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Im Gespräch: Günter Netzer : „Ich wäre Löw böse, wenn er aufhört“

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Das ist die größte Überraschung für mich. Ich gestehe, ich war überzeugt, dass er nicht die richtige Wahl sein würde. Wieso sollte er auf Knopfdruck fit sein? Aber Löw hat das tatsächlich geschafft. Nur: Wenn ich Verantwortlicher beim FC Bayern wäre, würde ich mich fragen, warum er nicht vorher in dieser Verfassung ist. Das ist dasselbe Phänomen wie bei Podolski - die Eingemeindung in die Nationalmannschaft. Sie finden hier ein Umfeld vor, das leistungssteigernd wirkt. In Köln gibt es offensichtlich ein Problem. Die Leistung, die Podolski dort bietet, können sie sich dort eigentlich nicht länger gefallen lassen. Aber plötzlich vergessen die Spieler alles, was es an negativen Erfahrungen in der Saison gegeben hat - und das unter erschwerten Bedingungen, die spielen ja hier nicht gegen kleine Mannschaften. Mit einem Schlag kehren bei ihnen wieder die tollen Zeiten mit der Nationalmannschaft zurück. Dass so etwas funktioniert, ist für mich überraschend, aber auch sehr schön - und was für ein Trainer, der so etwas verspricht und das auch noch hält.

Ist umgekehrt Argentinien so stark wegen Maradona - oder trotz Maradona?

Das ist eine Frage, die wohl niemand beantworten kann. Ich halte ihn nicht für einen so großen Trainer wie diejenigen, die in Europas Spitzenmannschaften tätig sind. Er ist kein Mourinho. Er ist kein Wenger. Er ist kein van Gaal. Denen kann er das Wasser nicht reichen. Aber er regelt es auf andere Weise. Wie er das macht, ist egal. Er macht es jedenfalls. Diese Mannschaft glaubt ihm alles. Er ist wie der Franz - eine Lichtgestalt. Die Heldenverehrung in Südamerika ist noch viel stärker, als wir uns das vorstellen können. Er wird unglaublich verehrt, trotz der ganzen Dinge, die er getrieben hat. Er ist der Held dieser Mannschaft, und die Spieler verehren ihn, wie sie niemanden je verehrt haben - und sie sind bereit, für ihr Land übermäßig viel zu tun. Aber sie tun das auch dem Trainer zuliebe. Man sieht das selbst bei den Leuten, die er nicht aufstellt. Milito nicht aufzustellen ist schon eine Nummer. Aber er fällt ihm nach einem Tor immer um den Hals. Das ist großartig.

Zählt Joachim Löw zu den großen Trainern?

Ich habe Löw immer für einen großen Trainer gehalten. Vergleiche mit Vereinstrainern sind immer schwierig. Er hat auf mich immer stets einen hervorragenden Eindruck gemacht, weil er konstant war, stabil, konsequent. Da gab es nie einen Zickzackkurs. Man sieht, wie stark die Mannschaft auf ihn reagiert.

Wären Sie ihm böse, wenn er nach der WM aufhörte?

Ja, ich wäre Löw böse, wenn er aufhört. Das ist wirklich so. Ich mag ihn sehr, ich schätze ihn sehr. Es gibt überhaupt keinen Grund hinzuschmeißen. Diese Mannschaft ist sein Werk - und dieser Weg ist noch lange nicht abgeschlossen. Das gibt man nicht auf. Und es gibt auch weit und breit keinen besseren Job für ihn. Es sei denn, er hat das Kapitel Nationaltrainer für sich erledigt und er möchte in den Klubfußball und jeden Tag die Spieler um sich haben. Das ist das einzige Argument, das ich akzeptieren würde. Aber die Voraussetzungen, die er bei der Nationalmannschaft vorfindet, gibt es nirgendwo sonst. Das ist eine Spielwiese im Paradies.

Zum Viertelfinale kommt auch Michael Ballack. Viele fragen sich nun, was aus ihm nach der WM wird. Wie sehen Sie seine künftige Rolle?

Ballack hat sehr viel geleistet - und das ist noch nicht zu Ende. Er ist ein erfahrener, großer Spieler. Wenn man immer sagt, der Mannschaft fehlt Erfahrung, dann hat er seinen Platz in der Mannschaft. Aber die jungen Spieler kommen mit einem gestärkten Selbstbewusstsein nach Hause. Das ist einfach so, ich kenne das aus eigener Erfahrung. Auch wenn Gladbach früher ein gutes Spiel ohne mich gemacht hat, hieß es sofort: Es geht viel besser ohne den. Es ist ein gängiges Mittel gegen allzu etablierte Spieler, gegen Superstars, dass so eine unterschwellige Stimmung herrscht. Im Augenblick muss sich die Mannschaft nicht mit Ballack beschäftigen, sie ist mit sich selbst beschäftigt genug. Aber er wird akribisch beobachtet, wenn er wieder zurückkehrt. Er hat seinen Platz in der Mannschaft. Aber wenn seine Leistungen nicht stimmen und die Resultate, wird das ganz sicher ein Thema.

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