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Im Gespräch: Christian Nerlinger : „Ich fühle mich nicht im Schatten von Uli Hoeneß“

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Christian Nerlinger löst Uli Hoeneß als Sportdirektor ab: „Ich bekomme sehr viel Vertrauen von allen Seiten.” Bild: dpa

Christian Nerlinger hat lange für Bayern München und kurz für den 1. FC Kaiserslautern gespielt. Jetzt kehrt der Sportdirektor der Bayern an den Betzenberg zurück. Im F.A.Z.-Interview spricht er über mögliche Abgänge, seine Rolle und Startschwierigkeiten.

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          Am 31. August endet die Transferperiode. In den Tagen davor wird es traditionell noch einmal hektisch auf dem Markt. Haben Sie als Sportdirektor des FC Bayern München auch Stress?

          Stress nicht, aber zum Ende der Transferperiode hin ist schon immer ein bisschen mehr los. Es gibt viele Gespräche.

          Zum Beispiel mit Martin Demichelis, der nach dem Verlust des Stammplatzes keine Zukunft mehr sieht in München und auch nicht im Kader für das Spiel an diesem Freitag in Kaiserslautern steht. Gibt es schon Angebote für den Argentinier?

          Bisher gibt es nichts Konkretes. Wir sind nach einem Gespräch so verblieben, dass Martin Demichelis Zeit bekommt, sich zu überlegen, ob er sich nicht vielleicht doch beim FC Bayern durchbeißen will. Ich würde ihm das empfehlen. Es kann sich schnell was ändern in der Mannschaft, und Louis van Gaal betont ja immer, dass jeder Spieler seine Chancen bekommt und die Leistung entscheidend ist.

          Bayern-Spieler Nerlinger (v., gegen den Rostocker Micevski): „Wenn die großen Bayern nach Kaiserslautern kommen, herrscht Ausnahmezustand”

          Neben Demichelis ist auch Sosa vor dem Absprung. Anatoli Timoschtschuk soll bei Dynamo Moskau im Gespräch sein. Und für Mario Gomez interessiert sich angeblich der FC Liverpool.

          Wir hatten signalisiert, dass wir gesprächsbereit sind, wenn Spieler unzufrieden sind und keine sportlichen Perspektive sehen. Aber die Interessen des FC Bayern haben natürlich Vorrang. Viele Spieler hatten eine sehr kurze Vorbereitung und wir haben ein schweres Programm vor der Brust. Für mich wäre es deshalb okay, wenn bei uns nichts mehr passiert. Dann haben wir jede Position doppelt besetzt.

          In der Innenverteidigung könnte es aber eng werden, wenn tatsächlich Demichelis und Timoschtschuk den Verein verlassen.

          Wir werden sehr vorsichtig sein in unseren Aktivitäten und auf jeden Fall dafür sorgen, dass wir einen ausgeglichenen Kader behalten. Es kann nicht sein, dass wir ein Risiko eingehen.

          Heißt das, dass nicht beide gehen dürfen?

          Nur so viel: Ich schließe aus, dass wir uns in eine Situation bringen, dass wir nicht auf jeder Position doppelt besetzt wären.

          Ehe die letzten Personalentscheidungen der Transferperiode fallen werden, steht am Freitag das Bundesligaspiel beim 1. FC Kaiserslautern auf dem Programm. Dort haben Sie vor fünf Jahren Ihre Profikarriere beendet.

          Privat war es eine sehr schöne Zeit, sportlich aber sehr enttäuschend. Ich wollte nach den Jahren in Glasgow noch einmal den Sprung in die Bundesliga wagen und habe es in Kaiserslautern versucht. Aber nach eineinhalb Jahren bat ich aus gesundheitlichen Gründen den Präsidenten um die Auflösung meines Vertrages. Es hatte keinen Sinn mehr nach zwei Zehenoperationen. Das Aufhören ist mir damals aber sehr leicht gefallen.

          Auf dem Betzenberg stößt der FC Bayern bei den Fans auf noch weniger Gegenliebe als in den meisten anderen deutschen Stadien. Woher kommt die besondere Feindseligkeit?

          Der Betzenberg ist bekannt dafür, ein sehr fanatisches Publikum zu haben, nicht nur in der Kurve, sondern auch auf den VIP-Plätzen. Es ist einen Tick aggressiver als in anderen Stadien. Die ganze Stadt lebt den Fußball. Und wenn die großen Bayern kommen, herrscht die ganze Woche Ausnahmezustand. Es wird anders trainiert, man bewegt sich als Spieler anders in der Stadt. Wir müssen in Kaiserslautern sogar eine Security engagieren, wenn wir unseren Bus in der Nacht abstellen. Das ist bei anderen Auswärtsspielen nicht so.

          Womit muss Miroslav Klose beim Auftritt als Bayern-Spieler in seiner Heimat rechnen?

          Er wird, glaube ich, sehr positiv empfangen, denn er hat sich immer sehr positiv über Lautern geäußert und schließt ja auch ein Karriereende am Betzenberg nicht aus. Miro ist für Kaiserslautern wie ein verlorener Sohn, der irgendwann zurückkehren wird. Das ist eine spezielle Beziehung.

          In Ihrer ersten Saison als Sportdirektor agierten Sie sehr zurückhaltend. War es schwer aus dem Schatten von Uli Hoeneß, bis Ende vergangenen Jahres noch Manager, zu treten?

          Ich glaube, das ist uns allen gut gelungen. Denn die Struktur im Verein hat sich im letzten Jahr gewaltig verändert. Franz Beckenbauer war vor allem in der Außendarstellung eine wichtige Persönlichkeit für den Verein. Uli Hoeneß ist dazu ein starker Präsident, der auch ein Auge auf das operative Geschäft wirft. Ich fühle mich nicht in seinem Schatten, denn ich bekomme sehr viel Vertrauen von allen Seiten, und das ist für mich das Entscheidende. Es würde mir nichts nützen, mich nach außen hin zu profilieren, aber intern keine Kompetenzen zu haben. Mittelfristig zählt aber nur der Erfolg. Ich weiß, dass ich davon abhängig bin.

          Ihr Auftreten in der Öffentlichkeit hat sich in den vergangenen Monaten verändert. Es gibt schon mal deutliche Worte, wie zuletzt in Richtung des Ehrenpräsidenten Franz Beckenbauer. Ihnen hat nicht gefallen, dass er über Martin Demichelis sagte, der wolle am liebsten mit Krawatte spielen.

          Es gibt Themen, die muss ich deutlich ansprechen, so wie hier im Fall Demichelis. Man kann sportlich über jeden Spieler diskutieren, aber die Kritik ging darüber hinaus, und das hat Demichelis nicht verdient.

          Was war bisher die schwierigste Phase in Ihrer Amtszeit?

          Die Anfangsphase mit Louis van Gaal war eine sehr intensive Zeit. Jetzt wissen wir, wie er tickt, und er weiß, wie der FC Bayern tickt. Wir haben uns sehr angenähert und agieren jetzt als Einheit. Aber das war am Anfang nicht so. Für mich ist der Gradmesser aber immer die Mannschaft, und die hatte zu jedem Zeitpunkt super mitgezogen.

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