England die Geburtsstunde dieser Mannschaft, die später die Europameisterschaft und dann etwas verändert die WM gewonnen hat. Man muss jetzt die WM abwarten, ob dieses Niveau gehalten werden kann. Das 4:1 gegen England war eine großartige Erfahrung für diese junge Mannschaft und keine Eintagsfliege. Sie haben ein Spiel aufgezogen, was außergewöhnlich gut war, sie haben zu keinem Zeitpunkt die Konzentration und die Nerven verloren. Aber das muss gegen Argentinien untermauert werden. Selbst wenn es eine Niederlage gibt, ist für mich die Art und Weise entscheidend, wie sie spielen.

          „Diese Mannschaft glaubt Maradona alles - er ist eine Lichtgestalt”
          „Diese Mannschaft glaubt Maradona alles - er ist eine Lichtgestalt” : Bild: dpa

          Gehen wir doch mal die Mannschaftsteile durch. Sie haben immer geglaubt, dass die Abwehr wackelt - nun soll sie die argentinische Offensive mit Messi, Tevez und Higuain stoppen?

          Das ist sicher noch ein wunder Punkt, vor allem, weil Mertesacker schwächelt. Das ist ein Problem gegen Mannschaften, die wie Argentinien ernsthaft um den Titel mitspielen. Das wird eine Nagelprobe.

          Sie glauben, dass die jungen Mittelfeldspieler wie Müller, Özil und Khedira den Druck, der sie gegen Argentinien erwartet, aushalten werden?

          Ich glaube sehr daran. Ich habe nichts gegen eine junge Mannschaft. Erfahrung ist für mich immer auch ein wenig negativ besetzt, heißt oft auch: das Trikot ein bisschen spazieren führen. Nur noch darauf vertrauen, dass man Erfahrung hat und viele Länderspiele auf dem Buckel. Das zählt nicht. Es ist gut, in gewissen Phasen erfahrene Leute zu haben, die regulierend eingreifen können, die den Rhythmus ändern, die Ruhe bewahren. Wir haben das nicht. Wir kompensieren das mit jugendlicher Frische, teils mit Übermut. Wenn ich Müller in dieser Mannschaft erlebe und ihn hervorhebe, tue ich den anderen Spielern zwar etwas unrecht, aber es ist faszinierend, was der Junge leistet. Wie ist das möglich? Der muss doch irgendwann mal merken, was mit ihm passiert: Spätestens dann müsste es ihm unheimlich werden. Aber der hat damit gar nichts am Hut - der spielt einfach so weiter. Er hat den größten Sprung aller Spieler gemacht.

          Müller hat mit Blick auf die englischen Stars Terry, Lampard und Gerrard gesagt, dass ihm das zu viele Häuptlinge sind, dass es auch Leute geben müsse, die arbeiten und kämpfen. Und dass er den Eindruck hat, dass da nicht jeder den letzten Schritt für den anderen gegangen ist.

          Das trifft den Nagel auf den Kopf.

          Im Sturm macht Klose sein 100. Länderspiel gegen Argentinien - trägt der etwa auch sein Trikot spazieren?

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